Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 61 (31.8.1837)
- Date
- 1837-08-31
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Correspondenze», Auszüge, Repliken. (Aus Wien. Ueber jüdisches Schulwesen in Ungarn. Zweiter Artikel.)*) Aus Ihrer freundlichen Aufforderung, verehrter Herr Redakteur, ersehend, wie willig und gern Zhr vielseitig und mit dem größten Eifer gelesenes Blatt einem für das Wohl der Glaubensbrüder so hochwichtigen Gegenstände seine Spatten öffnet, schreite ich ungesäumt zur Fortsetzung meines Berichts. Allerdings bedarf es Überall nur eines Funkens, eines zur rechten Zeit hingeworfenen Funkens, um die Gluth des Eifers für das Edle und Rechte zur Hellen- Flamme im jüdischen Stamme anzufachen; nur eines sanften Frühlingsthaues, um die Keime des Schönen und Guten an's Licht zu locken. Besonders ist es aber an der Zeit, ein lautes und offenes Wort über das Schulwesen in Ungarn auszufprechen, namentlich in Bezug auf die kleineren Gemeinden, deren Zahl doch Legion ist. Soll Etwas gewirkt werden, so Muß man unumwunden Quellen und Hindernisse angebeo, und mit deuttichem Fingerzeige auf das Hinweisen, was der schönsten Entwickelung in den Weg tritt. Zch werde dies mit größter Unpartheilichkeit, und mit der durch die Grenzen eines Berichtes nothwendigen Kürze thun. Dieljährige Erfahrung im Gebiete besprochenen Schulwesens befähigt und ruft mich hierzu auf. Der hochherzigen und für das wahre Gute empfänglichen Männer besitzt gegenwärtig, aufs bestimmteste behaupttt, eine jede Gemeinde, so klein sie auch sei, eine hinlängliche Anzahl. Auch können wir einzelne Gemeindeoberhäupter nennen, die wie der, wenn auch zur alten Schule gehörige, hochverehtte Oberrabbiner zuPreßburg, j Herr Moses Schreiber, der sowohl wegen seiner hohen, ausgebreiteten Lalmudischen Gelehrsamkeit, als auch humanen, erhabenen und musterhaften Eigenschaften als Mensch und^Seelsorger die größte Auszeichnung verdient, wie der weltkluge, wistenschaftlich gebildete Oberrabbiner zu Pesth, Herr Leb Schwab, zur Erreichung jeder guten Absicht eifrigst die Hand bieten.. Daß ferner auch in Ungarn's Hauptstädten AnstaUen bestehen, die allen Ottschasten zum schönsten Muster dienen können , ist bekannt. So bestehen in Preßb-urg zwei Hauptlehranstalten, 1) die mit der K. K. Rormalschule vereinigte Talmud-Tora-Anstalt, um deren Organisirung sich die Herren A. H. Leürberger, W. Pappeuheim, H. Schacherls und H. Brüll ein bleibendes Verdienst erworben haben, und 2) die bekannte K. K. primär-Hauptschule, um beten Begründung und Erhaltung'sich die Herren W. Breisach sel. und H. Biederman's Söhne (durch jahrelange bedeutende pekuniäre Beittäge), und die wahrhaft ehrwürdigen, für das Wohl der Zugend unermüdet strebenden Herren Schwabacher, Kohn und nächst diesen Jos. Oppenheimer, einen uaverwelklichen Lorbeer des Verdienstes sich erworben haben.' Beide Anstalten bestehen seit lange friedlich neben einander, und liefern die schönsten Resultate einer zeitgemäßen Erziehung. Auch Ofen, St. Miklo's, Kanisa und Kreutz erfteuen sich mehr oder minder trefflicher Lehranstatten, deren Begründung und Erhaltung wir dem kein Opfer und keine» Kampf scheuenden Herrn Spitzer verdanken. \ Wenn also solche treffliche Muster allen Gemeinden vorangegangen und vorleuchten, woran liegt es, daß in allen anderen nicht allein Nichts geschieht, sondern einem jeden aufstrebenden- Eifer so entgegengetteten wird, daß er erkalten muß, daß die tiefste Bitterkeit an die Stelle des eben noch 'wärmsten Sinnes trittt? ES ist eine» Theils der fluchwürdige, egoistische, innere Iwiespatt, der jede Blüthe der Veredlung im Keime tödtet, eine Zwietracht, die blos daraus entspringt, daß ein Zeder seine Ansicht als die allein geltende haben will, daß an Versöhnung der Meinungen , an Bereinigung des Sttebens nicht zu denken ist. A n - dern Theils ist cs der zum höchsten Extreme gesteigerte einseitige Rabbinismus, welcher der guten Sache als ein Goliathkämpe entgegentritt, der jene mit eisernen Armen erdrückt; der in arroganter Unwissenheit nur die Iwiettacht anschütt, um seinen *) Vgl. No. 35. und Zerrung. d. Red. Vottheil daraus zu ziehen. Wie könnte da eine Stiftung zu Stande kommen, wo man selbst den Borttag der hebräischen Grammatik mit Zeloteneifer als Epikureismus *) verschneit, und über den Unterricht in der heil. Schrift mit reiner deutscher Uebcrsetzung Ztter ruft? — Kann mau es da den wenigen und, waS gerade oft der Fall ist, mit spärlichen pekuniären Mitteln ausgestatteten Edeln verdenken, daß sie, um mit dem Rabbi des Ortes und ihrer Umgebung nicht in Collision zu kommen, lieber die Reformation gänzlich unterlassen, oder auf bessere künftige Zeiten verschieben?