Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 46 (5.8.1837)
- Date
- 1837-08-05
- Page
- Seite 184 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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184 seinem Interesse, das Volk von Jerusalem und den Wanderungen hahin zurückzuhalten. Da »änderten wieder die Priester und Leviten nach Juda ein, und machten sich besonders in Jerusalem ansässig...— Schon unter Rehabeam suhlte Jerusalem die Folge dieser Spaltung, Sisak, König von Egypten, zog, im fünften Jahre der Regierung des Rehabeam, gen Jerusalem hinauf, plünderte die Stadt, den Palast und den Tempel, führte die Schätze von dannen, konnte sich aber nicht daselbst halten, sondern mußte die Stadt Rehabeam wieder überlassen. l6) — Auch unter der Regierung des Amasia, der, nachdem er die Edomiter geschlagen, den König Joas von'Israel übermüthig zum Kampfe aufrief, wurde Jerusalem von dem-Letztem erstürmt, die Mauer zum großen Theil niedergerissen, alle Schätze aus dem Tempel und Palaste hinweggeführt, und Geißeln der Unterwürfigkeit mitgenommen. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Dessau. Zweiter Artikel.) Die israelitische Gemeinde allhier wird gewöhnlich zu 1000 Seelen angegeben, welche Summe jetzt wohl etwas zu stark ist, da die Emigration die Reihen gelichtet, und namentlich der hoffnungsvollere Theil der Zugend sich nach dem Auslande zu begeben pflegt. Zm pekuniären Verhältniffe läßt sich nichts Betrübendercs denken. Man kann hier kaum zwei oder drei sehr bemittelt, reich Niemand nennen, ein Drittel der Gemeinde erwirbt sein Brod, thcils reichlicher, theils ärmlich, und zwei Drittel sind arm, und bedürfen der Unterstützung, oder schmachten unter dem Drucke der Armuth und des Mangels. Die Nahrungslosigkeit ist groß, natürlich weil sie in der Wahl der Eristenzmittel durchaus beschränkt, und von den Zünften eisern festgehalten sind. Nur eine israelitische Familie hat sich einen industriellen Weg eröffnet, indem sie eine Knochenmühle angelegt hat, und dies Geschäft durch eigene Kähne betreibt. Daher ist denn die Armenkasse der Gemeinde höchst überhäuft in Anspruch genommen, es ist erstaunlich, was jene verausgabt, und ist sowohl die musterhafte Einrichtung, nach der alle einzelne Kassen in Einnahme und Ausgaben vereinigt sind (um sich in ihren Unterstützungen .nicht zu'kreuzen), höchst zu loben, als auch der große Wohlthätigkeitssinn der Gemeinde, der, obschon so vielfältig belastet, dennoch nicht aufhört, sich in neuen Anstalten kund zu thun.' Denn neben der allgemeinen Armen - und Krankenkasse, neben der seit langer Zeit bestehenden und wirksamen Kasse für-arme Bräute und dem Humanitärsverein zur Unterstützung junger Leute, die ein Handwerk erlernen wollen (von welchem ein anderes Mal genauer), hat sich erst vor einiger Zeit eine Kasse für »geheime Unterstützungen« (irn-p sn»), (denken Sie nur nicht an geheime Verbindungen, ] gebildet, die Armen und Reichen eine Büchse' in's Haus schickt, welche der Reiche gefüllt, der Arme geleert zurücksendet. — Die Gemeinde hat einen christlichen und einen jüdischen Armenarzt. Der Herr Medizinalrath Dr. E. Schütz ist ein'höchst verdienter Mann, der für die geringe Besoldung von 60 Thlr. viele Jahre unermüdlich die armen Kranken behandelte, und sich großmüthig dazu verstand, als der Dr. L. 16) i Kön. 14, 25 f. Arnh old nach Dessau kam, mit ihm Amt und Lohn zu theilen. Sie leben in collcgialischer Eintracht. Ich komme zu den gottesdienstlichen und Bildungs-Anstalten der Gemeinde. Hier ist es, wo wir die regsten Erwartungen haben könnten, und hier ist gerade die rechte Schattenseite der Gemeinde. Alles liegt in größter Indolenz dar, und was die frühere Zeit geschaffen oder begonnen, das ist entweder schon