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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-09-02 · Heft 62 (2.9.1837) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 62 (2.9.1837)
Date
1837-09-02
Page
Seite 248 (sequence 4)
Language
German
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248 Correspondenzen-, Auszüge, Repliken. (Aus Unsleben, im Untermainkreise.) Herr Redakteur! Bei der nicht genug zu lobenden Tendenz Ihres Blattes darf ich wohl voräussetzen, daß Sie nicht blos solchen geschichtlichen Ereignissen und Handlungen, welches edeuten den Erfolg versprechen und allgemein wichtig sind, sondern auch denen, die geringere Folgen haben, aber darum nicht minder als erfreuliche Zeichen der fortgeschrittenen Bildung hervottreten,,Aufnahme gewähren werden. Auch Ihre Leser, glaube ich, werden nicht ohne Wohlgefallen Bestrebungen vernehmen, welche sich da kund geben, wo man es noch nicht zu erwatten berechtigt ist. Vielleicht dürste übrigens auch das, was ich Ihnen mitzutheilen hier das Vergnügen habe, nicht ganz erfolglos und in mancher Beziehung zur Verbesserung der jüdischen Verhältnisse ersprießlich sein. Seit einem halben Jahre besteht nämlich in der hiesigen nicht sehr zahlreichen jüdischen Landgemeinde ein »israelitischer Wohlthätigkeirs-Derein,« der.in feiner doppelten Tendenz beachtungs- und uachahmungswerth ist * *). Es wohnen hier kaum 40 Familien, und natürlich kann auch die Anzahl der Vereinsglieder nicht bedeutend sein. Derselbe zählte bei seinem Entstehen 30 Mitglieder, wovon aber seitdem 2 nach Amerika ausgewandert find. Die Tendenz des Vereins ist, wie gesagt, eine doppelte, eine bürgerliche und eine religiöse. In seiner ersten Tendenz will der Verein einen Fonds gründen, aus welchem arme Jünglinge unterstützt werden sollen, wenn sie zu arm sind, das Handwerk zu lernen, zu welchem sie Neigung haben; oder ihnen Mittel fehlen, in die Wanderschaft zu gehen, oder auch das nöthige Handwerkzeug sich anzuschaffen. Uebrigens räumt der Verein diesen Verwendungen nur den Vorzug ein, schließt aber andere Wohltharen.nicht aus, und Kranke oder sonst Unglückliche können nach den Statuten Unrerstlltzung finden. Auch nicht blos auf den hiesigen Ott ist die Wirksamkeit des Vereins beschränkt, sondern auch Auswättige können sich darum bewerben; so wie auch Auswättige als Mitglieder in denselben eintrelen können. Daß dieses geschehen, möchte, ist sehr zu wünschen, und außerdem hätte man sich auch keine große Früchte, wenigstens für lange Zeit, zu versprechen. Wie schon im Verlaufe dieser kurzen Zeit die Zahl der Mitglieder durch.Aus-. Wanderungen sich verringert hat, so steht ihm eine noch größere Minderung für die kommenden Jahre bevor. Unserer Jugend stehen zu viele Schwierigkeiten bei ihrer Niederlassung im. Wege, und da der Verein, außer einigen Wenigen, aus unverheiratheten Individuen besteht, von diesen aber Biele, Erleichterung ermattend, zur Auswanderung nach Nordamettka sich veranlaßt sehen, so dürfte 1 er wohl, wenn nicht, was wir übrigens hoffen, in unserem Lande selbst Erleichterung der Israeliten wird, manches seiner Mitglieder einbüßcn. Aber auch ohnedies bedarf deu Verein einer Unterstützung durch auswättige Beittäge. So gering die Anzahl der Gemeindemirglicder ist, so schwach sind auch ihre Bermögensverhältnisse, und nur klein sind die Beiträge, die sie nach ihren schwachen Kräften bringen können. Und ich kann nicht umhin den Wunsch und die Bitte auszusprechen, daß doch meine Glaubensbrüder diesem, dem allgemeinen Wohl geweihten Institut einige Theilnahme schenken möchten'. Wahrlich- Gaben, wie sie von Vielen gar nicht beachtet werden, würden diesem schon wichtige Dienste leisten und ihm Leben und Stärke verleihen. Ich weiß, daß es uns gegenwärtig'nicht an edelgesinnten und wohlthätigcn Männern fehltnicht an Männern, die selbst ein großes Opfer zu bringen nicht scheuen, wenn es das Heil Israels gilt. Möchten diese es doch nicht unter ihrer Würde und für zu kleinlich halten, auch , diese Anstalt zu unterstützen, sei es durch Schenkungen oder durch regelmäßige Beiträge'. Die Redaktion wird gewiß vie Güte haben, jeden Beittag, den man nicht direct hierher schicken wollte, anzunehmen und dem Vereine zuzustellen.