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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-09 · Heft 66 (9.9.1837) · p. Seite 264

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 66 (9.9.1837)
Date
1837-09-09
Page
Seite 264 (sequence 4)
Language
German
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364 Fieberphantasieen ihres Geistes, und krank wurde sie in das Aelt einer jüdischm Witttve gebracht. Wochen vergingen, und Dinah rang mehr als einmal mit dem Tode, Alonzo wich nicht von ihrem Lager, der Stern seines Lebens ging mit ihr unter, und sollte er ihr das Leben wünschen, ein Leben neuer Drangsale, ohne Glück und ohne Liebe? (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Bayern. Zweiter Artikel.) So steht es mit unfern kirchlichen Verhältnissen. Der Geist Gottes schwebt gestaltend über uns. Möchte doch in dieses Chaos bald der Ruf des allmächtigen Weltregenten dringen: Es werde Licht, und wir frohlockend und glückselig einander zurufen können: Und es ward Licht. O wahrlich, der Tag, an welchem das Licht der Wahrheit und die Sonne einer vernünftigen Aufklärung über die nächtlichen Tempelruinen dieses Volkes aufginge, wäre würdig, der erste und heiligste Tag in der neuen Schöpftmg dieses Volkes genannt zu werden. Ich wende mich nun zu den bürgerlichen Verhältnissen unserer Glaubensgenossen in meinem Vaterlande. Wenn ich nun von vorn hinein in dieser Beziehung den Worten, die ich in den jünger» Blättern Ihrer Zeitung las, mit Freuden beistimme: »Wehe dem, der über das, was er noch nicht empfangen, vergessen könnte, was er schon erhalten hat,« so schweben mir doch auch die Wotte eines andern geistreichen Predigers unserer Ration vor der Seele: »So lange es nicht dahin kommt, daß wir es fühlen und empfinden, wie wir abgerissen stehen in der Welt; so lange es nicht dahin kommt, daß wir, wie alle Völker auf Erden, zur bürgerlichen Ehre und Freiheit berufen werden, wie fie jeder genießet im Schutze der Gesetze, so lange haben wir, keiner von uns, unsere Pflicht gerhan, und uns unserer Verbindlichkeit entledigt. (Mannheimer.) Die erst angeführten Wotte gelten von der Gesinnung, die jeder dankbare Mensch in sich hegen muß. Es wäre schändliche, sträfliche und verwerfliche Selbstsucht, wenn wir mit neidischem Blicke das Glück Anderer betrachten, mit spähenden Argusaugen die Vortheile, die sie genießen, belauschen und dann ein Zetergeschrei erheben wollten, wie sich die Menschenliebe so an ihren Mirbrüdern vergehen, die Chttftenliebe so an den Kindern Gottes vergehen könne, daß sie um des bloßen Glaubens willen Andre von dem Genüsse irdischer Rechte lieblos'ausschließe; und wir dann die erste beste Gelegenheit, die sich uns an die Hand giebt, ergreifen wollten, um das Joch,. das uns drückt, abzuschütteln und aus der Wüste, in die wir gebannt sind, in das gelobte Land der bürgerlichen Freiheit aufbrcchen zu können. Rein, der Jude ttägt eben so ruhig und geduldig die ihm auferlegte Last, als er sehnsuchtsvoll der Stunde harret, in welcher sie ihm abgenommen und er befreit werden soll. Ward unfern Glaubensgenossen in Baden ja erst jüngstens vor den Augen der ganzen Welt das Zeugniß gegeben, daß sie zu den treuesten Unterthanen des Landes gehötten, die, als so mancher Thron' wankte, fest und unberühtt vom stürmischen Geiste der Zeit blieben. Lassen Sie uns das Lob, das man einem Theüe unserer Glaubensgenossen zuerkennt, eben so zum Natioaalruhme machen, als man uns den Fehler eines Einzigen zum Nationalfehler anrechnet. Aber wenn auch unsere Gesinnung dankbar und mit inniger teutscher Vaterlandsliebe auf die Gaben schaut, die uns Fürsten und Völker reichen, so sind wir ^es unserer eigenen Menschenwürde und der Würde der ganzen Menschheit schuldig, daß unser Loosungswott »Vorwärts« heiße, und daß unser Stteben nicht eher stille stehe, als wir das uns gesetzte Ziel »Genuß der bürgerlichen Ehre und Freiheit« erreicht haben, um dann gleichen Schrittes mit der ganzen Menschheit ihrem großen Ziele entgegen zu arbeiten. Der Jude fühlt jetzt die Fessel, die ihn drückt; der Geist, der das ganze Judenthum belebt und