Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 56 (22.8.1837)
- Date
- 1837-08-22
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
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Lurch die Hoffnung zur Erlangung derselben den Juden die Noch- ' wendigkeit auferlegt werden , die starre, durch Jahrhunderte hin- ' Lurch versteinerte Form mit einer neuen, vergeistigten zu ver- : tauschen. ' ' In dieser gegenseitigen Wirkung und ihren Folgen spricht sich 1 der Kampf des allmählig wirkenden Zeitgeistes sowohl mit der Vergangenheit und den Vorurthcilen aller Religionen, als auch mit der Zukunft und den Hoffnungen der verschiedenen Stände aller Staaten aus. Und je mächtiger die Vergangenheit in den einzelnen Ländern gewirkt hat, desto größere Folgen offenbaren sich in der Gegenwart, und je wirkungsloser sie an anderen vorüberging, desto verkehrtere Erscheinungen thun sich in dieser kund. Letztere sehen namlrch ein, wie sich das kirchliche sowohl als das bürgerliche Leben in den ersterwähnten Staaten gestaltet habe/ wollen mir einem Schritte demselben Nacheilen, da zurückzubleiben in einer Zeit, die doch so aufgeklärt sein will, eine Schande wäre. Da der Weg aber zu groß ist, als daß man ihn mit eincrp Sprunge hinrcr sich haben könnte, so>zeigen sich jene Mißgestaltungen, die solcheunnatürliche Bewegungen nach sich ziehen. Zu den Lctztern gehört nun unser Baiern. Die Folgen, die der Geist der französischen Revolution in seiner vollsten Ausdehnung in den Verhältnissen der westlichen europäischen Juden beurkundete, blieben uns fremd, und eben so ging der Geist des MendclSsohnschen Strcbens ganz sacht an uns vorüber. An ein Anschließen an die Berliner Thätigkeit, an ein Auffassen des dort sich offenbarenden Geistes war so wenig zu senken, als an ein selbstständiges Auftreten, wodurch das wahre' Leben sich zeigt. Es war ein bloßes Hinstarren, müßiges Zuschaucn, ein grundloses, vorschnelles Absprcchen dafür oder dagegen, und ein bloßes Anlehnen an eine oder die andere Ansicht. An die Begründung eines eignen, festdurchdachten und wohlüberlegten Systems zu gehen, fiel Niemandem ein.^ Es war entweder ein starres Festhalten an der alten Gewohnheit, oder ein Streben, das nicht wußte wohin, warum und wie weit. Don Ertrem zu Ertrem schwankend, konnte jedes Ereigviß die Sache wieder in eine unsichre Mirte werfen, ohne daß jemand recht wußte, was er damit machen sollte. Und dieses ist noch immer der Charakter unsrer Juden in Baiern. Einige wenige Rabbinen abgerechnet, haben wir fast gar keine tüchtig wissenschaftlich-gebildete Männer unter uns, die pch aus tiefer Einsicht und theoretisch begründeter Religion dieser annchmen sollten. Es ist bei uns fast alles ein bloßes Aufnehmen und Wicdergeben des von Außen uns Zugckommencn, ohne selbstthätiges, aus frcieigner' Kraft entsprungenes Wirken. Es ist, wie gesagt, ein Anlchncn an eine durch den Zeitgeist bewirkte Ansicht; fragt, man aber nach tieferer Begründung, so möchte man nicht selten ins Seichte gerathen. Männer wie Iunz, Jost, Geiger, Mannheimer, Hirsch und Ew^Ehrwürden :c. sind unserm Lande fast ganz fremd. Die jüdische Wihenschaft, die in unfcrm Lande gedeihen soll, ist noch eine gar'junge, zarte Pflanze; und was das Schlimmste ist, sieist sich selbst überlassen, und entbehrt aller Anleitung und Nachhülfe. Bei dem Mangel an tüchtigen, jüdischen universell gebildeten Gelehrten, sind vor allem die studirenden jüdischen Theologen rein an die Professoren anderer Religionen gewiesen. Aber bei vcm in unserer Zeit sich in allen Religionen beurkundenden Streben, die eigene allein herauszuheben und zu vertheidigen; 'bei dem an unsern Universitäten in Theologie und Philosophie sich immcrmehr befestigenden Mysticismus, welcher Nutzen kann da für Candidaren unsrer Religion entstehen 1 So hörte ich an hiesiger Universitär die Psalmen; sie wurden sammt Und sonders flüchtig, ohnephilologische oder philosophische Kritik durchgegangen. Eine Untersuchung, bei welcher man aber schon von vornherein errathen kann, wohin, fand nur bei den sogenannten mcssianischen Psalmen Statt. — So wollten ich und mehrere Candidaten bei einem andern Professor Paftoraltheologie in Verbindung mit Homiletik und Katechetik hören. Der gute Mann aber bat uns selbst, ihn mit unfcrm Besuche zu verschonen; wir würden ihn bei dem katholischen Anstrich, den der ganze Vortrag haben müßte, nur beleidigen. Er