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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-08-12 · Heft 50 (12.8.1837) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 50 (12.8.1837)
Date
1837-08-12
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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200 Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Die Alt-Neuschule in Prag.) DG prager Judenstadt, ungefähr den sechsten LH eil der Altstadt umfassend, theilte nicht nur alle Schlage des Unglücks, welche die übrigen prager Städte durch Brände, Belagerungen und Plünderungen erlitten habev, sondern es traf sie noch insbesondere in den Jahrhunderten fanatischer Unduldsamkeit die ganze Kraft und Schwere eines durch ungegründete Beschuldigungen aufgeregten zügellosen Judenhasses. Daraus, und aus der drückenden Armuth der weit überwiegenden Mehrzahl ihrer Bevölkerung wird es begreisiich, warum die Judenfiadt noch immer in vielen Gassen und Winkeln wie eine Ruine aussieht, in der man sich nothdürftig wieder eingerichtet hat. Nach dem letzten größern Brande, im Jahre 1689, durch welchen 318 Judenhäuser und 11 Synagogen eingeäschert wurden, heißt es in einer amtlichen Eingabe der Gemeindeältesten: »daß darinnen (in der Judenstadt) kein Oertel noch Plätze!, allwo sich jemand erhalten könnt, und haben sich die Steine, Ziegel und Schutt in allen Gassen, Gott erbarm' es! so angehäuft, daß man nirgends dazu kann.« Nur die Alt-Neuschule, dieses ehrwürdige Gebäude, sah feit dem I3ten Jahrhundette mehr als einmal die Flammen über den Dächern eines Volkes zusammenschlagen, welches bei all' seiner Armuth vor dem noch herberen Loose der Verbannung aus dem Lande zitterte. Die unter dem Namen »Alt-Neuschule« bekannte Synagoge, kündigt sich schon von außen als ein hohes Altetthum an. Einige Stufen fuhren in das noch ehrwürdigere Innere hinab. Die Bögen des doppelten Spitzgewölbes kragen zwei massive im Byzantinischen Geschmacke gestellte und verziette Säulen. Die vom hundertjährigen Ruße geschwärzten Wände, das stille Lampenlicht, welches auf das einfach, aber würdig geschmückte Heiligthurn und auf das' blasse Antlitz der Betenden und Wehklagenden fällt, muß den gefühlvollen Christen, der ihrem Gottesdienste an dem großen Bußtage beiwohnt', bis in das Innerste ergreifen und rühren. Etliche hundert Schritte von der Alt-Neuschule breitet sich, von ungepflegtem Flieder überschattet, der alte Judenfriedhof aus, mir seinem halb in Lrümmern liegenden, aber noch immer von dankbaren Enkeln geehtten Denkmälern. Im Hin- und Herwege von der Alt-Reuschule bis zum Friedhof, drängt sich dem aufmerksamen Beobachter das Bild einer Armuth auf, wie sie der Christ kaum so geduldig erttagen würde, als der noch immer auf den Messias hoffende Jude. Die meisten Bewohner der gegen 8000 Seelen umfassenden Bevölkerung der - Judenstadt-nähren sich vom Kleinhandel und ein nicht unbeträchtlicher Bruchtheil dieser Kleinhändler zieht mit einem Pack Maaren oder mit einem leeren Sacke schon früh Morgens in der Stadt umher, um die Waaren bei bekannten Patteien abzusetzen und den leeren Sack mit erfeilschten Abfällen des Kleiderschranks, Küchen- und Zimmermobiliars zu füllen. Selten übersteigt das tägliche Betriebs-Capital einK in Prag sogenannten Handels- Juden den Werth von 2 GMden. Von dem Ettrage desselben lebt er von heute auf morgen. Selten genießt er übettags mehr als ein Stück Brod, einige geschabte Steckrüben und einen Schluck Branntwein. Gegen Abend ißt er mit seiner Familie das Schoulit (ein in einem Gemeindeofen gegen Erlag von etlichen Kreuzern gekochtes Gericht.) — Die meisten Häuser haben zwei bis drei Lausherren und manches große Zimmer wird von zwei bis drei Wohnpatteiea bewohnt. Man muß sich bei einer so drückenden Armuth und bei einem-so gedrängten Zusammenleben der ärmeren Juden, über den Gesundheitszustand derselben, über ihre lebenskräftige Regsamkeit, und über den Umstand verwundern, daß auch bei verheerenden Epidemien ihre Sterblichkeit verhältnißmäßig geringer ist, als bei den Christen. Ihre Mäßigkeit und genaue Sparsamkeit in Bezug auf die Genüsse des Lebens, die löbliche Sitte, ihre Kinder frühzeitig an Erwerb zu