durchdringt, fühlt sich beengt in den Schranken, in die er gebannt ist; er suhlt sich unheimlich in den Grenzen, die ihm gezogen sind; er sehnt sich nach der Bruderhand und dem Brudcrkusse der ganzen Menschheit, und in diesem Gefühle und in diesem Sehnen hat er die erste Weihe und die erste Heiligung Welt- und Staatsbürger zu werden, erhalten. So ist es nun auch in unserm Bayern. Wir stehen zwar nicht mehr so tief, als die Juden z. B. in den österreichischen Städten stehen; uns drückt kein Toleranzedikt; wir zahlen keine besonder» Steuern, können und dürfen Handwerke fast aller Art aüsüben und üben sie auch fast alle aus'. Aber wie weit, ach wie weit ist es bei uns noch hin zu jener Zeit, in der ein bayerischer Bürger in unserer lieben teutschen Sprache jene Wotte sprechen würde, die Semilasso von jenem Franzosen erzählt, der gefragt, ob der Vorübergehende ein Jude sey, erwicdette: cela peut etre; mais dans toute la France on ne dit pas, e’est un Juif, on dit toujours, c’est an Francais. — Leider steht in unserer Verfassung ein Paragraph, der den Juden an eine zwar alte, längst verflossene, aber doch stets beängstigende Zeit ettnnett; er heißt: die Zahl der Juden an den Orten, wo sie dermal bestehen, darf in der Regel nicht vermehrt, sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wo sic zu groß ist. Dieses Gesetz und dieses Matrikelwesen wird nun mit aller Sttenge beobachtet. — Selbst Rabbiner und Lehrer dürfen nur auf Matrikel heirathen. Sie brauchen natürlich nicht zu watten, bis eine Matrikelnummer erledigt ist, und erhalten gleich denen, die sich auf Grund und Boden ansässig machen und von demselben ernähren, Borgmatrikeln; aber dadurch, daß ihnen die erste erledigte Nummer zuettheilt werden muß, thun sie natürlich den Ladern Schaden und Eintrag. — Daß sich die Judenzahl hierdurch vermindert, leuchtet bald ein, und in neuester Zeit ttagen die Juden selbst willig das Ihrige dazu bei, daß die Absicht des Gesetzes erreicht werde. Sie wandern nämlich aus. Wir haben junge Männer, die ihre Lehr- und Wanderjahre so pünktlich wie jeder andere Confessionist erstanden haben, die sich mit nicht unbedeutendem Vermögen legal ausweisen können, die allen Anforderungen, die nur gestellt werden können, entsprechen, und die doch.der Matrikelnummer halber ihren Schutzbrief und ihre Ansäsiigmachung nicht erhalten können. Was sollen nun solche Leute, die ihr halbes Vermögen im Prozesse aufgeopfett haben, um ihr Ziel zu erreichen, und die nach schweren Opfern und nach jahrelangem Stteben sich keinen Schritt demselben näher sehen, was sollen sie anderes thun, als ein neues Vaterland suchen, in dem sie ihre erlernte Kunst ausüben, ihr Wissen und ihre Kenntnisse an den Mann und an den Tag bringen können? Wir er- I lebten vor kurzer Zeit in dieser Beziehung ein nicht uninteressantes Beispiel. Ein junger Mann, vermögend und Profeffionist, war bei seinem Landgerichte — der Name des Landgerichtes fällt mit nicht bei; wenn ich nicht irre, war es im Retzatkreise — um Schutzettheilung eingekommcn. Sie ward ihm bei der ersten Behörde, wie bei den höher» mehrmals verweigett. Er machte den letzten Versuch, denselben zu erhalten, fügte aber zugleich die Bitte bei, ihm seinen Paß ins Ausland ausiufertigen. Rach kurzer Frist ward er in die Gerichtsstube entboten, der k. Landrichter gratulitte ihm zu seinem erhaltenen Schutze, den er ihm überreichte, übergab ihm aber auch zugleich den erbetenen Paß. — Der Bittsteller nahm den letzter» und wandette aus. — Wir haben auch, so lange das Edikt von 1813 in Kraft und Wirkung bleibt, nichts Besseres zu hoffen, was sich auch sobald nicht ereignen möchte. Die Bottheile, die wir vor den mehr öst- .lichen Juden Europas genießen, haben wir alle schon durch die Güte und Waterlicbe des höchstseligen Königs Maximilian Joseph erhalten, seit der Stunde, in welcher dieses Edikt erlassen wurde, ttaten wir keinen Schritt der Emancipation und bürgerlichen Gleichstellung näher. (Schluß folgt.) Redaaeur: Dr. L. Philipps»«. — Bttlag von Baumgartners Bnchhandlmrg. — Druck von W. Haack.

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