versah uns mit einem selbstverfertigten Auszuge, über welchen examinirt, wir unsre Zeugnisse, erhielten. Die katholische Offenbarungsphilosophie Schellings, wie die Theologie des Görrcs und Baader's Mystik werden auf gleiche Weise für den jüdischen Candidaten nicht von sehr großem Nutzen sein. An der Erlanger Universität sind die protestantischen Theologen an den Besuch gewisser Professoren gebunden, durch den sie an den Collcgien der freidenkendern Männer gehindert werden, und so bleiben auch dort die jüdischen Candidaten, die nur aus dem universcllern Unterrichte Nutzen ziehen könnten, zurück. Von der Universität Würz bürg'bin ich zu wenig unterrichtet, als daß ich Ihnen Zuverlässiges mittheilen könnte. Welchen schweren Standpunkt die Jünger der jüdischen Wissenschaft haben, wird nun Jedem leicht - Lar, der es weiß, welch ein schweres Geschäft die Selbstbildung ist. Wenn sich ndn die Jugend und Schwäche unsrer jüdischen - Theologie, die nach ihrem neuern Wesen betrachtet bei. uns noch keine zwei Decennien zählt, schon durch den Mangel aller bedeutenden literärischen Produkte, und durch eine furchtbare Passivität bei dem so regen Leben im Felde der Wissenschaft beurkundet: so können wir andererseits mit einer gerechten Freude das Gedeihen unsrer Schulen erwähnen. Wir'sind hierin vielleicht manchem Lande weit vor aus/und es giebt nur sehr wenige Ortschaften, die nicht ihre geprüften Lehrer hätten. Und Lehrer und Rabbiner thun zu ihrem Ruhme und ihrer Ehre sehr Vieles. So leitet z. B. Dr. Aub in Baireuth den Conficmanden-Unterricht, die Feiertagsschule, unterrichtet in' 4 Classen die Schüler des dortigen Gymnasiums, und sein Vortrag der hebräischen Grammatik ist so gediegen, daß er selbst von Schülern anderer Confessioncn besucht wird. Rosen selb, Gutman, Stein, Grünebaum :c. sind in ihren Bezirken sehr fleißig, und wir sehen durch diese Thätigkeit manche schöne Hoffnung, die wir auf die Jugend bauen, mit Gottes Hülfe gerechtfertigt und in Erfüllung gehen. Dagegen steht es bei uns, in dem was man kirchliche Reform nennt, sehr verschieden. Wenn schon den in der neuern Zeit gebildeten Rabbinen allen das Bestreben zugesprochen werden muß, das, als gut und förderlich Erkannte und Erprobte, in ihren Synagogen einzuführen; wenn seit den letzten Synodalversammlungeu, durch die dortgefaßten und von den königl. Kreisregierungen genehmigten Beschlüsse ermuthigt, manche aus ihrer Muthlosigkeit zu erwachen scheinen , und wenn auch schwach, doch nun fast alle den Willen an den Tag legen, das in der Religion begründete Gute zu fördern: so stehen die Gemeinden hierin größtenteils sehr weit von ihrem Rabbiner ab. Während man in München und im größten Theile des Obermainkreises sich für ceremonielle Verbesserungen im Gottesdienste interessirt, ist man in den andern Kreisen denselben entweder feindlich gesinnt, oder argwöhnisch gegen dieselben, oder höchst indifferent. Dieser Jndifferentismus, der eben seines Charakters halber zu allem zu brauchen ist, und jene feindlich-argwöhnischen Argusaugen veranlassen die vielen Streitfragen, zu deren Lösung und ferneren Verhütung das königl. Ministerium des Innern die Kreis-Synoden berufen hatte. — Bei dem üblen Rufe, in dem die neuere jüdische Theologie bei unsern jüdischen Glaubensgenossen steht, würden nun natürlich wissenschaftlich gebildete Privatiers die besten Mittler zwischen Rabbinen und Gemeinde sein. Man könnte ihnen nicht jene .Absichten, die man dem geistlichen Stande vorwirst, zuschreibeu. Und hätten wir solche Männer, deren Streben für die Verherrlichung ihrer Religion, wenn nicht einer falschen Annäherungssucht an das Christenthum und einer Nachahmung desselben, nur ihrem warmen Eifer für die'Sache des Guten zugeschricbcn werden könnte, so würde man sich am ehesten der Erfüllung einer stammen HoMUNg entgegenfreuen dürfen. Da uns diese aber mangeln, so wird dieser Streit noch unendliche Wirren herbeiführen und unsägliche Kämpfe kosten. Denn zu welchem Resultat das Conclusum der verglichenen Synodalbeschüffe führen wird, ob eine Confistorialbchörde errichtet wird, ob andere Mittel zur Erreichung der Einigkeit und der Einheit des kirchlichen Lebens ergriffen werden, das sind Fragen, deren Beantwortung mit absoluter Gewiß- Herr nicht gegeben werden kann. Redactcur: vr. L. Philippson. —. Verlag von Barnngärlners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.