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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1837-06-01 · Heft 14 (1.6.1837) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
1 (1837)
Issue
Heft 14 (1.6.1837)
Date
1837-06-01
Page
Seite 56 (sequence 4)
Language
German
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56 Correspondenzen, Auszüge., Repliken. (Juden in Tunis.) Man nimmt an, daß sich 700,000 Juden in sämmtlichen Staaten der Barbarei befinden, in der Stadt Tunis selbst 50,000. — Als eine wahnsinnige Politik an 200,000*) Menschen dieses Glaubens aus Spanien und Portugal vertrieb, suchten sie, von der Religion der Duldung verjagteine Zuflucht bei den Barbaren. Sie fanden in Fez, Algier, Tunis und Tripolis eine große Anzahl ihrer Brüder-, ursprünglich aus Judäa und Aegypten hier eingcwandert, viele auch, wie man .sagt, von den Cananitern abstammend, die, vor Josua fliehend, sich in Mauritania und Tingitanra angesiedelt hatten. Man erzählt viel von der harten und grausamen Behandlung, welche die Juden von den Muselmännern zu erleiden hatten; es scheint dics jedoch sehr übertrieben zu sein. Daß sie mit Verachtung und Insolenz behandelt werden, ist gewiß, wiewohl auch dies täglich geringer wird. Sonst durften sie z. B. bei keiner Moschee Vorbeigehen und ihre Schuhe anbchalten, jetzt habe ich nicht gesehen, daß irgend einer daran denkt, sie auszuziehen. Zur Zeit Hammuda Pascha's siel in dieser Hinsicht eine lächerliche Begebenheit vor. Unter den Juden, die bisher immer dreieckige Hüte oder rothe Mützen getragen hatten, singen einige junge Neuerer.an, sich der .christlichen runden Hüte'zu bedienen, und mit der Badinc in der Hand, als damalige Fashionables auf dem Suck einher zu stolziren. Die Mauren nahm dies übel und beklagten sich beim Pascha, der den Juden verbot, solche Hüte ferner zu tragen, und. zugleich befahl, daß, wo einer sich damit blicken ließe, ihm der Deckel desselben mit dem Säbel abgehauen werden sollte. Nach einigen Erecutionen dieser Art kehrten die Juden sehr entrüstet und mißvergnügt zur Mütze und dem Dreieck zurück Die Stühe machte einiges Aufsehen, was den Schwager des holländischen Consuls zur Anfertigung einer burlesken Cantate bewog. Diese Art der Unterdrückung war übrigens auf eine nicht ganz zu verwerfende Politik gegründet; die Mauren'fanden ein sehr zahlreiches und schnell sich vermehrendes Volk von einem verschiedenen Glauben unter ihrer Bothmäßigkeit, ein thätiges, unternehmendes und reiches Volk — natürlich, daß sie, sein Uebergewicht fürchtend, cs zwar durch Geringschätzung und Nieder-' drückung unschädlich zu machen suchten, es aber dennoch tolerirten. Es ist ein Jrrthum, daß die Religion der Juden ein besonderer Gegenstand des Hasses der Muselmänner sei; wie die alten Römer verachten sie im Ganzen die der Christen mehr, weil sie hie letzteren nur als eine Sekte der Juden ansehcn. Aber die Christen sind mächtig und furchtbar, die Juden haben keine Beschützer, sie sind bei den Muselmännernwie früher bei uns, als von Allen verlassen, angesehen.— und dennoch, ungeachtet dieser scheinbaren Unterdrückung, sind sie es, die in Afrika wie in Europa den größten Einfluß ausüben. Sie sind in der Barbarei die vorzüglichsten Handwerker, sie stehen an der Spitze der Douanen, sie haben den größten Thcil der Rcvenüen wie die Ausfuhr mehrerer Handelsartikel gepachtet, unter ihrer Controle steht die Münze, sie reguliren den Werth des Geldes, sie haben des Bey's Juwelen und Kostbarkeiten unter Verschluß, sind seine Schatzmeister, Geheimschreiber und Dolmetscher; das Wenige, was man hier von Künsten, Wissenschaften und Arzneikunde weiß, ist größtentheils auf die Juden beschränkt; sie sind im Genuß noch mehrerer anderer Monopole und Viele besitzen ungeheuren Reichthum. Mit sol- ' chen Mitteln kann ihre Unterdrückung nur scheinbar sein, und so verhält es sich auch in der That. Wenn z. B. ein Türke einen Juden mishandelt, so kann dieser es nicht erwiedern, er beklagt sich aber beim Bey, und der Türke wird hart bestraft. An allen ersten Tagen des Neumonds pflegen sich die Jüdinnen sehr zahlreich auf ihrem Kirchhofe einzufiuden, jede mit einem Topfe aufgelösten Kalks versehen, um die Leichcnsteine ihrer Lieben frisch