Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 57 (12.5.1838)
- Date
- 1838-05-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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H. Allgemeine N°. sv. Zeitung des Iudenthuws. Eia uupartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. (Mit Königl. Sächsischer allergnädigster Concession.) Leipzig, den 12. Mai 1838.- Belletristik. Die Gegensätze. Eine israelitischreligiöse Novelle, (Fortsetzung.) IV. Es waren einige Monde verflossen. Jonathan lebte den Vorbereitungen des zukünftigen Hervortretens. Er wollte erst noch einmal den Kreis der rabbiniscken Forschungen möglichst durchmachen, sich mit den Aussprüchen des Maimonides, mit den Ansichten Albo's, Bechai's, und den Tendenzen Abarbanel's vertraut machen, um alle Waffen des Judenthums zu seiner Disposition, um Gewalt über das ganze jüdisch-theologische Arsenal zu haben. Viele Stunden schenkte er seinem Vater, im talmudischen Pilpnl gegenseitig Scharfsinn und Gelehrsamkeit, freilich oft an sehr unbedeutenden Gegenständen, zu üben. Aber die Wirkung der. orthodoxen Richtung des Judenthums blieb auch bei ihm kaum aus. Er vergaß fast die ganze Welt ringsum. Er isolirte sich immer mehr, und empfand schon in dieser Jsolirung eine Heiligung und Erhebung. Politische und Zeitblätter blieben ungelesen, Plato und Seneka verstaubten, mathematische Instrumente, ja fast die geliebte Violine wurden selten aus ihrer Ruhe gestört. Es ward wieder ganz in das alte jüdische Leben hineingelebt. Doch waltete ein Glücksstern über ihm. Denn einer Seits schützten ihn seine frühem philologischen Studien davor, über den Buchstaben den Geist und seine Bewegung, über das Specielle das Allgemeine und seine Betrachtung zu vergessen, theils hielt ihn das das häufige Zusammentreffen mit Julie, sobald es das Wetter gestattete, ab, seine Freiheit zu verlieren an den abgestorbenen Geist vergangener Jahrhunderte. Diese Gespräche mit Julie waren von großer Wirkung für Beide. Sie gingen Beide, beflügelt von der Liebe, von der Sehnsucht sich zu begegnen, zu verstehen und zu verständigen, tief in den Gegenstand ein, ohne natürlich aus den Grenzen blos geistiger Anschauung zu treten. Jonathan sollte hier zuerst sein System prüfen, und Julie brachte mannigfache widerstrebende Elemente mit, da ihre Erziehung fast ganz allein auf socialem Fuße geschehen und Religion und Gemüth nur allein in ihrer schönen Natur von selbst sich erhalten, dabei die Menschheit in ihrer Allgemeinheit ohne die Schranken der Wirklichkeit ihr erschienen war. Jonathan suchte daher vor Allem sie auf diese Wirklichkeit zurückzuführen, sie ihr zum Bewußtsein zu bringen, und aus die Gestaltung derselben innerhalb der Geschichte hinzuweisen. Er zeigte ihr, wie die allgemeinen Resultate der Menschheit nur Früchte dieser geschichtlichen Gestaltung seien, wie diese Früchte seit ältester Zeit immer mehr reiften, und eben so an innerem Gehalte und an Sicherheit, als an Ausdehnung und Verbreitung gewönnen, und wie um dieselben herum die verschiedenen Erscheinungen der Menschenwelt sich gruppirten. Indem sie nun Beide darin übereinkamen, daß der wahrhafte Lebenssaft dieser Früchte die Religion sei, die religiöse Erkenntniß und Empfindung, das' Verhaltniß des Menschen zu seinem Gotte, ohne welche die Süßigkeit der Fäulniß nur in ihnen sein könne: ergab es sich, daß die Lauterkeit dieser Erkenntniß, so wie ihr Wechselverhaltniß mit der Menschenwclt und 'der Entwickelung dieser die eigentliche Aufgabe war«. Man erkannte, daß eshier sowol einen alten Stoff wahrhafter Religion gäbe, der theils aus der eigenen Natur des Menschen, theils aus göttlicher Influenz hervorgegangen, als daß auch seit derselben Zeit die gesellschaftliche Welt jene bei Seite zu drängen und dadurch eigne Producte, die ihr bequemer wären, zu ersetzen strebe. Es sei im Heidcnthum und Christenthum— dieses mit seinen ursprünglichen großen Elementen — nicht zu verkennen. Hier angelangt, erwies nun Jonathan, daß das Juoenthum von frühester Zeit berufen sei, den alten Stoff wahrhafter Religion aufzubewahren und jeweiliger Zeitigung stets ent--