Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-07-25 · Heft 40 (25.7.1837) · p. Seite 160

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 40 (25.7.1837)
Date
1837-07-25
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3224738-3224779--00342-3298584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

160 Correspondenzen, Auszüge, Repliken. (Aus Dessau.) Zch'glaube, die Leser dieser Zeitung werden sich gar nicht wundern, wenn sie einen Bericht aus Dessau vor Augen bekommen. Zwar liegt das schöne Muld- und Elbstädtchen gerade zwischen ihrem Rcdacrionssitze und dem Berlagsorte, und wohl möglich, daß selbst dieser Bericht, von Ihnen nach seinem Bestimmungsorte, der Druckerpresse, gesandt, wieder unser Weichbild passiren muß. Also »von weit her« ist es allerdings nicht, was ich mittheile. Jndeß Dessau — wer unter den Gebildeten unserer Glaubensgenossen kennt diesen Namen nicht, und sieht es nicht gern, unter der Hand Etwas daraus zu erfahren?. Ist nicht Dessau der Geburtsort Mendelssohns? Wurde nicht in Dessau zum ersten Male in einem israelitischen Gotteshause deutsch gesprochen? Hatte nicht Dessau eine der'erstcn geordneten jüdischen Schulen? War nicht Dessau eine Zeit lang der Stapelplatz jüdischer Literatur? Ist nicht aus Dessau eine Zahl tüchtiger Redner unsers Glaubens hervorgegangcn, Dr. Salomen (obgleich in Sandersleben geboren), 2. Wolfssohn, und auch Sie, Herr Redacteur? Hat nicht in Dessau zum ersten Male ein deutscher Fürst, oder überhaupt ein Fürst, Geld- und Realunterstützung einer jüdischen Anstalt angedeihen lassen? (So viel mir bekannt ist, find es nur der Fürst von Sondershausen und der König von Sachsen bis jetzt, die sich hierin in Deutschland angefchlossen.) Kurz, es knüpfen sich allerdings Erinnerungen genug für Juden au unsere Stadt. Da erwacht denn im Voraus die Frage: und was, nach so vielen schönen Vorgängen, muß jetzt nicht Alles da blühen und emporgekommen sein? welche schöne, großartige Früchte müssen da herangereift, sein, wo der Frühling so schön gewesen, so hell und befruchtend? — Wenn ich bei diesen Fragen nur nicht kleinlaut werden muß. Der Leser muß mich nicht so vorlaut incommodiren, damit ich nicht verstumme. Ach, sollte es nicht etwa ein Frühling gewesen sein, der die Dlüthen vorschnell hervorgetrieben, daß die kühlen Nachtfröste sie betrafen, und den Keim erstickten!! — Ehe ich trübe werde, lassen Sie mich zur Sache kommen. Wir wollen Alles bei Lichte besehen, die Schale und den Kern, denn was erst das Licht nicht, vertragen könnte, damit wäre es vorüber. Und der Vorzug unserer Zeit ist es eben, daß Alles zum Lichte gezogen wird, an dem sich Mehlthau und Mehlkorn unterscheiden lassen. Ich werde erst vom Aeußern sprechen, dann vom Innern. Anhalt-Dessau ist umgeben, ein Jeder kann es auf der Karte sehen, von Preußen, Anhalt-Bernburg und Anhalt-Köthen. In allen dreien sind die Juden Bürger, und wenn sie auch nicht zum Staatsdienst zugelaffen werde», so haben sie doch Gewerbefteiheit. In Dessau sind die Juden noch Schutzjuden, bezahlen Schutzgeld, können dem Gesetze nach aus einer Stadt nicht in die andere ziehen, und immer noch nicht Nachtwächter werden. Ja, nicht einmal werden sie zur Stadtverordneteuwahl zugelassen, also noch weniger können sie Stadtverordnete werden. Der einzige Fortschritt, den die Juden allda in der bürgerlichen Stellung gemacht haben, ist der, daß vor einigen Jahren die Beschränkung, nur in einem Stadttheile wohnen zu dürfe», aufgehoben wurde, und zwar auf häufige Reclamation der Bürger selbst, weil die Mietheu und Häuser in dem andern Stadttheile dadurch viel geringer im Preise standen. Gewerbe, außer dem Handel, dürfen die Juden hier nicht treiben — aber man macht sie, da die Lust, ein Handwerk zu treiben, unter ihnen zu groß ward, einzeln zu Fweimeistern, d. h. sie können ihr Handwerk, aber ohne Gesellen und Lehrlinge, auf eigene Faust, oder vielmehr durch die eigene Faust, wenn ihre Frauen nicht helfen, ausüben. Solcher giebt es denn auch Mehrere, Klempner, Buchbinder und Tischler, außer den jüdischen Metzgern; es lernen jetzt auch unter andern emige Gürtler. Als eine Anomalie ist es anzusehen, daß schon seit vielen Jahren ein jüdischer Lehrer der englischen Sprache an