Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 69 (14.9.1837)
- Date
- 1837-09-14
- Page
- Seite 276 (sequence 4)
- Language
- German
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276 Leitung die betrübende Veranlassung der heutigen kirchlichen Ber- ' fammlung angedeutet hatte, hielt er über Hosea 6, 1. eine alle Anwesende tief ergreifende Rede. 3m ersten Th eile derselben behandelte er die Frage: Welches sind die Gedanken und Empfindungen, die bei der Trennung eines Freundes und Wohlthäters in uns rege werden sollen. — Im zweiten entwickelte er die besonderen Ursachen unserer Trauer bei diesem uns Alle in die tiefste Bekümmeruiß versenkenden Verluste unseres Königs, der Schirm und Rettung uns gewesen. Er wies dabei namentlich auf die ausgezeichneten Eigenschaften des Geistes und Herzens des Hochseligen, die Zhn schon vor seiner Thronbesteigung schmückten, hin, was er als Mensch und als Gatte gewesen, wie er als Seemann seinen Beruf erfüllte, und zeigte sodann die Herrscher- und Regcnteatugendea des hohen Verblichenen, an dessen Herzen die Völker alle, die ihm anvertraut waren, mit gleicher Liebe ruhettn, deren Gluck und Wohlfahtt unablässig zu befördern das stete Ziel seines Sttebens und Schaffens war; — was Er insbesondere uns Israeliten gewesen; wie Er unsere zeitliche und ewige Wohlfahtt fördern wollte durch jenen Menschlichkeit und Milde athmeod'en Gesetzentwurf, durch den unsere Rechte und Freiheiten auf gesetzlichen Grundlagen dauernd begründet und die letzten Spuren jenes mittelalterlichen Dämons — des Fanatismus — vertilgt werden sollten, der so lange sein flammendes Schwctt um unser Haupt geschwungen, und Vaterland und Freiheit, wie jede höhere Eigenschaft des Menschen und Bürgers, uns raubte. — In dem dritten Theile, der die Frage behandelte: Welche Betrachtungen können uns in diesem herben Schmerze einigen Trost einflößen 1 hob der Redner zuerst das Moment der Unsterblichkeit hervor, wies sodann darauf hin, wie nach den Lehren unserer heil. Religion die Frommen und Tugendhaften alle des ewigen Lebens und der ewigen Seligkeit theilhastig werden, wie aber namentlich der hohe Verblichene durch das, was er gewirkt und geschaffen, schon eine Unsterblichkeit hier auf Erden sich gegründet, wie sein Andenken in den Büchern der Geschichte stets fottleben würde, und fühtte dabei den Spruch unserer Alten an: »Der Fromme bedarf keines Grabsteins, denn seine würdigen Thaten beleben die Erinnerung an ihn.« Er zog sodann die bekannten Worte des Propheten Jeremias an: »Tröste dich mein Volk, ttöste dich mein Volk, du wirst nicht verlassen dasteh en,« und unterstützte diesen Ausspruch darauf hinweisend, daß dem Königreiche Hannover das Glück zu Theil geworden ist, einen König in seiner Mitte zu besitzen, dessen gnadenvolle Worte: »Ich werde, den Hannoveranern ein gerechter und gnädiger König sein« alle tiefbetrübte Gemüther wieder aufrichten müßte. Er beschloß sodann seinen Vorttag mit folgenden beherzigungswetthen Wotten: »Damit wir aber auf die^Liebe und das Wohlwollen unseres Allergnädigsren, jetzt regierenden Königs Anspruch machen dürfen, lasset uns Israeliten unsere Pflichten stets und ganz erfüllen! Laßt uns arbeiten uud thätig sein! Laßt uns unsere Kraft dem Staate widmen'. Laßt aus unserer Mitte hervorgehen gründliche Gelehtte, tüchtige Lehrer, treffliche Künstler, geschickte Handwerker und Ackerbauer! Laßt uns abwälzen von uns den Vorwurf des Müssigganges! Laßt uns besonders jetzt zeigen, daß wir durch eigene Arbeit etwas zu leisten vermögen und so dem Staate nützliche Bürger sind! — Israeliten! wir wollen u»seren König lieben von ganzem Herzen , zu ihm hinaufschauen, wie Kinder zu ihrem Vater; wir wollen für sein Wohl und seine Erhaltung zu Gott beten. Wir erftcuen Ihn aber gewiß dadurch am Meisten, wenn unsere Handlungen von Redlichkeit zeigen, wenn unser Wandel tadellos ist, wenn wir nur der Tugend uud dem Guten nachleden, und Einttacht und Frieden befördern. — Aber auch das Land, worauf wir stehen, ist heiliges Erdreich, es ist unser geliebtes Vaterland. Und wenn wir aufgerufen werden, uns unter seinen Fahnen zu sammeln, so lasset uns ftohen Muthes diesem Rufe folgen! Laßt uns kämpfend sterben und unseren letzttn Blutstropfen