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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-08-29 · Heft 60 (29.8.1837) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 60 (29.8.1837)
Date
1837-08-29
Page
Seite 240 (sequence 4)
Language
German
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240 noch em besonderer Dortheilhervorgchm. Ich bin nämlich überzeugt, daß die.persönliche Erfahrung und. Beobachtung, die dann im ganzen Lande hinsichtlich der Juden gemacht werdm kann und gemacht werdm wird, das Doruttheil gegen die Juden nach und nach mindern, ja ganz aufheben wird. — ' (Schluß folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Pesth, den 11. August.) Die in einigen Zeitblättern spärlich zerstreuten Nachrichten über die Israeliten in Ungarn rühren allesammt von ununterrichteteu Berichterstattern her, welche ihre Unbekanntfchast mit den bestehenden Verhältnissen fast mit jedem Worte verrathen. Authentische Nachrichten hierüber dürften Ihnen nicht unwillkommen, sein. Die erste Erwähnung verdient wohl die hiesige, 1467 Familien zählende Gemeinde, nächst Brody und Prag die größte im Kaiserstaate. Die Israeliten sind hier, um bei den bürgerlichen Verhältnissen anzufangen, vom Grundbefitzungsrechte ausgeschlossen; doch dürfen sie jeden Stadttheil bewohnen. Zn Zünfte werden sie nicht ausgenommen, doch sind 120 jüdische Handwerker hier, die ihr Gewerbe durch besondere Concessionen betreiben. Schulen stehen denselben hier, wie im ganzen Königreiche, osten; eine Resolution der königl. Starthalterei vom Jahre 1827 erlaubt ihnen auch den Besuch der juridischen Collegien; es ist ihnen jedoch nur die ärztliche, nicht die .juridische Praxis gestattet. Die Zahl der Studirendea und mit ihr die der jüdischen Aerzte nimmt daher mit jedem Jahre zu. Hier practiziren 19 Doctoren der Medicin und 9 Wundärzte. Die Erwerbsquelle der meisten jüdischen Einwohner ist der Groß- und Trödelhandel. Wiewohl nun gedachte Bestimmungen mildernde Maßregeln wünschenswerth machen dürsten, so vernimmt man doch hier nie die leiseste Klage. Einerseits herrscht die Ueberzeugung, daß der gegenwärtige Zustand durch Ereignisse begründet sei, deren norhwendige Folgen nur allmälig mokificirt werden können; andrerseits findet die Hoffnung der jünger» Generation in der Gerechtigkeit und Humanität der Regierung, so.wie in dem Edelmuthe der hochherzigen Vertreter der ungarischen Ration die trostreichste Garantie einer bessern Zukunft. Daß jedoch diese durch bessere Jugenderziehung und zeirgemäßern Schulunterricht »vorbereitet« werden müsse, wird allgemein erkannt. Auch kleine Landgemeinden sind zu der Einsicht gelangt, daß easuistifchc Untersuchungen der Ritualgebote nicht Jedermanns Sache seien, und daß Kinder schon frühzeitig zu den im bürgerlichen Leben nützlichen und nochwendigen Kennünsscn angeleitet werden müssen. Ohne Impuls von Außen ist das Schulwesen im Fortschritt begriffen. Israelitische Eltern hielten es ja stets für heilige Pflicht, »ihre Kinder lernen zu lassen,« und scheuten selbst in trüben Zeiten schweren Druckes große Opfer nicht, wo es die Erfüllung dieser Pflicht' galt. —' Den hiesigen israelitischen Einwohnern ward die Errichrung einer. Normalschule vom Kaiser Joseph II. zur Pflicht gemacht; es bestand eine solche mehr denn vierzig Jahre, doch ohne, besondern Einfluß auf die Volksbildung. Bor drei Jahren wurde diese Schule durch das kräftige Einwirken des damaligen Vorsitzers, H. Gabriel Ullmann, dessen umsichtiger Thätigkeit die Gemeinde ihre ietziae Regulirung verdankt, nach einem neuen Plane organrsirt. Fünf au der Prager Musterschule gebildete Lehrer besorgen den Unterricht in den für die österreichischen Hauptschulen vorgeschriebenen Lehrgegcnständen; hebräische Grammatik und Bibel in der Ursprache sind in den Unterrichtsplan mit ausgenommen. Von außerordentlichen Lehrern wird in der ungarischen Sprache, im Zeichnen und Singen. Unterricht ertheilt. Die unmittelbare Schulleitung ist einer aus einsichtsvollen Männern zusammengesetzten Commission übertragen, in welche; der für Verbesserung des Unterrichtswesens sehr thätrge Oberrabbiner präsidirt. Die oberste Aussicht hat der Herr Bürgermeister und Local-Schulendirector Karl von Seeber, Ritter deskaiserl.'