der Hauptschule (Gymnasium, nicht mit der jüdischen Franzschule zu verwechseln,) angestellt ist. Trotz dem haben wir einen vor- > trefflichen Fürsten, an dem der Stand der Dinge wahrlich nicht liegt, einen Fürsten, der ein gefühlvolles Herz, für seine jüdischen wie christlichen Unterthanen besitzt,' zu dem ein Jeder sein Privatleiden und seine Privatbitte bringen kann, und, wo möglich, Erhörung findet, einen Fürsten, der dewjüdischen Jüng-' lingen Stipendien aus eigner Schatulle ertheilt, wenn die Sripendiumscommission es ihnen versaget; einen Fürsten, der jährlich Beiträge in die überhäuft in Anspruch genommene jüdische Armenkasse fließen läßt, und dem eine erlauchte Fürstin mir gleicher Gesinnung zur Seite steht. — Ist das nicht Alles sehr sonderbar? Schöne Menschlichkeit, wie lange wirst-du nur noch im Gedränge der Intoleranz als ein Grubenlicht brennen, . das immer in Gefahr ist, auf »böse Wetter« zu treffen und noch gefährlichere Flammen zu zünden? — Dabei weiß cs eia Jeder, wie sehr die Juden der Stadt Dessau nütze», wie sie die Einzigen hier sind, die noch das Gewerbsleben in Circulation erhalten, und etwas Nahrung dem Städtchen geben , da sie hier zu verzehren pflegen, was sie anderwärts mühselig erworben. Der Bürger selbst bewahrt immer noch sein Worurtheil und seine Mißgunst gegen die Juden. Sie wisse» es auch wohl, daß ein großer Theil der hiesigen Juden recht gebildete Leute sind, dennoch ist ihnen der Bürgergarten, die Schützcngilde u. s. f. immer noch verschlossen, so noth es auch thäte, ein wenig mehr Unterhaltung dahin zu bringen. Es ist auch wirklich hieran sehr wenig verloren, wen» es nicht die allgemeine Idee wäre, um die es Einem unangenehm ist. . Doch ich will heute noch einen Spatziergang nach dem schön geputzten Kirchhofe machen, wo die Tobten so ruhig schlafen, unter Blumen und Bäumen, daher genug für heute. Mit der nächsten Post mehr, wenn Sie erlauben. (Herr Victor Lenz demaskirt sich.) Oder läßt sich demaskiren- Wenigstens schreibt ein Herr Adelbert von Dornstedt aus Paris in der Abendzeitung, wer Herr Victor Lenz sei. Run, er heißt Eh. A. Traxel. — Ich finde es sehr bescheiden, daß sich H. Traxel anonym Victor Lenz unterschrieb. Denn er hätte sich doch mit demselben Fug anstatt Victor (Sieger) gleich Triumphator nennen können, und wie stattlich wäre sein Triumphzug, I wenn sich ein Paar Millionen Juden entschlössen, seinem Triumph- I zuge als Gefangene, Besiegte, Betriumphirte voranzuziehen. Ebenso hätte er sich anstatt Lenz. (Frühling) — Winter nennen können, und mit noch größerem Rechte. Denn die Eisblumen seines Herzens, die erstartten Wasserfälle seines Gemüthes, die grauen Haare seiner Gedanken, die Murrsucht seiner ganzeu Att, lassen so etwas vermurhen. — Wer also der Victor Lenz sei, das wissen wir; wer aber der Traxel sei, das können wir hier auch erfahren. Da wir aber Wichtigeres zu thun haben, so wollen wir die Züge seiner Persönlichkeit nur ganz kurz mehmeu. Traxel hat, wie sich sein Lobredner selbst ausdrückt, »eine sehr unvollständige Erziehung« gehabt. »Er war genöthigt, successive Poet, Philolog, Geometer, Architekt, Soldat, dramatischer Dichter und endlich Publicist, Politiker — Demagoge zu werden.« Er ward nach Magdeburg gebracht zu einer halbjährigen Festungsstrafe (da kann es uns doch nicht mehr wundern, daß B. L. die Juden haßt, da es doch die deutschen Demagogen waren, die mit dem Hep, bep anfingen); ja, »er ttat den Unzufriedenen ganz bei,« schrieb Schmähartikel für den »Temps,« mußte fliehen, »ein literarsscher Jude, ein Redacteur des Temps« soll seine Corrcspondcnz ausgeliefett haben. Magdeburg und die Flucht belehtten ihn eines Bessern — er ist »Royalist« geworden, wie H. v. Dornstedt selbst sagt, aber die Juden haßt er immer noch und schimpft auf sie. Genug. Dies ist seine Carriere. Herr v. Dornstedt nennt Traxel einen der ausgezeichnetsten Schriftsteller der jüngcrn Zeit. Wem Herr v. Dornstedt Autorität ist, glaubes. Der Eremit nannte ihn vor Kurzem (R. 77.) »den unsäglich ledernen Adendzeitungsmann, der es sich so sauer werden läßt, spaßhaft zu sein.«. Redatteur: vr. L. Philippson. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W Haack.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.