Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 1 (1837)
- Issue
- Heft 4 (9.5.1837)
- Article
- Kurze geschichtliche Darstellung der religiösen und bürgerlichen Verhältnisse der israelitischen Gemeinde zu Dresden
- Date
- 1837-05-09
- Page
- Seite 16 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3224738-3224743-3298239--00103-3298258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lichen (!) Gründen erkläre; sie habm den Weisesten und Gerechtesten an das Kreuz geschlagen, dieser Justizmord hat sie.nun schrecklich heimgesucht, in alle Welt zerstreut — werden sie nicht aufhören, bis die christliche Religion auch über die nichtchristliche Menschheit auf Erden verbreitet sein werde. Darum beantragte er, »alle Gesetzentwürfe, die sich auf Verbesserung der bürgerlichen oder religiösen Verhältnisse der Juden bezögen, auf zehn Jahre zu vertagen!« (Fortsetzung folgt.) 8it et* t n r. Im Courier fran^ais vom 17. März findet sich eine Recension von Börne's letzter Broschüre (Menzel, der Franzosenfteffer). -Wir heben folgende Stelle hervor: »Alle Schriftsteller, welche sich der Gefahr ausgesetzt, Börne zu bekämpfen, haben ihm seinen israelirischen Ursprung vorgeworfen; dieser Vorwurf war ein Nothankcr, den sie im Falle eines Schiffbruchs immer auswarfen, bevor sie ihn angrrffen. Dieses war um so ungeschickter, da es ihnen im Voraus die Hoffnung ihn zu beleidigen nahm, »Jedermann, der Schulden gemacht hat, sagt Börne, oder einen Wechsel unterschrieb, erkannte, sobald . er mir ins Gesicht sah, sogleich, daß ich zu der ausgezeichneten Mcnschenklasse gehöre^ deren Adel älter ist, als der aller gefürstcren Häuser der Christenheit.« Andere aber, indem sie eine heuchlerische Huldigung dem eminenten Talente und der Gewissenhaftigkeit Börne's leisteten, wollten in seiner Herkunft die Erklärung seiner bittern Angriffe gegen das deutsche Lehnswesen (Feodalite) sehen. Sie haben ihn als einen durch ungerechte Unterdrückung aufgereizten Mann dargestellt, als eine kräftige, aber duldende Natur,-für. welche das Talent und der Geist nur Werkzeuge der Rache sind. Diesen antwortete er: »Niemals har mein Herz einen Funken Haß gegen die christliche Welt gehegt. Lange Zeit, es ist wahr, habe-ich schmerzlich an mir selbst die Verfolgung der Juden gefühlt, und habe sie stets bitter verdammt, aber ich habe in ihr nur eine der Formen der Aristokratie, einen Ausdruck des menschlichen Stolzes, durch die Gesetze -bekräftigt, anstatt unterdrückt, anerkannt. Nach meiner Gewohnheit bin ich zur Quelle des Ucbcls hivaufgesticgen, ohne mich mir den Strömen zu beschäftigen, welche derselben entfließen. Nein, ich habe niemals daran gedacht, eine edle Rache aus der erlittenen Verachtung zu ziehen.« Die FrLnzosen verstehen es am besten, den versteckten Partheiqängcrn die Maske abzuziehen, und in das verzerrte Antlitz zu schauen, und die eben angeführten Worte treffen den Panegyrikus des Herrn Rudolph ».Großcreutz aus Potsdam auch, der sich in der Zeit. f. d. eleg. Welt (Rr. 45.) vernehmen läßt »Börne mußte so weit kommen, als er kam; es hing mit Nichten von ihm ab, einen andern Weg zu gehen. Schon seine Geburt hatte 'faß., mit der umringenden Welt in Opposition gesetzt, und dieMDpposition hat er durchgrführt als ein Mann — vielleicht mit'M viel Trotz, zu viel Hartnäckigkeit.« Herr v. Großcreutz - mag also erst einen M ä n n begreifen lernen, che er ihn des Rachedurstes zeihet. Höchst interessant ist die Mittheilung von St. in demselben Blatte Rr. 42. über Börne's letzte Stunden. Die Gesellschaft für Uebersetzunz orientalischer Schriftsteller ließ vor Kurzem eine Geschichte des Tempels zu Jerusalem drucken. liic libellus honori patris mei destinatus professione pietätis aut laudatus erit aut accusatus. Tacit. Die israelitische Gemeinde zu Dresden erlitt durch das in der Rächt von dem 15. auf den 16. Januar 1837 erfolgte Ableben Hirsch Beer's, Acltesten und Caffcnvorstchers nur gedachter Gemeinde sowie Vorstehers ihres Armcnschulwesens, einen Verlust, der besonders in der jetzigen Zeit, wo die Worte jenes Lalmudisten (Tr. Succa 45, 2.): »ich sehe mich nach dem Würdigsten'um, cs sind deren aber Wenige!