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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-23 · Heft 74 (23.9.1837) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 74 (23.9.1837)
Date
1837-09-23
Page
Seite 296 (sequence 4)
Language
German
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hige, leidenschaftslose Widerlegung, wiewohl es schwer sein dürfte, die Frage zu beantworten, warum Herr I. L. gerade so viele Schattenseiten und fast gar keine Lichtpartteen in seinem Gemälde hervottreten läßt? warum er nicht mit einer Sylbe des unbezweifclt vielen Guten in unsrer Gemeinde, der wohlthätigen und ehrwürdigen Einrichtungen Erwähnung thut? Doch ich will ihm hierüber keine Vorwürfe machen, und eben jene Schattenseiten nur zu beleuchten versuchen. Der ganze Bericht leidet an einem doppelten Fehler: der Unwahrheit und der Oberflächlichkeit; die Thatsachen darin sind theils entstellt, theils der Art, daß sie von allen Provinzen Preußens und nicht blos von' der unsrigen gelten: so wie überhaupt fast eine jede Mittheilung über israelittsche Angelegenheiten aus dem Staate Preußen zugleich eine Mittheilung aus jeder seiner Provinzen ist, worin denn auch für des Berichterstatters schmerzliches Vermissen einer jeden Nachricht über unsre Verhältnisse gleichzei- . ttg ein Trost enthalten zu sein scheint. Sieht man nämlich auf die allgemeine Volksbildung, und hat hierbei das wissenschaftliche Element im Auge, so ist \ie mit Nichten bei unfern Juden geringer, als bei denen im Süden und Westen Deutschlands; im Gegenrheil werden wenigstens unsre christlichen Bildungsanstalten vielleicht von einer verhältnißmäßig größern Anzahl jüdischer Zöglinge beiderlei Geschlechts als anderswo besucht, und kommen eben deshalb von den verschiedensten Otten junge Leute her, um hier ihren Durst nach Kenntnissen stillen zu können. Was das zweite Element der jüdischen Volksbildung, das religiös-sittliche, anlangt, so braucht das Interesse dafür nicht erst angeregt, sondern nur vollkommen befriedigt zu werden. Ich sage vollkommen, denn theilweise hat der hiesige achtbare Vorstand, der nicht bloß zu den reichsten, sondern auch zu den gebildetsten Männern der Gemeinde gehött, für die Beftiedigung desselben Sorge gettagen. Wir besitzen an dem Herrn Rabbiner Jakob Meklenburg einen würdigen, in der hebräischen und rabbinischen Literatur sehr dewanderten und der Zcitbildung nicht entfremdeten Geistlichen, und an Herrn Dr. Saalschütz einen tüchtigen Religionslehrer, dessen zweckmäßiger Unterricht in vier gut organisitten Klassen die größte Theilnahme findet und schon dadurch Früchte genug ttägt, daß sämmtliche Schüler und Schülerinnen mindestens die Einsicht gewinnen, daß sie die allgemeinen Religions- und Sittenlehren nirgendwo anders als in den Quellen des alten Testaments und der heiligen Tradition zu suchen haben. Beide halten abwechselnd, fteilich nicht an jedem Sonnabend und Feiertage, deutsche Vorträge in der Synagoge. Mehr aber können die Vorgesetzten beim besten Willen nicht leisten, und wird auch in ganz Preußen nicht mehr geleistet werden, so lange es an einer kirchlichen Autorität fehlt, so lange diese nicht, wie in andern deutschen Ländern, durch einen Akt der Gnade von Oben her herbeigefühtt wird, oder so lange nicht wenigstens die geistlichen Funktionen in einer Person vereinigt sind, die die Rechtgläubigen sowohl als die Aufgeklätten zufrieden stellt. Endlich ist das Interesse für unsre polittsche Ausbildung nicht minder lebhaft als an andern Orten. Die grelle Schilderung des anonymen Briefstellers paßte höchstens auf die Juden vor 1830, wo sie aber eben so gut anderswo ihre Anwendung finden möchte; seitdem aber die Bestrebungen unsrer Glaubensbrüder für bürgerliche Gleichstellung überall sich kund gethan, schenkt man diesem höchst wichtigen Gegenstände bei uns eine gewiß ebenso warme Theilnahme, als au irgend einem Punkte Deutschlands, ja vielleicht noch eine weit größere, da wir noch der Erfüllung einer weit größern Menge gerechter Hosftrungen und Wünsche entgegen zu sehen haben. Auch zeugt die Behauptung, daß die neuesten Leistungen im Gebiete der jüdischen Literatur hier so ftemd lind, von der ungenauesten Sachkenntnis Fast in keiner gebildeten Familie sind die Namen unsrer Koryphäen unbekannt, und ihre Schriften finden auch bei uns zahlreiche Leser. Daß übrigens Herr Dr. Pinn er bei hiesigen