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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-21 · Heft 73 (21.9.1837) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 73 (21.9.1837)
Date
1837-09-21
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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292 aber meine Hoffnung bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen ist, so erlaube ich mir hierdurch. Ihnen in aller Kürze das Nothrvendigste hierüber zu melden. Bekanntlich sind die israelitischen Gemeinden im Hannoverschen unter drei Landrabbinate gebracht, deren Häupter zu Hannover, Hildesheim und Emden ihren Sitz haben. Der Rabbiner in der letztgenannten Stadt ist noch von ganz altem Schrot und Korn, und so wenig sich Ersprießliches und dem Zeitgeiste Angemessenes von seiner Amtsführung erwarten läßt, ganz eben so wenig wird auch geleistet. Weit anders verhält es sich mit den beiden.andern Rabbinatsbezirken, und ist besonders rücksichtlich des Schulwesens in dem Letzten Decennio eine bedeutende Verbesserung ins Leben getreten. Die Lehrer müflen sich namentlich vor Antritt ihres Amtes einer Prüfung bei den respectiven Landrabbinern unterziehen, und. es wird dabei sowohl auf Kenntniß der Religion, als auf gemeinnützige Unterrichtsgegenstände Rücksicht genommen. Freilich muß bei diesem Eramen oft sehr nachsichtsvoll verfahren werden, weil den Rabbinen zugleich die Gewissenssache obliegt, fähige Schochtim in den Jugendlehrern anzustellen, und wiewohl die Verbindung dieser beiden Functionen vor Kurzem in der Hannoverschen Zeitung mit der Armuth der kleineren Gemeinden, die zwei Subjecte nicht besolden könnten, vertheidigt wurde: so ist und bleibt es doch ein Uebel, dem abzuhelfen sich die Rabbinen und Gemeindevorstände als erste Aufgabe stellen müßten. Trotz dem muß jeder Unparteiische gestehen, daß der Unterricht selbst auf dem Lande sich sehr gebessert hat, der Volksschule in Hildesheim und Religionsschule in Hannover nicht zu gedenken, die beide die erfreulichsten Resultate liefern. — Auch im Kirchenwesen fangen wir an Fortschritte zu machen, und ist auch an eine innere veredelnde Abänderung des Cultus bisjetzt noch nicht zu denken, so sichern doch wenigstens die von den Rabbinen ansgegangenen und von der Regierung bekräftigten allgemeinen Svnagogenverordnungen die äußere Ruhe und^Würde des Gottesdienstes , und stellen manche, nur zu lang bestandene Mißbräuche ab. Leider fehlt es uns nur an tüchtigen Kanzelrednern noch gänzlich , da ich außer den Landrabbinen Dr. Adler und Bodendeimer und dem Lehrer Wolfsohn in Coppenbrügge, welche Herren zu bestimmten Zeiten und bei besondern Veranlassungen ihre resp. Gemeinden durch gediegene Vorträge erbauen, keine Gemeinde im Königreiche Hannover wüßte, wo, der Anforderung der Zeit gemäß, deutsche Vorträge in den Synagogen gehalten würden. — Zum Schlüsse erwähne ich noch für heute bie löblichen Vereine, die sich ebenfalls zu Hannover und- Hildesheim zur Unterstützung angehender Prof^ssionisten gebildet, haben. Ueber deren bisheriges Wirken, so wie über mehrere andere unserer hierländischen Glaubensgenossen betreffende Momente behalte ich mir vor, Herr Redacteur, Ihnen in einem baldigen zweiten Artikel das Nähere zu melden. G* (Die Prinzessin Auguste und Israel Jacobson.) In den »Darstellungen aus meinem Leben und aus meiner Zeit von Friedrich Karl von S tro mb e ck« *) findet sich ein interessantes Moment aus dem Leben des würdigen Israel Jacobson, wohl werth, einem größcrn Pubblicum mitgetheilt zu werden. Herr von Strombcck erzählt nämlich (S. 231):-— Zur gewöhnlichen Zeit war die Fürstin indeß in meiner Begleitung nach Gandersheim gereist, um dort ihren Geburtstag (2. Oet.) durch das heil. Abendmahl zu feiern (1806). Alles erneuere sich wieder auf die gewöhnliche Weise, aber nur in einzelnen Momenten, wo die Fürstin gleichsam ihre Ahnungen vergüß, kehrte die ihr natürliche frohe Laune zurück. Solche heitere Augenblicke gewährte ihr die Einweihung der Synagoge und der jüdischen Erziehungsanstalt, welche der bekannte Banquier und Geheime Finanz-Rath Israel Jacobson (nachheriger Präsident des israelitischen Consistoriums zu Cassel) zu Seesen, welches Städtchen nur eine Meile *) Brauuschweig 1533. Herr von Stromkeck (Sürfrl. Livvkstber Oberavvelativnsrarh zu