« immer mchr'Anwendung zu finden scheinen, nicht so leicht zu ersetzen sein möchte. - Wenn dem ernsten Beobachter der Zeit das Ergebniß sich därstcllt., daß die unter andern Verhältnissen entstandenen und während der Dauer von Jahrhunderten mit dem Schleier der Heiligkeit umwebtcn Sitten, Gewohnheiten und Einrichtungen eines Volkes oder einer Gemeinschaft den Ansichten und Bedürfnissen der Gegenwart nicht mehr ganz entsprechen, vielmehr eine Umbildung derselben, eine Zurückfuyrung auf den innersten Kern ihres' Ursprungs Roth thut, um das Ganze vor eindringendcm Verfall zu hüten, bann werden die Umsichtigeren, denen es um das bleibende Wohl der Ihrigen zu thün ist, die Frage auswcrfen: ob denn das klare und deutliche Bewußtsein.jener Mangelhaftigkeit der bestehenden Gebräuche sind Normen auch schon so weit ins Volksleben übergegangcn sei, um deren Beseitigung oder Motifizirung ohne Gefahr für Religion und Sitte vornehmen zu können? ob das öffentliche Urtheil schon jene Reife und Sicherheit erreicht habe, das Neue, welches an die Stelle des Bisherigen gesetzt werden soll, mit innerer, selbstgefaßter Ucberzeugung und nicht etwa blos aus äußerlichen Beweggründen herbei zu wünschen? ferner, ob nicht, wenn Letzteres der Fall wäre, die Losreißung von dem dem Gemüthe nun einmal angewurzelten Bestehenden einen Riß verursachen, eine Leere zurücklassen möchte, wodurch das Höhere, der Hinblick auf das Uebersinnliche, aus dem Kreise der in materiellem Streben ohnehin viel zu sehr befangenen Menge nur noch mehr verdrängt werden würde? — Auch für Israel war seit 40 bis 50 Jahren eine solche Uebergangsperiode eingetreten; das Alte schien zwar Manchen erstorben, doch ließen.sich bei der lebenden Generation noch nicht allenthalben jene unzweifelhaften Kennzeichen wahrnehmen, daß das Bestehende sich wirklich überlebt habe — Umsichtige Auftechterhaltung dessen, was sich auch unter den alten Institutionen als nützlich und sittcfördernd bewährte, entsprechende Auslegung desselben, damit auch die Kinder der Zeit ihm Geschmack abgcwinnen mögen, war daher die Aufgabe, welche Diejenigen, denen in israelitischen Religions- oder-Gemeinde-Angelegenheiten irgend Einfluß zu Theil ward, unter den eben dargelcgten Umständen sich zu stellen hatten, wollten sie anders, gewissenhaft verfahren. Je inniger eine solche Handlungsweise mit ihrer individuellen Ansicht von der Sache übercinstimmte, jemehr Eifer und Theilnahme sie überhaupt für die gemeinsame Angelegenheit beseelte, desto befriedigender wird auch jene Aufgabe von ihnen gelöst, desto wohlthätiger der Erfolg gewesen sein', und bei aller Verkennung von Seiten einseitiger Egoisten oder oberflächlicher Enthusiasten, ist es die Stimme der Bessern aller Zeiten, die ihr Streben zu würdigen weiß. . , Folgen wir dem hier angedeuteten Gesichtspunkte," so wird auch das Leben und Wirken des Mannes, wovon unfern geehrten Lesern eine kurze Skizze zu zeichnen wirim Begriffe stehen, die rechte Würdigung erhalten. Denn folgerichtige Anwendung jener Prinzipien, das Streben, aus dem Alten das Gute, wahrhaft Religiöse und Sittliche mit Umsicht zu entfalten, sei es nun im! öffentlichen ober häuslichen Kreise, dies zahlte der Verewigte zu! den wirksamsten Hebeln, die Menschheit ihrem Ziele näher zu , führen. ...! (Fortsetzung folgt.) Rcdactcur: Dr. L. Philipps»». — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von W. Haack.