vergießen für König und VaterlandUnd wenn wir so unsere Pflichft» erfüllen, dann steht der geliebte König auch uns als Vater zur Seite. Die irrigen. Ansichten, die hie und da über uns noch verbreitet sind, wird Er mit seiner Weisheit hinwegscheuchen. Ihm, dem geliebten Regenten, wirb es klar »»den, wie auch unsere Religionsbegrrffe mit dem Staatsleben sich verttagen, wie auch unsere Sittenlehre eine reine ist, wie auch wir dem Willen des Königs nachleben können und wollen. Er wird uns lieben, und durch die Liebe uns emporhebcn, und in Beziehung auf uns das herrlich vollenden, was sein erhabener, nun in Gott ruhender Bruder so schön begonnen hat.-Das ist unsere Hoffnung, das ist unser Trost; und mit Recht können wir ausrufen: Water! du.hast uns verwundet, Bater! du heilst uns wieder!« Nach diesem tief ergreifenden Bottrage stimmte der Chor den Trauergesang: »Seele was betrübst du dich« u. s. w. (s. Allgemeines Israelitisches Gesangbuch. Hamb. 1833 S. 218) an, worauf der Hr. Landrabbiner Bodenheimer das folgende Gebtt, welches heute in allen Synagogen seines Sprengels verrichttt wird, sprach: »Allmächtiger Vater! Schöpfer aller Wesen! Richter aller Welten! der du entscheidest über Leben und Tod und zum Erdensohne sprichst: bis hierher und nicht weiter! Deinem Willen hat es gefallen, unseren hochverehtten König Wilhelm den Vierten abzurufen von diesem Erdenleben und Ihn hinwegzunehmen aus der Mitte feiner getreuen Untttthanen. Durch Seinen Tod wurde nicht nur Seine, Ihm mit tteuer Liebe anhängende Gattin und die erhabene Königliche Familie in die tiefste Trauer versenkt, sondern auch Alle, die das Glück hatten. Ihm nahe zu stehen und unter seinem milden Scepter zu leben. In diesem Schmerzgefühle heben wir unsere Augen empor zu Dir, um für die dahingegangene fromme Seele deine ewige Liebe, deine ewige . Gnade zu erflehen. Dir Vater! ist ja nichts verborgen, du weißt, mit welcher Liebe, mit welcher Gerechtigkeit und Milde der edle Monarch die Völker leitete, die du ihm anvettrautest; du weißt, wie Er sie alle, ohne Unterschied, an Seinem Vater-Herzen ruhen ließ, wie Er sie mit Wohlthatey überhäufte, wie Er sie alle glücklich machen wollte; dieses schöne Bewußtsein-Hat Ihm auf dem Sterbebette in den letzten, bittrren Augenblicken Trost und Stärkung gegeben. Und welchen Lohn bereitet deine Barmherzigkeit denen, die in ihrem Leben deinen Willen befolgten? Ist es nicht jene ewige Seligkeit, die du aufdewahrest allen deinen Verehrern?! Nun, so lasse auch die Seele dieses mächtigen Fürsten, welche durch ihr Wirken hier auf Erden schon der Unsterblichkeit geweihet ist, in deinem Schirme, im Schatten deiner Allmacht den ewigen Frieden finden und so den Lohn ihrer herrlichen Thaten im Glanze deiner Häßlichkeit ernten, denn du rhust den Frommen kund den Pfad Der Lebens. — Durch diese Hoffnung fühlt die tiefbetrübte Königin, die erhabene Familie einige Linderung Ihres Schmerzes, durch diese- Hoffnung schöpfen auch wir. Allgütiger! einigen Trost. Eine vollkommene Erheiterung unseres Gemüthcs wünscht aber deine Allgüte! — Diese zu erlangen, flehen wir hier im Heilig» thume um den Segen für den hochverehtten Monarchen, den deine Vatcrhand eingesetzt hat, für unseren Allergnädigsten König Ernst August, dessen fürstliches Wott uns Gerechtigkeit und Gnade verheißen; sein Thron währe ewig, man segne sich mit 3hm, alle Völker Ihn! Auch unserer gnädigen Landesmutter, de» wohlthärigen Königin Friderike, verleihe deinen himmlischen Segen, damit sie an der Seite Ihres königlichen Gemahls nur Tage der Wonne und der Zufriedenheit verlebe! Befiehl dem Himmlischen, unseren geliebten Kronprinz Georg auf allen Wegen zu schützen; deine Freundlichkeit werde ihm beschiedeu! Stärke auch mit deiner Weisheit alle die Würdigen, die das Glück haben, dem Throne nahe zu stehen! — Und uns, o Ewiger! sende Vernunft und Einsicht, damit wir uns bestreben, den weisen Befehlen des Königs genau nachzuleben und so Seiner Vatcrliebe uns immerdar erfteue» mögen. Amen.« Den Beschluß dieser ergreifenden Feierlichkeit machte ein angemessener, von der Schuljugend ausgefühtter deutscher Choralgesang.« . . Redacteur: Dr. L. Philipps»«. — Verlag von DmrmgärtnerS Buchhasdluug. — Druck von W. Haack.