-Was zum Bewundern ist, kommen Sie in die kleinste Gemeinde Ungarns, und Sie werden für jeden Zweig der Wohlthätigkeit die wohlorganisittesten, edelsten Vereine finden — nur das Feld der Zugendbildung ist unbestellt, mittelalterlichem. Schlendttan preisgegeben. Es ermangelt durchaus nicht an Mahnungen und strengen Aufforderungen, die von de» humaney hohen Landesstellen und Ortsbehörden von Zeft zu Zeit an die Vorstände ergehen; aber was frommfs 1 .man sucht durch allerlei. Scheingründe zu entschlüpfen, durch Ausflüchte zu verschieben, und die Sache wird vertuscht. Traf es sich auch, daß manche Individuen der Gemeinden, um die Begründung einer zeitgemäßen Bildungsschule zu Stande zu bringen, alle Rücksichten beseitigend, die Beihülfe der Behörde in Anspruch nahmen, welche — zur Ehre ihrer humanen Gesinnung sei's gesagt — mit möglichster Energie zur Hand war: so war dies andrerseits nutzlos, indem die Behörde/wie es von christlicher Ansicht zu erwarten steht, vor Allem an den als jüdisches Religionsoberhaupt bettachteten Rabbiner sich wandte, und von ihm sich Bericht erstatten ließ. Dieser, der während seiner Studienjahre allein dem Talmud sich gewidmet, da ein Kandidat, der ein außettalmudischcs Buch zur Hand genommen, von den alten ungattschen Rabbinen nicht zur Rabbinenwürde autorisitt wird, giebt natürlich, über die neue Organisirung ein verneinendes Votum, 'und die Behörde, dessen Autorität als kompetent anerkennend, erkaltet nicht nur in der Energie ihrer Hülfsleistung, sondern giebt auch wohl den auffordernden Individuen Verweise über ungerechte Anklage, und ermahnt zur Eintracht. Aus diesem Labyrinthe giebt es nur einen einzigen Rettungspfad: daß, — gleich jenem unter der Regierung LZeiland Sr. Majestät des höchstseligen Kaisers Franz 1. entstandenen, und zur herrlichsten Pflanzschule bereits gediehenen Rabbinats- Collegium zu Padua, welches der segensreichsten Erfolge sich erfreut — durch einen von der höchsten Stelle ergangenen unerläßlichen Befehl an alle Gemeinden Ungarns, denselben aus ihren Mitteln eine Rabbinats-Schule zu begründen aufgegeben «erde. Rur auf diese Weise können wir hoffen, mit der Zeit tüchtige, thatkräftige Männer an die Spitze der Gemeinden zu bekommen, die als Repräsentanten alles Edel» und Herrlichen das wahre Heil Israels befördern werden. Der hochherzigen, und mit Mitteln begabten Männer besitzt Ungarn, wie schon einmal bemerkt, im Allgemeinen zur Genüge, die kein Opfer zur Förderung einer solchen, für das Wohl aller kommenden Geschlechter begründttev Stiftung scheuen werden, und so bedarf es nur einer strenger», ernster» Anregung von oben, um Allem wesentlich mit Einem Male abzuhclfen'. Und wahrlich, an der Zeit ist es I Die Zerrissenheit des Zudenthums ist bereitszu groß, als daß nicht schleunigst zum Werke geschritten werden müßte. Schon können wir auf den heutigen Standpunkt mit den Wotten des Propheten hindeuten: »Nach der Anzahl Deiner Städte sind Deine Gottes- und Glaubensansichten, Zehuda.« Nicht als ob, ihr ncuerungssüchtigen Feinschmecker, das Haus Zakobs ganz baufällig-sei,' daß es niedergerissen, und an seiner Stelle ein neues aufgebaut werden müßte — noch fest steht der Grund der Zelte Israels, aber gebeffett muß werden, und ausgebaut, daß es wohnlich und heimisch sei für uns und unsere Söhne. Wir hoffen mit Gott, daß unsere mit Freimuth ausgesprochenen Wotte. nicht nutzlos vorübcrgehen, sondern da Anklang und Beherzigung finden wttden, wo Wittsamkeit möglich und nahe ist. *3 unter Epikureismus versteht man im Rabbmifchea jede Art von Irreligiosität. _ Rkdatteur: vr. L. Philrppfou. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haaek.