Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 64 (29.5.1838)
- Date
- 1838-05-29
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Literatur. Geist des Zudenthums. Aus dem Englischen des d'Jsraeli, Vater. Stuttgart, Liesching. 1836, 8. IV und 238 S. Es ist nicht immer ein Gewinn für die Wahrheit, wenn das Geniecineö ausgezeichneten Mannes einen Gegenstand zu beleuchten strebt, der eine kritische, ruhige Untersuchung und Forschung, langjähriges Studium und bctailXirtc Kenntniß dieses Gegenstandes und seiner Thcile erfordert. Wol sprühen einzelne Funken der Wahrheit hervor, aber sie verlieren sich im Qualm der Vorurtheile und der Widersprüche, deu nur das sanfte Feuer einer die ganze Menschheit umfassenden und auf der Geschichte der ganzen Menschheit basirten Philosophie zu zerstreuen vermag. D'Jsraeli, derselbe, den als Verfasser des Vivian Grey, des literarischen Charakters, dev Alroy u. f. w. das englische Publikum chlö einen seiner geistreichsten Schriftsteller verehrt °), der unferm Volke angehört, wenn er auch seitdem unfern G lauben verließ °°), d'Jsraeli übernimmt es, ein Buch über „den Geist des Judenthums" zu schreiben, und so manches Vortreffliche das Werk auch enthält, so anziehend seine Schreibart auch ist, so wenig wie sich der Geist der Humanität verkennen läßt, der weit über die Bosheit eines deutschen N eo p h y t en erhaben ist — dennoch ist der Verfasser nicht tief in seinen Gegenstand gedrungen, und verwickelt sich in eine Menge von Widersprüchen, die nur aus der Seichtheit und Einseitigkeit der Ansichten, aus einer höchst oberflächlichen Kenntniß der das Judenthum betreffenden Schriften, endlich aus einer völligen Ignoranz über das neuere Iudenthum, besonders die Bestrebungen der deutschen Juden (d'JSraeli ist portugiesischer Abkunft) hervorgehen und die ihn am Ende zu gar keinem Resultate kommen lassen. Die neucsteQu^Ue, aus Der er schöpft und die er citirt, ist ihm: Cardoso las excellencias de los Hebreos, Amsterd. 1679, er erwähnt nicht der Reform, die seit Mendelssohn's Zeit sich überall im Judenthum hervorarbeitet, nicht des Einflusses, den eine mildere Gesetzgebung auf die Juden halte und der Erleuchtung, welche die Philosophie im Judenthum verbreitere, beide schildert er höchstens nach dem Bilde der aus dem Kerker der Inquisition entsprungenen spanischen und portugiesischen Flüchtlinge. Denn der Geist des JudenthumS ist dem Verfasser unwandelbar, „er fordert jede Concesiien, gibt „aber keine, er pflanzt menschliche Institutionen fort, die ihrem „Wesen nach der Vergangenheit angehören, und hält immer noch „an den Vorurrheilen barbarischer Zeiten fest." Welche Widersprüche! Ist bei der Umwandelbarkeit des Geistes ein Fordern von Concessionen möglich? geht das Fordern von Concessionen nicht aus dem Bedürfniß hervor, der Vortheile derselben theilhaftig zu werden und kann das Bedürfniß gefühlt werden, wenn der Geist unwandelbar ist, wenn er an den Vorurtheilen barbarischer Zeiten fefthäll? Sind es übrigens nur menschliche Institutionen, die das Judenthum mit solcher Energie fortpftanzt? DaS Judenthum sei unwandelbar; — so wäre daS Judenthum des Jesaias das deS Rabbi Jehudah, düs Judenthum Cardoso's, daS des Maimuni, das Judenthum in MendelSsohn'S Jerusalem das in denJkarim des Albo? „Daß der Christ des 19. Jahrhunderts dem He- „bräer noch der des neunten sein sollte, ist ein moralischer Ana- „chroniSmuS," aber wir sind noch diedeS neunten Jahrhunderts! „Nicht durch ein nationelles Bild dieses eigenthümlichen Vol- „kes werden wir den Fanatismus des Juden oder des Christen „heruntersiimmen. Wir müssen als Juden fühlen lernen, wenn „wir von ihren Trübsalen reden, und alS Christen denken, wenn „wir ihre Tberheiten enthüllen." So einleitend will also der Verfasser den Geist deö Judenthums beleuchten. Warum aber nicht als philosophischer Menschenkenner und Geschichtsforscher zur „Ent- „hüüung jener Thorheiten" schreiten? Die Geschichte steht auch °) S. Ist. Predigtr und Echulmagaz. II. Band. 3. Heft S. 133. **) Er ist gegmwarti'g auch Mitglied des Unterhauses. R e d a c t. über dem Christenthum, es ist ihre Sache, auch die Thorheiten, welche