Wolsenbiitkel) war 18C6 Abreirach der Prinzeisinn Auguste, Schwester des unsterblichen Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Brauuschweig und Aedlissinn des Iteichstistes Gandersheim. von Gandersheim entfernt liegt, begründet hatte. Diese Einweihung wurde mit großer Feierlichkeit und sogar unter Glockeugeläute (wie Jacobson gestattet worden) vorgenommen. Der Fürstin war mit ihrem Gefolge ein ausgezeichneter Sitz in der Syna» goge bereitet. — Hier erblickten wir denn — zum deutlichen Beweise der Toleranz der Zeit, oder (wie nur ein katholischer Geistlicher aus dem benachbarten Bilderslahn außtrte) zum Zeichen, daß die Zeit vorbei fei, wo man feine eigenthümliche Religion auf eine eifersüchtige Weise geliebt habe, gleichwie eine dahing»- alterte Gattin auch eben keine Eifersucht mehr einzuftößen pflege — neben dem Oberrabbiner, lutherische Superintendenten und! Prediger, einen reformirten Geistlichen und mehrere katholische Priester: alle ergötzt durch das neue Schauspiel, Herrn Jacobson in dem Cosiüme eines protestantischen Geistlichen, angethan mir einem seidenen Mäntelchen und unter dem Kinne mit sogenannten Däffchen, mit der Thora im Arme, fungiren zu sehen. Das Ganze war auf ein Schauspiel berechnet und endete auch mit einem splendiden Gastmahle, (denn ohne Essen und Trinken wird nun einmal eine Festlichkeit nicht für vollständig geachtet), zu dem auch dir Fürstin die Einladung wohlwollend angenommen hatte. Sie schätzte Jacobsons mannigfache Verdienste, und ehrte vorzüglich sein B»- sircben, seine Nation aufzuklären und den'Christen möglichst gleichzustellen. — »Mag immer die nur zu sehr in die Äugen leuchtende Eitelkeit unseres Jacobson« — sagte sie wohl — »einen großen Antheil an seinen Handlungen haben: in hohem Grade ist.es doch zu achten, daß sich seine Leidenschaft'auf diese Weise äußert. Andere sind auch eitel: aber beobachten Sie einmal, auf welche Art sie zu glänzen suchen. Durch ihre vermeintlichen Verdienste wollen sie Andere herabsetzen, während Jaeobson sich auf eine nützliche und edle Weise unsterblich rüachk. Ich achte den Mann auf das vollkommenste, und mein Bruder achtet-ihn auch. Darum ersuche ich Sie, denken Sie darauf, wie auch wir wiederum dem Tempelstister eine Ehre erweisen.« — So ungefähr sprach die Aebtissin, und dachte sich folgende Ueberraschung für Jacobson aus. Ich mußte in meinem eigenen Namen (weil die Fürstin wegen des Todes des Erbprinzen in zu tiefer Trauer war, um selbst Feste geben zu können) Alles, was Gandersheim und die Umgegend an ausgezeichneten Männern und Frauen besaß, jo einem glänzenden Frühstück (Morgens um 11 Uhr) einladen. Der große Kaisersaal auf der Abtei war hierzu eingeräumt, und dir fürstliche Küche hatte etwas Ausgezeichnetes geleistet. — Als dir Gesellschaft nun schon mehrere Stunden froh zusammen gewesen, und sich das Mahl, welches die Mittagstafel völlig ersetzt hatte, seinem Ende nahte, erschien die Fürstin - Aebtissin, als wenn sie der frohen Gesellschaft einen kurzen Besuch abfiatten wollte, gefolgt von mehrern Damen, und unter diesen von den beiden schönen und liebenswürdigen Töchtern ihres Hofpredigers, des Ge» , neralsuperintendenten Klügel. Indem sich nun Jacobson der Für»! stin ehrerbietig näherte, um ihr seinen Respect zu bezeigen, faßte ihn diese freundlich bei der Hand, und die weißgekleideten Mädchen setzten ihm eine aus Gchenlaub künstlich von der Fürstin selbst gewundene Bürgerkrone auf das Haupt, wobei die Leitest» mit hinreißendem Anstande folgende Verse deklamirte, die ich, auf j Verlangen der Aebtissin, gern verfertigt hatte: „Dichrief, ein unterdrücktes Volk zu heben. Nach langer schwerer Zeit die Vorsehung. Berlaß'nen brachtest Du ein neues Leben, Und es zu thun, Ließ war Dir Lohn genunz. Du sahst die Flamm' erlösche«, edler Mann, Und sachst Eie kräftig an z« neuem Glaoz; Du zeigst, was Tugend, Mutl, und Arbeit kann: Darum empfange jeyt dm Bürgerkran;." Jaeobson, auf das äußerste überrascht und auf das tiefste -gerührt, fast unfähig zu reden — beugte das eine Knie vor der edeln Fürstin, nahm den Kranz vom Haupte und drückte ihn anseine Brust, mit den Worten: »Der Kranz soll einst mit in i meinen Sarg.«_ Redacteur: Dr. L. Philipps»». — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

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