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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-06-06 · Heft 16 (6.6.1837) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 16 (6.6.1837)
Date
1837-06-06
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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64 L L t c t * t u t. n’näK, Neunzehn Briefe über Judenthum. Als Boranfrage wegen Herausgabe von »Versuchen« desselben Verfassers »über Israel 'und seine Pflichten« hcrausgegeben von Ben-Ufiel. Altona. 1836. (16 Gr.) Wir theilen folgende Recension dieser Schrift aus der Jenaer Lit. Zeit. (N. 80. April 1837.) auszüglich mit: »Diese pseudonyme Schrift eines übrigens recht braven und gelehrten jungen-Rabbiner» :— dessen Name dem Recens. anderweitig bekannt geworden — gehört zu den häufigen Reaetionsversuchcn unserer Ieit gegen den vielbesprochenen Jndisserentismus aller Kirchen, hier auf die Synagoge bezogen. Wir nehmen gern an, daß der Inhalt dieses an sich geistreichen Werkes auch bona 66« dahin gestellt sei, um die Irrenden zu bekehren. Ob dieses gelingen könne, ist eine andere Frage. Die.allcrparadorestcn Ansichten können mit Geist vertheidigt werden' und allenfalls täuschen, aber der Nebel verschwindet bald wieder, und man erkennt dir Phanrasmagorie für das an, was sie ist.- Rccenscnt muß gestehen, daß Alles recht lebendig) warm, geistreich, stark täuschend erscheint, — dennoch kann Las keine Wahrheit enthalten. Selbst wer die Autorität der heiligen Schrift anerkennt, muß die mystischen Deutungen des Verfassers verwerfen, zumal da er selbst sagt, daß Keiner heutigen Tages erb res Judenthum kennt. Und wer verbürgt denn seine Wahrheit? Wenn in 1800 Jahren alle die von ihm selbst so' doch gepriesenen Quellen nicht einmal vermochten, den Begriff festzu stellen, bis sich in Oldenburg ein Rabbiner findet, der ihn gefundenAlles, was er im Talmud und im Midrasch sucht, ist dem Geiste nach wohl da; aber die Mittel, welche hier angewcnder werden, um diesen Geist zu erhalten und zu nähren, bleiben zweckwidrig, oft spitzfindiges, geistverdrehendcs Gewäsch, gut für Antiquare und Rabbinen, aber nicht für thätige, arbeitsame Menschen, welche schlecht und recht in der bürgerlichen Gesellschaft nützlich sein sollen. Der jüdische Bauer soll und wäre er noch so gelehrt — fich nicht einbildcn, er sei als Israelit zu etwas Höherem berufen, als andere Menschen.. -Mit all jenem Blendwerke gängelt man wohl das unerfahrne Volk, und macht es nur faul, stolz und unfähig. Selbst Gelehrte haben genug zu thun, um alle die Buchstabenerklärungen, wenn auch nur als Symbole, im Ernst autzufassen, und nun noch gar dergleichen gesuchte, oft obsccne, oft die Menschenrechte zertretende Casuistik wieder der jüdischen Jugend in die Hände geben! Die Rabbinen mögen im Geiste unsers Verfassers lehren, dieser ist edel und trefflichaber er irrt sehr, wenn er meint, - derselbe lasse sich heute durch die furchtbaren Verirrungen erstorbener Zeiten wieder beleben; heute bedarf er anderer Nahrung 1 Möge sich nur kein Volkslehrer von diesen Vorspiegelungen täuschen lassen'. — Außerdem kann Recens. nicht umhin, den Verf. erstlich wegen seiner höchst widrigen Schreibart und zweitens wegen-der unerhörten Verdrehungen der heiligen Schrift, die er sich offenbar mir vollem Bewußtsein erlaubt, hart anzuklagen. Er schreibt an ciirrelncn Stellen wahrhaft schön und'energisch, ist also der Sprache mächtig, und doch ist sein Styl im Durchschnitt höchst verschrob c n und absichtlich gesucht, oft sinnlos. Dabei schreibt er alle jüdisch - hebräischen Wörter in 'jüdisch - polnischer Aussprache, und selbst diese ungenau. Er behauptet S. 9., die Aussprache Taurüh, Mizwanss, Jaakauw u. s. w. sei grammatisch richtig (!); wie rechtfertigt sich denn Th'nach, welches lediglich Anfangsbuchstaben 712 n sind, welche Grammatik liefert die Punkte dazu, oder zu Schass Wozu noch dergleichen Worte derDeutscheü Sprache übergeben? Doch ist alles dies unbedeutend gegen die schändlichen Bibettertverdrehungen, die fich der Verfasser zu Schulden kommen laßt. Z. B. S. 32 übersetzt er iSccl. 