anruweißen, eine Operation, welche, wie sie glauben, die untenliegenden Seelen upgemein erfrische. Dieser Kirchhof der Ju¬ *) Es war wohl das Vierfache dieser angegebene« Zahl. d. N. den ist m mehrerer Hrnsicht merkwürdig, und erschien mir als höchst elegant und anmuthig. Die Juden mauern über jedes Grab erne wohlverputzte glatte Steindecke, auf der ein kleines/ etwas vertieftes, rundes oder viereckiges Marmormedaillon nur eine kurze Inschrift enthält. Das nächste Grab wird immer dicht an das letzte angereiht und genau in derselben.Höhe gehalten. Daraus entstehen nun auf dem sehr großen Raume, den der'Kirchhof einnimmt, da und dort förmliche Parkets, die so eben wie der schönste Tanzboden sind, und sich von einander nur durch eine üppige Vegetation getrennt finden. Diese besteht zwar aus bloßen Unkraut- ' boukets, da sie aber vom saftigsten Grün und voller Blüten sind, gleichen sie.ganz den verschiedenen Shrubbs eines englischen Gartens. Eine solche Disposition übertrifft so sehr unsere ungraziöstn Grabhügel und Kreuze, daß ich im Namen des guten Geschmacks -avohl wünschte, wir ahmten in dieser Hinsicht den taurischen Hebräern nach. Die zweite Merkwürdigkeit des Friedhofes ist das Grab eines spanischen Geistlichen, der, einst ein reicher. Canonicus zu Toledo, von der Inquisition verürtheilt, hieher entfloh, und aus Liebe zu einer Jüdin, die er heirathete, den Glauben seiner jungen Frau annahm. Die Juden, stolz auf eine so glänzende Bekehrung, überhäuften ihn mit Schätzen, die er in philosophischer Ruhe bis an ftinen Tod genoß. Zu hoch hat er sich indessen nicht angeschlagen, denn seine von ihm selbst aefertiate Grabschrist lautet treu übersetzt: Hier liegt das Nichts vom RkchK, Joseph Medina. ..Die Jüdinnen, wie man sie hier häufig auf der Straße trifft, gehen nicht verschleiert, wie die Maurinnen, haben aber alle mit einem Stück schwarzen Zeug den Mund verbunden; warum? ist mir unbekannt. (Semilasso, 3r Band.) (Theologisches Repertorium.) Bei Gelegenheit der Beurtheilung des jungen Deutschlands und seiner Tendenzen im Rcpcrt. für Theologie von Rheinwald, spricht dasselbe sich so aus: »Daß die Juden zur Annahme moderner Ideen geeignet sürd, bedarf keines Beweises; eine andere Frage aber ist, ob sie nicht eben dadurch vom Judenthume abtrünnig werden. Bekanntlich hat ihre Theologie in neuerer Zeit eine rationalistische Wendung genommen; so wie nun von diesem Standpunkte aus auf das Christenthum reflectirt wird,.so mögen allerdings die Resultate mit denen des jungen Deutschlands, in wie fern dasselbe antichristliche Tendenz hat, in nahe Berührung kommen.« —. Es bezieht sich dies auf die' bekannte Beschuldigung, daß man das junge Deutschland und seine Resultate Lem Judenthume stark in die Schuhe schieben wollte, wogegen sich Weil und Auerbach mit aller Kraft aufgelehnt. — Indem die Juden moderne Ideen sich anpassen, sollen sie dem Judenthume abtrünnig werden! Die Religion Israels hat nie aufgchört, sich fortzubilden; so waren die Propheten die Fortbildung der mosaischen Schriften, der Talmud, die spanischen Rabbiner, die französischen und polnischen Rabbiner sind Fortbildungen, und so ist denn die'»rationalistische Wendung« der neueren jüdischen Theologie eine Fortbildung, aber keine Abtrünnigkeit. Mit demselben Rechte würde man den Protestantismus eine Abtrünnigkeit und nicht eine Fortbildung des Christenthums nennen können. — Zuletzt macht sich der angezogene Recensent noch eines argen logischen Bockes schuldig. Die Bestrebungen des jungen Deutschlands sind antichristlich, die der neueren Juden stehen mit'diesen in naher Berührung, sind also auch an-; tichristlich — und doch sollen sie vom Judenthume abtrünnig sein! — Der gedachte Borwurf wird dem neuern Judenthume jetzt sehr oft gemacht, er ist daher zu wichtig, als daß mir nicht nächstens weitläufiger darauf zurückkommen müßten. (Religionsverfolgungen.) Selbst da, wo die Völker sanftere Sitten angenommen haben und die Religionskriege verabscheuen, erröthen sie nicht, mit christlichem Erbarmen Andersgläubige zu Haffen, und sie von den Rechten der menschlichen Gesellschaft auszuschließen, so weit ihr Arm reicht. (Zschokke.)- Druck von W. Haaök.

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