gewöhnen, und vor Allem ihr Zusammenhalten in gemeinsamer'Roth, macht es begreiflich, wie selbst die ärmsten Juden Enkel und Urenkel, und unter diesen manchen Glücklichen zählen, der plötzlich aus seiner Armuth zu dem Range eines angesehenen und vermöglichen Mannes austaucht. — Die prager Juden haben für ihren Kleinhandel in der Altstadt einen eigenen Markt (Tandelmarkt genannt). Wer sich ein recht lebendiges Bild von der Betriebsamkeit und Ausdauer in dem zweifelhasten, aber dem Genügsamen lohnenden Geschäfte des Kleinhandels verschaffen will, der muß einen Gang durch den Tandelmarkt.machen. Der ganze Platz ist bis in die tiefsten und höchsten Gewölbe und Stuben einem gedrängten, in steter Arbeit sich durcheinander tteibenden Bienenschwarm zu vergleichen. An Sonn- und Feiertagen ist dieser Platz wie ausgestorben; dagegen häuft sich dann alles Leben des bunten Kleinhandels in den Gassen der -Judenstadt zusammen, welche die belebtesten Theile der Altstadt berühren. An solchen Tagen kauft das christliche Landvolk zu billigen Preisen von den Juden, was sie von den Abfällen des Wohlstandes, oft auch der unwirthschaftlichen Armuth, erhandelt und in brauchbaren Stand gesetzt haben. Es ist kaum begreiflich, wie die Juden Dinge verwetthen können, aus denen der Christ nichts zu machen weiß. Aber ihr Handel ist einem gutgestellten Uhrwerke zu vergleichen, in dem selbst mikroskopische. Zähne, Stifte, Federn und Walzen Mitwirken. Es ist wahr, daß ein armseliges, immer nur auf den Erwerb einiger Groschen und Gulden bedachtes, Leben eine nachtheiligr . Wirrung auf den Charakter und den Geschmack der jüdischen Bevölkerung äußert, aber man darf hierbei nicht vergessen, daß es die erste Rücksicht und Pflicht des Armen ist, sich und-die Seinigen wenigstens für heute und morgen zu nähren. Um den nachtheiligen Einflüssen des Schacherhandels zu begegnen, haben sich Stiftungen gebildet, welche den Zweck verfolgen, Kinder schon in ihrem stühesten Alter für höhere Begriffe und Ideen zu gewinnen, als sie auf einer Rechentafel stehen oder stehen können. Man hat gegenwärtig einer wohlorganisitten Normalschule noch das Institut einer Kleinkinderbewahranstalt bcigefügt. I» einem neu eingerichteten Gotteshause wird der Cultus seiner äußern Form nach den Begriffest näher gebracht, welche der gebildete Jude mit den Christen theilen muß. Dies sind für die jüdische Bevölkerung Prags die ersteulichsten Zeichen der Zeit. Möge sich die neue Synagoge zur Alt-Neuschule verhalten, wie der neue Friedhof zum alten. Dann wird das hohe Altetthum der Alt- Neuschule und des alten Friedhofs den Juden wie den Christen zu frommen Empfindungen stimmen. Prof. A. Müller. (Panorama d. Universums, IV. Jahrg. 2s Heft.) (Aus Breslau.) Dieser Tage erschienen die gedruckten Statuten der »Vr. Henschelschen Stiftung für Studirende der Medicin,« nachdem sie die Bestätigung von des Königs Majestät erhalten haben. Diese Stiftung ist bekanntlich bei der am 3. Januar dieses Jahres stattgefundenea Feier der funftigjähttgen Wirksamkeit des um hiesige Stadt und Provinz hochverdienten israelitischen Arztes, Herrn Dr. Elias Henschel von einem Verein würdiger Israeliten ins Leben gerufen worden. Wir entnehmen aus den Statuten, daß bei der hiesigen Gemeinde ein Capttal von 2000 Thlr. in außer Cours gesetzten Pfandbriefen deponitt ist,, deren Zinsen jährlich einem armeN israelitsschen Candidaten unter folgenden Bedingungen, zum Behufs seiner Promott'on, ausgezahltW' werden sollen. Die Bedingungen find: der Studirende muß ein Breslauer oder, falls ein solcher sich nicht meldet, ein Schlesier ,■§ sein, muß sich auf der hiesigen Universität befmden und das examen rigorosum bei der Medicinischen Facultät Hierselbst mit günstiger Censur bestanden haben. Meldet oder eignet sich aber weder ein Breslauer noch ein Schlesier, so bleiben die Zinsen fürs folgende Jahr rcservitt, in welchem dann zwei israelitische Canditaten unterstützt werden können. Dieses gilt so sott vom dritten Jahre u. s. w., so lange sich keiner meldet oder eignet, bis die Dettheilung erfolgen Redakteur: vr. L. Philippsou. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

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