Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-08-08 · Heft 48 (8.8.1837) · p. Seite 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 48 (8.8.1837)
Date
1837-08-08
Page
Seite 192 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3224738-3224787--00382-3298638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

193 deutungen gmügen werden, Etwas dazu beizutragen, daß die bevorstehende Diskussion wenigstens nur mit materiellen Gründen und in denjenigen Grenzen geführt werde, welche die Kammer sich von jeher gesteckt, und seither immer so glücklich' beobachtet hat. — , (Fortsetzung folgt.) Correspoudenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Königsberg in Preußen.) Wenn ich es wage, meine ungeübte Feder in einem, meiner Stellung ganz fremden, und außer deren Wirkungskreise liegenden Fache zu versuchen *), so muß ich um so mehr um Zhre und Ihrer Leser Nachsicht bitten, als Sie nur mein inniges Bestreben, zum Wohle unserer noch immer niedergedrückten Glaubensbrüder mit meinen schwachen Kräften beizutragen, darin erkennen, und den guten Willen für Vie'That nehmen wollen. Als der Prospect Ihrer schätzbaren »allgemeinen Zeitung des Judenthums« mir zu Gesichte kam, war ich innig erfteut ein Unternehmen ins Leben treten zu sehen, welches von so überaus großem Nutzen für das ganze Zudenthum zu werden versprach. Tie bis jetzt erschienenen 31 Nummern haben jene Erwartungen nicht nur nicht getäuscht, sondern im hohen Grade noch überrroffen. Dem von Ihnen ausgesprochenen Wunsche: »den neuen Kampfplatz von würdigen Kämpfern besetzt zu sehen«, wurde die schönste Erfüllung zu Theil. Aus allen Gegenden unsers gemeinsamen deutschen Vaterlandes, ja selbst aus andern Ländern, England, Frankreich re. wird nun Alles, was nur von Interesse für das Judeathum ist,,und auch nur in entfernter Beziehung zu demselben steht, durch das würdige neu erlangte Organ zur Kunde unserer Glaubensbrüder gebracht; das neue Band umschließt alle mir gleicher Theilnahme, — Desto schmerzlicher vermißte ich aber dis jetzt jedwede Mittherlung aus der Provinz,Preußen. Wenn die allgemeine Volksbildung unter den Juden in unserer Provinz noch nicht den Punkt wie im Süden und Westen Deutschlands erreicht hat, — so chut es um so mehr Noth, das Interesse für unsere politische und Mliche Ausbildung bei denselben anzuregen. Freilich ging es nicht von uns aus, daß im Jahre 1824 die höchst erbaulichen Kavzelvorträge des damals hier angssstellten vr. Frankholm allshörten, die Einsegnungen der jüdischen Jugend, welche einmal mit größter Feierlichkeit hier begangen wurden, nicht mehr stattfanden, aber die Folge dieser Einzwängung in die mittelalterlichen Formen war allerdings, daß bei den gebildetern und reichern Juden nach und nach eine Indolenz und leider auch eine Geringschätzung gegen unsere heilige Religion und gegen alles jüdische Interesse einriß. Es bewahrte sich die Klage ' unsers edlen Rießer, daß mancher von den vornehmen Israeliten mit verwerflichem Stolze sich von seinen Glaubensgenossen trennte, und diese allein einen Kampf, welchem sie durchaus nicht gewachsen, nnd in dem sie, bei dem Mangel an intelleeruellen Mitteln, nur zu bald unterliegen mußten, kämpfen ließen. — Es kam so weit, daß es zum bon ton gehört, die eigene Religion herabzuwürdigen, daß man mit größter Geringschätzung und Gleichgültigkeit von allem jüdischen Interesse Lenkt und spricht. Wenn in einer Gesellschaft sogenannter gebildeter Juden das Ge- Ich habe die Form dieses Berichtes ga»; uavcränderr gelassen, um so mehr, «eil auch er eia Scherssem mehr zu der tleberzeugmrg beigttra» gen, die ich je?r mehr als fe gewomrea, wie groß' die Jarelligea; «ater den Juden, auch außerhalb des Gelehrtenkretses und der Literatur, gegeuwärtig ist. . Die Jredacr. faradj 8ufallrg auf die Bestrebungen unserer Glaubensbrüder im Süden und Westen Deutschlands