Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 36 (20.7.1837)
- Date
- 1837-07-20
- Page
- Seite 144 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Bücherschau. Nichts schreckt viele Leser und Leserinnen mehr ab, als die strenge, hergebrachte Form von Recensionen. Der ernste Titel mit seinen Seiten - und Jahreszahlen, die gewichtige Einleitung, das »Rec.« und »Res.« und all das Abquälen, die Kritik -recht würdig, gründlich und scharf sprechen zu lassen, macht dem Leser, der mehr einen leichten, geschmackvollen Unterricht, als eine gelehrte Abhandlung sucht, Grauen,, daß er alsbald das Blatt aus der Hand legt. Einen andern Ausweg zu finden, ist leicht, und unsere Pflicht. Wir werden, abgesehen von den gründlichen Kritiken wichtiger und gelehrter Schriften, von Zeit zu Zeit dem Leser eine Ueberficht der neuesten literar. Erzeugnisse unter die Augen bringen, die ihn mit Allem bekannt macht, was der Strom der Zeit auf seiner Oberfläche mit sich bringt, besonders aber mit der Art Schriften, die dem allgemeinen Publikum angemessen sind. Beginnen wir mit einem bescheidenen Büchlein, das nicht bestimmt ist, in die Posaune der Fama zu stoßen und auszurufen: ich bin da! staunet! — das aber demungcachtet liebevollen, auf die religiöse Bildung ihrer Kinder vom zartesten Alter an sorgsam bedachten Eltern sehr zu empfehlen ist. Die verschiedenen israelitischen Andachtsbücher, Liedersammlungen (von Joelson, Heinemann, Kley, das treffliche neue Hamburger Gesangbuch) sind nur für Gebildete und höchstens für Schüler der ersten Klassen brauchbar. Abgesehen von ihrem oft großen Werthe, sind sie in zu hohem Style abgefaßt, um für Volk und Kinder genug verständlich, also auch anwendbar zu sein. Das Ideal von für Letztere passenden Liedern und Gesängen bleibt die leichteste Verständlichkeit mit der^iefsten Innigkeit zu vereinigen. Von der einen Seite nicht platt und fade, von der andern nicht zu hoch und erhaben, sondern warm, warm empfindend : das ist das Ziel, und allerdings schwer zu erreichen. Denn nicht hohe, sondern treffende Worte sind da nothwendig, wo unmittelbar gewirkt werden soll. Mit ihren Kindern zu beten, welches edlere Geschäft giebt es für Eltern? Ihren zarten Seelen die erste Bekanntschaft mit dem Allvater droben, den die Kinderwelt eher kennen und fühlen muß, als erkennen, die ersten religiösen und moralischen Lehren zu geben, das ist besonders das heiligste Amt des Mutter- Herzens, es ist auch eine Pflege, aber die Pflege der Seele, die reinste, schönste Pflege. Dieses Amt zu erleichtern, und auf angemessene, würdige Weise vollführen zu lassen, bezweckt das bescheidene Büchlein, von dem wir sprechen — »Israelitisches Andachsbüchlein zur Erweckung und Ausbildung der ersten religiösen Gefühle und Begriffe, ein Geschenk für gute Kinder, vonDr. Formst e ch er, israel. Prediger zu Offenbach. Es enthält Gebete in einem warmen, liebevollen Tone für die verschiedenen Stufen der Kinderwclt. Der Ton des Buches ist gesund, nicht pietistisch, aber wahrhaft fromm. Sie finden hier tägliche Gebete (Morgen-, Abend-, Tischgebete u. s. w.), für besondere Zeiten (Sabbath-, Festgebete, für die Jahreszeiten, am Geburtstage, für Eltern und Lehrer), Religionsbegriffe (Gott, Offenbarung, Unsterblichkeit, Pflichten, das Gewissen). — lieber die Anwendung der Gebete schreibt der Bcrf. in der Vorrede zweckmäßig vor, die jedesmalige Seelenstimmung zu berücksichtigen, eine kleine Vorbereitung vorangehen zu lassen, Herzlichkeit des Vortrags, bisweilen mit den Ge- . beten zu wechseln., aber nicht immer ein.neues zu nehmen, das Kind nicht allein beten zu lassen, weil es noch.nicht hinlänglich andächtig sein kann, und bald fertig sein will. Sowie hierdurch das BeLürfniß der Kindheit ausgefüllt ist, so wird auch für das späterer Lebenszeit durch die »Bibel für Israeliten« gesorgt. Eine neue Bibelübersetzung, für Israeliten bestimmt, nach den Bedürfnissen dieser eingerichtet, an die Eregescn der jüdischen Commentatoren sich anschließend, die Resultate neuerer Forschungen aber wohl erwägend