1, 27== Ziel und 83.3. die Erben twickelung harrt immer neu verhüllrtcr Zukunft entgegen (st. die Erde steht oder bleibt immer), B. 4. hier geht sie auf des Glückes ('.) Sonne. B. 7: Alle Dölkerströme'. Psalm 90, 2.: Ehe Berge geboren wurden, ließest du -kreisen die Erde'. (Welcher Unsinn!) Jef. 40, 3: „In di« Wüste wieder!" 'bahnet dort den Weg deS Heern: Ebener, in .abendlicher Mischung •„!) eine Bahn für unfern Gott: - Daß, wenn einst (:) sich jedes Thal erhebt' rc. 'Diese wenigen Beffpiele von.der großen Menge sind vielleicht genügend um darzuthun, wie sich hier eine neue philologische Schule mit ihren Entdeckungen zu brüsten gedenkt. Ja, in die Wüste möchten diese Reactoren allerdings das jüdische Volk zu-, rückführen, und, unter dem Scheine einer tieferen Einsicht und auf Verstand gestützten- Frömmigkeit, der Heuchelei abermals Thür und Thor öffnen. --Weit gefährlicher ist dieses Spiel für die Halb- . wiffer im Volke, als der ehemalige' fanatische Eifer oder blinde Gehorsam. Denn dieser hatte den Charakter der Einheit und ließ endlich einer bessern Ergründung freien Raum, indem er nur Handlungen forderte, den Gedanken aber ftei ließ. Hier aber werden die ersten als unerläßlich begründet und für beständig symbolisirt, und da kann jeder Geistliche jeder Gemeinde dann, die Symbole nach seiner Art weiter deuten; den Leuten aber wird gesagt: Ihr dürft nur als Juden, und zwar mit der Tradition, und mit-allem Schnitte der Jahrhunderte darauf, die heilige Schrift lesen;' und da sie dies nicht können, so hat Man sie um so sicherer am Seile. Wann soll der Handwerker, der Handlanger arbeiten, wenn er so viel zu studiren hat? Rec. hält es für wichtig, diesen Gegenstand hier mit einiger Schärfe anzuregen, um mindestens Staatsmänner und Gesetzgeber darauf aufmerksam zu machen, daß sie nicht wähnen mögen, das. hier so scheinbar dargestellte. Judenthum sei, selbst in seinem , vollen Ideale auf-gefaßt, der wirkliche Inhalt der Religion, zu welcher sich, die Juden in allem Ernste bekennen müssen. Es mögen diejenigen Juden, welche nicht durch besondere Pflichten zu bestimmten Beschäftigungen verbunden sind, immerhin die biblische, talmudisch-traditionelle Regel befolgen, die der Oldenburger Rabbiner in ihrer, unendlichen Zahl für unerläßlich hält, er mag ihnen auch Vorreden, daß man dabei auch als Handwerker und Bauer in Deutschland nicht viel verliere, und selbst wenn dies wäre, , sie doch nur dem Gehorsam gegen Gott opfern, und möge sie noch mehr überreden, daß solche Enthaltung von vielfachen an sich erlaubten Genüssen kein Mönchthum sei, — Wahrheit ist nicht darin. , . Juden sind nichts, weiter, als das historische Monument einer Borwelt, erhalten durch eine bewundernswürdige Geschichte, und als Gemeinde eben so achtbar wie jede andere,- die ihre eigenen religiösen Formen hat. Aber diese Formen müssen, insoweit sie den Menschen ganz und gar an die Borzeit binden wür- .den, allmältg 'sich abschleifen, um die armen Israeliten endlich aus ihrem Elend zu bcfteien, damit sie selbst in ihrer Gemeinde nicht gehemmt werden in Arbeit, und nützlichem Leben, dem Boden, der sie trägt, und dem Staate, dessen Theil sie ausmachen, ernstlich zu dienen. Das geschieht aber nicht in-solcher Zwangsjacke, man symbolisire diese, wie man wolle, sondern durch Anhalten - des niedern Volkes zum Flcißc: wir haben nicht Ideale zu bilden, 1 sondern Menschen, die in der Welt Mitwirken und etwas Tüchtiges leisten; das Volk wahrhaft und energisch bessern, das ist; eine würdige Aufgabe für jüdische Rabbinen und Schulmänner.« Leon Halevy's Inbegriff der israel. Geschichte wird von Simon Bloch übersetzt, commentirt und bis zum Jahre 1836 fortgesetzt, in einem Bande zum Subscriptionspreis von 4 Fr. hcrausgegeben. Druckfehler. N. 11. S.4t. Spalte 1. Zeile 4. von unten lies 1 „nie" fhc ,4m", ferner unter der Zeitungsnachricht aus Dresden N. 1». S. 37. Sp. 2. mnßie die Bemerkung „PrivavnittheilMkg" stehen. Rcdactcur: Dr. £. Philipps»«. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von 993. Haack.

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