kömmt, so sollte man meinen, es wäre von einem Streite zweier wilden Völkerstämme der Südseeinseln die Rede, so wenig Theilnahme zollt man diesem erhabenen Gegenstände. Namentlich erstreckt sich diese geringschätzende Gleichgültigkeit auch auf alle jüdisch-literarischen Erzeugnisse und deren Verfasser. So kennen nur sehr wenige hiesige Juden die Namen und die Leistungen eines Rießer, Salomyn, Zunz, Feuerbach, Jost re. Als neulich der vr. Rimer bei feiner Rückreise von Petersburg hier einige Zeit verweilte, währte dessen Aufenthalt - schon über acht Tage, und noch nahm weder der Vorstand der Gemeinde, noch sonst ein jüdischer Privatmann davon Notiz. Mag dessen Uebersetzung des Talmud auch hin und wieder angefeindet werden, so bleibt er immer ein ausgezeichneter Gelehrter, der es wohl werth ist, daß man ihm mit Hochachtung begegne. Dies wurde auch von den. Christen, zur Beschämung der Juden, ehrenvoll anerkannt, indem beinahe alle Professoren der hiesigen Universität sich auf eine sehr schmeichelhafte Weise näherten, und er selbst das Glück hatte, bei unferm würdigen Oberpräsidenteu, Herrn von Schön Exc., eingeladm zu werden. - Wir sind in der ganzen Provinz in den gottesdienstlichen Formen sowohl, als in den Gemeinde-Verwaltungen noch da, wo unsere Väter, vor funftig Jahren standen. In dem letzter» Punkte geht Königsberg allein einigermaaßen etwas vorwärts, indem hier die Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten mit ziemlicher Ordnung und Regelmäßigkeit geführt wird. Aber auch hierin wird nur dasjenige streng geleistet, was zur Erhaltung des Gemeindekörpers nothwendig ist, und man ist weit entfernt davon, eine ^würdige Repräsentation des Judenthums, wie solches dem jetzigen Jeitgeiste unb den Kämpfen, denen es gewachsen sein muß, angemessen ist — im Auge zu haben. Es liegt dies besonders darin, daß die'Wahlen eines Gemeinde-Vorstandes, mit einigen ehrenvollen Ausnahmen, in der Regel nicht auf die Würdigsten, sondern aus die Reichsten fallen,, und daß,diese dann das ihnen zu Theil werdende Amt nach ihrer.Denkungsart und nach ihrer Bequemlichkeit ummodeln, anstatt sich selbst den Verhältnissen anzupaffen. In den kleinern Städten herrschen auch hierin noch alle die Dorurtheile und Misbräuche der frühera Zeit, in einem weit hö- . Hern Grade. Daß nun, wie natürlich, die Jugend im wahren Sinne des Wortes ohne alle Religion aufwuchs, ist nur zu wahr! die Regierung befahl daher selbst der hiesigen Gemeinde einen Rrligionslehrer anzustellen; dies geschah vor 2 Jahren. Seit dieser Zeit ertheilt vr. Saal schütz — bis dahin in Wien angestellt — den Religionsunterricht, und hat auch schon 2 öffentliche Prüfungen abgehalten. Die Theilnahme für diesen Unterricht ist über bei den Juden selbst so lag, daß guch die Fruchte desselben, ungeachtet der rühmlichen Anstrengungen des Herrn Lehrers,, nur gering sein konnten. Es ist jedoch hiermit schon ein Schritt gethan, und die wahren Freunde des Judenthums geben sich der angenehmen Hoffnung hin, daß auch das weitere Fortschreiten auf der Bahn der sittlichen und religiösen'Vervollkommnung von Gedeihen sein wird. Vor Allem aber ist es nothwendig, das Interesse bei den Juden selbst aryuregen. Hierzu nun bietet Ihr schätzbares Blatt das beste Mittel, dar. Wenn Sie es nicht verschmähen wollen, von Zeit zu Zeit Mittheilungen über alles, was in dem Bereiche jüdischen Interesses liegt, anzunehmen, so dürfen wir wohl erwarten, däß^auch hier die Theilnahme der- Gleichgesinnten rege werden." Meine Stellung im praktischen Leben erlaubt es mir nicht, mich literarischer Thätigkeit zu widmen; ich hoffe, daß die Würdiger» unter uns meinen Platz bald einnehmcn werden, und gern will' ich ihnen dann denselben einräumen, da sie ihn mit mehr Fug und Recht zu behaupten im Stande lein werden.. Redactcur: vr. L. Philivpson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.