und ausnehmend, war ein alter Wunsch, und machte sich der Mangel hieran immer fühlbarer. Kamen schon ehemals viele Israeliten nicht zu der umfassenden Kenntniß der hebräischen Sprache, um unsere heiligen Schriften leicht zu verstehen und lesen zu können, war namentlich dem weiblichen Geschlechts dadurch die Bibel, diese Grundlage unserer und aller Religion, ein verschlossenes Buch, wie viel mehr jetzt, wo das Studium der hebräischen Sprache von Vielen gar nicht mehr in den Lehrplan für ihre Kinder ausgenommen wird, und die Mehrzahl derer, die selbst das Hebräische erlernen, nur zu schwacher Kenntniß dieser schwierigen Sprache kommt, oder in späterer Lebenszeit, bei abziehender Thätigkeit, dieselbe wieder vergißt! Daher die große Unkenntniß der Religion, und besonders der heiligen Schrift, bei unfern Jünglingen und Jungfrauen, besonders da, wo kein begabter Lehrer einen eindringlichen Religionsunterricht abzuhalten vermag, daher alle die Consequenzen, die aus solcher Unkenntniß fließen. Mit einer Bibelübersetzung, die das Wort Gottes zu jeder Zeit dem Israeliten unter die Augen bringen kann, die für Schulen eine Erleichterung des Unterrichts bringt, für das Haus einen Gebrauch zu jeder Zeit, wo das Herz drängt, möglich macht, wird Vieles gehoben, und muß sie von großem, unabsehbarem Erfolge sein. In der neuern Zeit, so sehr Alles auf die Erwählung des rechten Zeitpunktes ankommt, hat es sich dennoch schon oft getroffen, daß man sich unvermuthet in seinen Bestrebungen begegnete. So auch bei der Bibelübersetzung für Israeliten. Nachdem dieselbe so lange ein ftommer Wunsch geblieben, kam mit einem Male die Ankündigung derselben von zweien Seiten, und wird auch doppelt ausgesührt. Bon der Berliner Bibelübersetzung unter Redaction des Dr. Iunz durch H. Arnheim, Dr. Fürst, Dr. M. Sachs liegen bereits zwei Lieferungen vor, die bis zum vierten Kapitel des 1. B. Samuelis reichen;" von der Hamburger durch Dr. Salomon ist die erste Abtheilung bereits in den Zeitungen angekündigt. Beide gehen von zu achtbaren Seiten aus, als daß darüber adgeurtheilt werden kann, bevor beide vollendet zur Vergleichung liegen , und wird dann eine ausführliche Kritik unter besonderer Rubrik gegeben werden. Nur den Wunsch drücken wir aus, daß die löbl. Weitsche Buchhandlung, wenn erst die gegenwärtige Auflage vergriffen, noch eine andere Ausgabe in kleinerem Formate, nicht so splendide, veranstalte, die durch einen-Preis von höchstens einem Gulden auch den Aermeren und den Schulen die Anschaffung möglich mache. Mit dem Beginne dieser Bibelübersetzungen können wir zugleich die Beendigung eines Werkes melden, das in mehr als einer Hinsicht als ein Commentar, besonders des Pentateuchs, betrachtet werden kann. Es ist dies das Werk des Salvador, Geschichte der Mosaischen Institutionen und des jüdischen Volkes, in der deutschen Uebcrsetzung von Dr. E sse n n a, bevorwortet von Dr. Riesser. . Mit dem dritten Bande ist sie vollendet. Liegt das Original schon über unsere Zeit hinaus, so ist die UebersetzuNg meist trefflich zu nennen, so daß sie fließend und rein die schönen und oft tiefen Gedanken des Originals wiedergiebt. Allerdings ist Salvadors Schrift echt ftanzösisch, von dem jetzigen Geiste der Lebensanschauung'der Franzosen durchdrungen, von einer liefern Erkenntniß und einem innigen Derständniß der Offenbarung ist nicht die Rede, mit einem Worte: es ist Moses vor den kritischen Stuhl der neuern Jurisprudenz und Staatswissenschaft gestellt! Da aber der große Heros Israels dennoch den Kampf besteht, auch da in seinen gigantischen Umrissen dasteht, die Bewunderung aller Zeiten nicht erbuhlend, sondern wie mit einem Iauberstabe.erweckend; da sich dabei die Erörterung vieler scharfsinnig erfaßten Specialitäten ergiebt: so hat Salvadors Werk dennoch gegründete Ansprüche auf'das Meisterrecht, und seine Uebertragung und die dadurch bewirkte größere Verbreitung in Deutschland hat bleibendes Verdienst. (Fortsetzung folgt.) Redaeteur: Dr. L. Philippson. — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.