wieder verschwunden , oder ist dermaßen ohnmächtig, daß man ihm nur ein vegetirendes Leben zuerkennen kann. Als Ursache würde ein Dolksfreund bald angeben, daß es an einem tüchtigen Manne fehlt, der die Gemeinde dazu anrege. Das hat Etwas für sich, allein in der That ist die Gemeinde eben so Ursache, wenn sie nicht das geringste Verlangen nach einem solchen Manne, und überhaupt nach irgend einer Besserung fühlt, besonders wenn sie früher schon Besseres gehabt. Um so mehr ist aber die Gemeinde zu Dessau anzuklagen, weil sie eines Theils von Seiten der Regie-' rung dann nur befördett würde, andern Theils selten eine Gemeinde diese Mittel (ich meine nicht Geldmittel, denn diese reiche» nicht immer aus) in Händen hat. Auch kann man es durchaus nicht aus etwaiger eigensinniger Opposition der »Altgläubigen« entschuldigen wollen, denn der größte Theil der Gemeinde ließe sich einen verbesserten Gottesdienst gern gefallen, und würde, wenn er einmal da wäre,, durchaus mit einstimmen. — In früheren Zeiten - hatte die Gemeinde einen Rabbiner in der Person des scl. Michael Speyer, und zugleich einen Prediger in der Person des sel. I. Wolfs, die beide, neben einander ohne Collision standen- und wirkten. Nach dem Tode des Ersteren wurde ein Pole, Liebschütz, aber nur provisorisch, angestellt, der nach fünfjähriger Amtsführung, entfernt wurde.. Nach dem Tode des Zweiten wurde'dessen Sohn, I. Wolffsohn, als Prediger angestellt, jedoch auch dieser, da er die Liebe und das Zuttauen der Gemeinde, ich weiß nicht, wie? sich nicht zu erhallen gewußt, trennte sich nach einigen Jahren von der Gemeinde. Und nun? — seitdem hat die Gemeinde weder Rabbiner noch Prediger, sondern gar kein geistliches Oberhaupt; deutsche Vorträge werden gar nicht mehr gehalrcn; der Gottesdienst geht seinen Schlendrian, ja, es wird auf Ordnung viel weniger gesehen, als früher; man hatte z. B. früher eine Vorrichtung gettoffen, um das Herein - und Hinauslaufen während des Vottrages aus der Thora zu verringern, auch diese ist wieder entfernt worden. Die nothwendrgsten rabbinischen Vorrichtungen, wie Trauungen u. dgl. werden von einem Lehrer der Franzschule versehen. Bisweilen wird zwar Confirmation von Knabe» vom Schuldirector Dr. Frankel abgehalten, allein da es diesem Manne, abgesehen vom sonstigen Wetthe, durchaus an allem Rednertalente fehlt, so ist diese Handlung immer eher peinlich, als erhebend. Dabei hat auch die Gemeinde einen vorzüglichen und musikalischen Vorsänger, und zu einem Chore-gäbe die Franzschule, sowie die vielen jungen Leute, die beste Gelegenheit, — aber nichts von allem dem. Fragt man die Leute nach dem Warum? so heißt es: Wir haben kein Geld. Nun wurden aber früher Rabbiner und Prediger unterhalten, und man hatte früher auch nicht mehr. Und dann, wir haben eben bemerkt, wie löblich der Wohlthätigkeitssinn der hiesigen Israeliten sei, — ich glauhe aber, daß es viel richtiger sei, die Almosen zu beschränken, und lieber für Bildung und, Erhebung des allgemeinen Geistes mehr zu thun; denn dies ist von nachhaltt'ger Wirkung, und erzieht die Heranwachsende Generation zu Besserem, als Almosennchmcn. Auch wäre es besser, anstatt so viele Almosen auszutheilen, lieber ein Arbeitshaus, nach Art der preußischen, anzulegen, das sich zum großen Theile aus sich" selbst erhalten könnte. Allein eine neue Idee ist hier eine seltene Waare, eine noch seltenere die Ausführung. Ich muß heute schon wieder mit einem gewissen innern Grimm schließen, und das grimmt mich am meisten. Denn wo man liebt, tadelt man nicht gern. Darum will ich eben schließen, vielleicht geht es mir das nächste Mal besser, wenn ich von den Schulanstalten spreche. Redatteur: Or. L. Phillppson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.