Juden eben so viel Theilnahme als bei den Christen erregte, beweist der Umstand, daß von jenen eine weit größere Anzahl als von diesen auf seine angekündigte Talmudübersetzung unterschrieben hat; daß die Christen aber früher von ihm, als seine Glaubensgenossen, Nottz nahmen, ist theils zweifelhaft, theils mochte es feinen Grund darin haben, daß er selbst sich jenen früher genähert hatte. So viel wird Herr Dr. Pinner, wenn er diese Zeilen liest, mir. wohl bezeugen, daß er in den Familienkreisen, die er mit feinem Besuche beehrte, immer sehr gern gesehen wurde. Was nun von Königsberg gilt, dasselbe gilt fast auch von den benachbarten Theilen der Provinz; auch hier braucht das bei Jung und Alt lebendig erregte Gefühl für jeden Fortschritt zum Bessern nur durch eine höhere Autorität gestillt zu werden. Diesen religiös-sittlichen Sinn lernte der Unterzeichnete besonders im vorigen Jahre kennen, da er in Elbing und in seiner Vaterstadt Danzig einige gottesdienstliche Vorträge zu halten aufgefordert wurde; und was das polittsche Interesse anlangt, so wttß er nicht nur mit Bestimmtheit, daß die dahin einschlagenden Schriften von den benachbarten Kleinstädtern mit Begeisterung gelesen wurden, sondern erinnert sich noch mit Freuden, wie im verflossenen Winter Herr Sch. in dem naheliegenden Städtchen Sch. sich mit der Bitte an ihn wandte, ihm gegen einen Verbreiter judenfcindlicher Gesinnungen Maßregeln an die Hand zu geben, und wie er, als ihm hiettn nicht gewillfahrct werden konnte, Haus und Geschäft verlassend selbst hinkam, um seinem gekränkten Ehrgefühle Luft zu machen. Ich könnte noch außerdem von unsrer Stadt viel Vortreffliches berichten, ich könnte den Wohlthätigkeitsfinn der Königsberger Israeliten rühmlich hervorheben, die segensreichen Wirkungen der Central-Armcnverwaltung geziemend erwähnen, ich könnte von dem schönen jüdischen Hospitale und dem musterhaften Institut der Krankenpflege und Beerdigungszunft weitläustig werden, ich könnte dem edlen Frauenverttn und der damit in Verbindung stehenden Armenschulc den verdienten Beifall zü erkennen geben, und könnte endlich dem Interesse unsrer ausgezttchneten jüdischen Aerzte, namentlich den Herren Dm. Jakobsohn und Jakoby, an den Angelegenheiten ihrer Glaubensbrüder das größte Lob ettheilen, aber ich wollte ja nur die falschen Schilderungen des bekannten Herrn I. L. ins rechte Licht stellen; ich werde daher über jene und ähnliche Verhältnisse ein andermal zü sprechen Gelegenheit nehmen. vr. M. Freystadt. (Aus Strz elln o *). Unsre Stadt entbehrte «bis jetzt eine israelittsche Elementarschule. Seit einem Jahre befinden sich aber allhier zwei Privattehrer von tüchtiger. Bildung. Der Eine, ein angehender jüdischer Theologe, Namens Heymann Palowicz, der Andre, ein gut geschulter Seminarist, Jsaac Bach. Beide, von einem wahrhaft religiösen Sinne durchdrungen, unternahmen es vor 4 Monaten der hiesigen, armen israelittschen Jugend einen unentgeldlichen Religions-Unterricht täglich zu er theilen. Wiewohl die Corporation**) ihnen dazu kein Local einräumen wollte, ließen sie sich doch von ihrem edlen Stteben nicht abbringen, sondern miethetcn aus eigenen Mitteln ein Zimmer, wo sie ihren Unterricht begannen, und bis heute noch mit uncrmüdetem Fleiße fortsetzen. Das Segensreiche dieses Unterrichts fällt täglich mehr in die Augen, denn in dieser kurzen Ittt haben schon die Kinder eine specielle Kenntniß vom Pentateuch, dem Buche Josua und der Richter erlangt, sind ihnen schon herrliche Begriffe von Gott und seinen Eigenschaften beigebracht worden. Ja, es ist erfteulich zu fehen, wie sorgfälttg die Kinder sowohl dem Bibel-Unterrichte, der von Herrn Jalowicz nach vr. Budinger's kleiner Bibel geleitet wird, als dem echt kattzchcttschen Religions-Unterrichte des Herrn Bach zuhören. Auch blieb das lobenswerthe Handeln der beiden Lehrer nicht ohne güten Erfolg auf das Herz sämmtlicher Corporattons-Mitglieder, denn der allgemeine Wunsch ist, baldigst eine Elementarschule zu organifiren.-Ich hoffe, daß Sie, Herr Redacteur, dieses schöne Benehmen der beiden genannten Lehrer, durch die A. Zeit. d. Jud., als das Organ tzxs Judenthums, zu allgemeiner Kenntniß bringen werden. *). Zwischen Thors und Posen. —) Der Gemeinde-Vorstand. Redacteur: Dr. L. PhLlippsou. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

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