sich in'S christliche Wesen eingeschlichen haben, zu enthüllen, die patristischen Thorheiten, die Thorheiten der Concilien und der — Inquisitionen. Geschichte und Philosophie stehen über der Menschheit, und erhellen auch daS, was die Menschen Religion nennen, denn was Religion ist, jener heilige Umgang mit Gott, ist nur Eigenthum weniger erhabenen Seelen, drangt sich nur in erhabenen Momenten an die kalte Aeußerlichkeit hervor, wo daS Gemüth des Menschen sich vom Schmuze des Alltags- ^bens frei fühlt und das Göttliche im Menschen sich mit dem Göttlichen der Gottheit verbindet. Als Christen giben auch die vor zu denken, welche das Henkerbeil der Verfolgung schwangen und Scheiterhaufen anzündeten. Eben so wenig müssen wir als Juden fühlenwenn wir von ihren Trübsalen reden, das Gefühl des Menschen würde hier vom Gefühl des Juden zurückgedrängt werden, und das soll es nicht. Der Vers, will als Christ denken, wenn er die Thorheiten der Juden enthüllt und dennoch sagt er: „Kaum gibt eS so irrige Ansichten und Mißverständnisse über „die Kasten der Hindus, als über die gegenwärtigen Zustände, „Gesinnungen und Lebensformen eines ganzen Volkes, das seinen „Wohnsitz unter den Nationen Europa's aufgeschlagen hat." Und der Vers, scheint keine Ausnahme zu machen, denn nirgends finden wir eine Spur, daß auch er Kenntniß der gegenwärtigen Zustände habe; mit dem Cardcso in der Hand, vermag man nicht den Geist des gegenwärtigen Judenthums zu bcurtheilen. Welche Fortschritte, hat seit dieser Zeit auch die christliche Theologie gemacht, trotz aller Bestrebungen der Obscuranren, denn dcr Geist ist lebendig und wie alles Lebendige der steten Entwickelung unterworfen und eben dadurch lebendig! Hat das Judenthum einen Geist, ist cs keine unter Bergschichten vergrabene Versteinenerung der Vorwelt, sondern lebt in den Seelen von Millionen Menschen, so ist es eben so wenig unwandelbar, als es der Geist des ChristenthumS sein kann, obgleich dies ebenfalls seine tausendjährige Stagnation, wie daS Iudenthum, hatte, ja jemehr beide Religionen fortleben und sich entwickeln, desto mehr werden sie sich begegnen, ohne daß eine körperlicheResorbtion statt fände und der Vers, hat ganz Recht, wenn er (S. 13), freilich im Widerspruch mit sich selbst, bemerkt:. „Beide, die Anhänger des alten „und des neuen Testaments, müssen gleicherweise die Reinigungen „erdulden, welche dem Glauben nicht ausbleiben können, bis der „Tag erscheinen wird, wo die bereits entschiedene (!) Vereinigung „der Philosophie mit dem Christenthum auch den jüdischen Rabbi- „nismus reformiren wird/ ES wäre nicht möglich, wenn nicht der Charakter einer geistigen Entwickelung auch im Iudenthum läge, wenn es wirklich eine solche Mumie der Vorzeit wäre, zu der es der Vers, stempelt, wenn er (S. 5) behauptet: Die Hebräer sind das einzige Volk in „Europa, dessen Geschichte, dessen „Charakter den Einfluß eines Ursprungs tragt, der nichts mit „den Annalen der Menschheit gemein hat. Ihr Gesetz, „ihr Glaube, ihre Volkstümlichkeit bestehen jetzt noch gerade wie „vor Jahrtausenden. „An den Israeliten ist alles alt „und nichts veraltet." Sollte man nicht glauben, er spräche von einem Volke, welches in den Savannen Amerika's erzogen worden wäre. — Ein Volk, zerstreut über die ganze Erde, dessen Geschichtsblätter mit Blut an die Geschichte der Nationen geklebt sind, an welchem die Geschichte hämmerte und schlug, hat sich allein den Annalen der Menschheit entzogen, so große Geister arbeiteten nur im engen Raum der Synagoge, der Maimonide kurirte nur Kranke, Spinoza schliff nur Steine, Mendelssohn schrieb nur Handelsbriefe; und dennoch meint er weiterhin, „daß das Geschick des ChristenthumS noch immer aufS Innigste mir dem Judenthume verflochten ist, denn im Judenthume finden wir den Typus unfers ChristenthumS und im Chrisienthum erinnern wir uns unsres Judenthums." So fehlt also dem Vers, jede höhere Ansicht der Geschichte, er entkleidet diese ihres göttlichen Geistes und macht sie zum ausschließlichen Eigenthum eines kleinen Theils der Menschheit. (Fortsetzung folgt.) Redacteur: vr. L. Philippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.