östr.Leopoldordens. Die bisherigen Leistungen dieser Lehranstalt berechtigen zu, den schönsten Erwartungen, und die Commsssion ist eiftM bemüht, den vorwaltenden Mängeln immer mehr abzuhelfen. Zu diesen gehört zuerst die Ausschließung der weiblichen Jugend vom Schulbesuche. Hier, wo man sich in jeder Hinsicht der modernen Richtung des Judenthums anzuschließen strebt, ist dies sehr befremdend. Ferner dürste der Lehrplan von dem Borwurfe, »er habe zu wenig practische Tendenz,« schwerlich zu rechtfertigen sein; mindestens ist die Frequenz der Schule — dieselbe zählt kaum 200 Schüler — nicht geeignet, jenen Borwurf zu entkräften. Die unpractische Richtung ist auch bei einzelnen Unterrichtsfächern bemerkbar, worauf hier nicht eingegangen werden kann. Aber ün- . terdrückt kann die Bemerkung nicht werden, daß bei dem Bibelunterrichte die goldene Regel: nos studia nostra naturae regnla metiamur, mehr berücksichtiget werden sollte. Ist es wohl einer Volksschule angemessen, elf- bis dreizehnjährige Knaben die kritischen Argumente für die nachexilische Abfassung des Buches der Richter recitiren zu lassen? — Nach dem Vorgänge einiger deutschen Gemeinden sind in der Schule sabbathliche Andachtsübuvgen eingeführt, bei welchen deutsche Lieder gesungen, und von Lehrern Reden gehalten werden. Diese Einrichtung gewöhnt die Jugend - immer mehr an die neueren Formen des Gottesdienstes, welche hier bereits vor. zehn Jahren Eingang gefunden. Seit dem Jahre 1792 nämlich bestehet hier eine Gemeindesynagoge, neben welcher jedoch mehrere Vereine (nvisrr) ihre Privatbetzimmer hatten. Einer dieset Vereine hat nun im Jahre 1827 sein Betzimmer nach Muster des Wiener Tempels eingerichtet. Einige Jahre hierauf würde ein größeres Local für den modificirteu Gottesdienst erbaut, und das Institut neben der »großen Synagoge« zur Gemeindefyoagoge erhoben. Diese Erhebung fand wohl einigen Widerstand, dessen .Grund die Einen in. der »rücksichtslosen Starrheit der FvrmgläudigSn,« die Andern in der »anmaßenden llnkirchlichkeit der Neuerer« finden; in den letzten Jahren haben sich jedoch beide Gotteshäuser versöhnt, und auch die große Synagoge hat anerkannte Mißbräuche aus ihren Mauern entfernt. In Folge dieser Versöhnung ward im Februar 1836 der vielseitig geblldete, geistreiche Dkabbiner, H. Löw Schwab, von Proßnitz in Mähren hieher berufen." Seine Stellung ist einzig in ihrer Art: neben den mehr hermeneutischen Borträgen in der großen Synagoge hat er in der neuen, die man hier unpassend Cultustempel nennt, Predigtenin rethorischcm Style zu halten. Er löst seine Aufgabe auf die befriedigendste Wesse. Rühmenswerth ist sein exegetischer Tact; nicht minder seine homiletische Gewandtheit. Sein geschmackvoll modcrnisirter Derusch, in welchem stets das ethische Moment vorherrscht, übt auch auf die Landgemeinden den wchlthätigstcn Einfluß aus; als Prediger dürfte er auf das »actio in dicend» uua dominaturc: mehr Rücksicht nehmen. In der neuen Synagoge fungirt auch H. Joseph Bach als Prediger, welcher zugleich den Religionsunterricht für die Gymnasialschüler zu besorgen hat. Seinen Vorträgen möchte der, mit der homiletischen Literatur vertrautere Hörer wegen der -häufigen, buchstäblichen Benutzung der Salomonischen und Kley'- schen Predigten wohl schwerlich seinen Beifall schenken können. Zu wenig beachtet scheint in seiner Vortragsweise Dielen die alte Vorschrift: Onrnes rnotns subsegn» debet gestus, non hie verba exprimens; scenicus, sed universam rem et sententiam. non demonstratione, sed significatione declarans (Cic. Orat. III. tzg). — Eine sehr rühmliche Erwähnung verdient das seit 32 Jahren bestehende israelitische Spital, welches sich der zweckmäßigsten und segensreichsten Verwaltung erfteut. 'Das Local desselben ist, gleich dem -der Synagogen und der Schule, von der Gemeinde in Pacht genommen; doch sicht man, da kein gesetzliches Hiuderniß vorwaltet, dem baldigen Spitalbaue mit Zuversicht entgegen. Es fehlt zu diesem wohlthätigen Zwecke nicht an nahmhasten Beiträgen, unter welchen "der 6000 fl. C. M. betragende des Herrn Markus Pollak mit Auszeichnung genannt zu werden verdient. Rrdacteur: vr. «. Philippsoft. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

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