*) Mit dieser *) Es ist dieser übriqens im Uutermaivkrrise nicht der einzige und auch nicht der er,re. Seit längerer Zeit besteht schon ein ähnlicher (jedoch nur in einer Richtung) zu Wern eck, in'S Leben gerufen durch Herrn W. Lohn daselbst. *) Wir erklären uns sehr gern bereit hierzu. L. Redact. mehr bürgerlichen Tendenz, das Erlernen der Handwerke unter Israeliten zu befördern, ist' nun auch eine religiöse verbunden, und um diese gehörig, würdigen zu können, müssen-wir einige Wotte über die kirchlichen Verhältnisse der Israeliten im Untermainkr eise vorausschicken. Wir sind nämlich im ganzen'Kreise, mit Ausnahme einiger Landgerichte, welche den Distrikt Aschaffenburg bilden, ganz ohne oder doch so gut,.wie ohne Rabbiner. Zwar gilt dieses buchstäblich nur von einem Theile, während der andere unter einem Rabbiner steht; allein der Unterschied beruht lediglich darauf, daß diese einen, besolden müssen, jene aber auch keinen zu besolden brauchen. Bon einen Rabbiner haben, wenn anders dieses soviel heißt, als daß ein Rabbiner Eultus und Schule beaufsichtigt, leitet und verbessett, daß ein Rabbiner lehtt, mahnt und warnt, kann, wie allgemein bekannt — im ganzen Kreise, mit Ausnahme des genannten Distriktes, keine Sprache sein. Von den fast 18,000 jüdischen Seelen, welche im Untermainkreise wohnen, dürfen ohngesähr 1500—2000 im wahren Sinne einen Rabbiner haben. Die übrigen 16,000, sage sechszehu-Tausend jüdischer Seelen, sind in der Ausübung des Gottesdienstes, wie des Unterrichtes in der Religion, lediglich sich selbst überlassen. Der Letztere wird zwar von geprüften jüdischen Religionslehrern versehen, welche im Seminar gebildet werden. Allein man erwäge, daß im Seminar selbst (so wie in allen hierländischen jüdischen BildungsaMalten) in der jüdischen Religion selbst kein Unterricht ettheilt wird. Nun muß aber doch der Lehrer auch noch etwas mehr wissen, als das Rcligiousbuch von Alex.-Beer auswendig gelernt zu haben, mehr als blos einige Bibelstellen übersetzen und analysiren zu können. Allein mehr kömmt, die Religion bttreffend, bei den Prüfungen, so viel ich weiß, nicht vor. Dabei kommen ade» doch noch andere Gegenstände vor, und da die Noten gezählt werden, so ist wohl möglich, daß die Wagschalen das Gleichgewicht halten, wenn auch das Pfund der Religion nicht vollwichtig ist. Wir sind keineswegs gemeint, der König!. Regierung hiermit einen Vorwurf machenzu wollen. Nichts wäre unbilliger als dieses. Wäre kerne kirchliche Behörde da, so müßte und würde die König!. Regierung eine solche schaffen und gewiß dem Uebelstande abhelfen; aber es ist eine da, nur daß sie nichts leistet, nichts zu leisten vermag. Der Vorwurf kann daher nur den Rabbiner oder die Gemeind cn, also die Israeliten des Untermainkrcises selbst treffen, Den Rabbiner trifft er jetzt gewiß nicht mehr, denn ihn rechtfertigen sein Alter und seine Gesundheitsverhaltnisse. Aber die Gemeinden hätten längst, wenn ihnen die Religion kein gleichgültiger Gegenstand ist, über die Lage der Dinge der Regierung Bericht abstatten müssen, und um Besetzung der Rabbinatsstellen nachsuchen sollen. Was hilft's, wenn Kandidaten dieses -noch so oft und aus noch so reiner Absicht thun, sie werden immer in Verdacht stehen, daß nur das Verlangen nach einem Amte aus ihnen spräche, und nicht leicht Glauben und Gehör finden. Allein, wie es jetzt steht, wer giebt der Gemeinde die Ucberzeugung, daß die Lehrer ihre'Pflicht erfüllen und genügcn- -den Religionsunterricht errheilen? wer bürgt ihnen, ob die Religion, welche sie lehren, auch jüdische ist! wer schützt sie, daß nicht manche Lehrer Jünger -des Herrn jüdischen Präxaranden- Lchrers Stern zu Heidnigsfeld sind?*) Doch wir kommen zu weit von unserem Gegenstände ab, oder ich bin schon so weit abgekommen, daß ich die Leser um Entschuldigung bitten muß. Allein wer sollte bei der leisesten Berührung eines Feldes sich nicht darauf verirren , das so ganz unbebaut und wild bewachsen ist, da i noch nicht einmal ein geebneter Pfad sich zeigt? Oder, um ohne! Bild zu sprechen, welcher Israelit im Untermainkrcisc, der für! ftine Religion nicht ganz gleichgültig ist und auch nur hie und da! darüber nachdenkt, sollte nicht so voll davon sein, daß er bei jeder i Gelegenheit davon zu sprechen sich veranlaßt sieht? *) Bekanntlich fiat dieser in einem Sendschreiben an die jüdischen Theo: ' loaen die Dreieinigkeit als eine Lehre deS Iuventhoms anerkannt Abqefe-; hea nun, daß er selbst noch Lehrer ist, so wissen wir ja nicht, ob nicht seine ' Prävaranden in seinem Sinne lehren. (Schluß folgt.) Druck von W. Haack.

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