Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228797--64078-3298031
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hiergegen erhob der evangelische Ortsgerstliche Beschwerde, da dreje Tracht die Tracht der evangelischen Geistlichkeit sei. Am 9. d. M, bat nun der jüdische Kultusbeamte einen Strafbefehl über fünf Mark „wegen Tragung der Amtstracht der evangelischen Geistlichen" erhalten. Es hat selbstverständlich gerichtliche Entscheidung beantragt. Gesterretch-Nngarn. Wien, 23. Dezember. Das Thema der Soldatenmißhandlungen ist bei uns ein ständiges. Ter neue Landesverteidigungsminister Georgi beantwortete vor kurzem wirkungsvoll mehrere Interpellationen. Eine derselben, die vom jüdisch-nationalen Abgeordneten Dr. Gabel eingebracht ist, betraf die Erschießung des jüdischen Rekruten Herschkowitsch durch den Korporal Balint in einer Wiener Kaserne im November. Bisher hieß es, der Korporal hätte geglaubt, blind zu zielen; die Antwort stellte aber folgendes fest: Korporal Balint ließ Herschkowitsch im langsamen Marschtempo im Zugszimmer marschieren, was Herschkowitsch auch tat. Sodann ließ Balint durch zwei Infanteristen zwei Bänke übereinanderstellen, damit Herschkowitsch über dieselben springe. Da er dies nicht ausführen konnte, ließ ihn Balint durch die Bänke kriechen und rief schließlich, er wolle Herschkowitsch erschießen, man solle ihm ein Gewehr bringen. Während ein Infanterist ein Gewehr holte, entnahm Balint aus seinem Koffer eine scharfe Patrone, seiner Angabe nach „einen Versager". Balint lud das Gewehr, brachte es in Anschlag, der Schuß ging los und Herschkowitsch stürzte lautlos zusammen. Die im Zugszimmer anwesenden Personen behaupten, den Eindruck gewonnen zu haben, daß Balint lediglich Scherz machen wollte. Herschkowitsch soll bereits früher von Balint körperlich mißhandelt worden sein. Der genannte Unteroffizier befindet sich in Untersuchungshaft. Unter dem lebhaften Beifall des Hauses gab der Minister dem Gefühle der Entrüstung, das die ganze Armee im vollsten Maße teile, über den geradezu empörenden Vorfall Ausdruck. — Die zi onistisch en Studenten waren beim Kultusminister wegen Anerkennung der „jüdischen Nationalität" in Oesterreich. Sie verwahrten sich dagegen, daß über diese Frage vom Vorstand der Wiener Kultusgemeinde ein Gutachten eingeholt werde. Der Munster soll in seiner Erwiderung die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Frage rückhaltlos anerkannt haben; er erklärte jedoch, daß wegen der Arbeitshäufung im. Ministerium und der Kompliziertheit der Frage eine Erledigung vor dem nächsten Sommersemester nicht zu gewärtigen sei. Diese Erklärung ist Herrn Dr. Marchet um so leichter geworden, als er sehr genau weiß, daß seine Tage als Minister längst gezählt sind. Von Aah und jfrrn. ---- Die Berliner Medizinische Gesellschaft hat in ihrer letzten Sitzung den Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Paul Ehrlich, den berühmten Leiter des Instituts für experimentelle Pathologie in Frankfurt a. M., zu ihrem Ehrenmitglied gewählt. — Kommerzienrat Max Leon hat das Ojfizierkreuz des Königlich Italienischen St. Mauritius- und Lazarusordens erhalten. — Am 15. d. M. ist hier Herr Leopold Friedeberger, der seit seiner Uebersiedlung von Potsdam länger als ein Jahrzehnt im Ehrendienst der jüdischen Gemeinde, als Mitglied der Armen-, der Durchreisenden- und der Friedhofskommission, wie im „Liberalen Verein" sehr verdienstvoll sich betätigt hat, nach längerem Leiden verschieden. — In Bischossburg ist am 16. d. M. der Begründer des dortigen Kriegervereins und Vorsteher der Shnagogengemeinde, Rentier Moritz David, zur letzten Ruhe geleitet worden. Kreisrabbiuer Dr. Beermann-Jnsterburg feierte in einer ergreifenden Trauerrede die Verdienste des Verstorbenen. — Die jüdische Bevölkerung im Städtchen Sandberg bei Gostyn nimmt stets ab. Die dort noch lebenden jüdischen Bürger schlossen sich an die Korporation in Gostyn an. Da nun die Synagoge in Sandberg überflüssig geworden ist. ist diese am 18. d. M. im Wege des Meistgebots verkauft worden. — In Gera hat die jüdische, 280 Seelen zählende Gemeinde keinen eigenen Friedhof; sie beerdigt ihre Toten auf dem christlichen Friedhof. — In Frankfurt a. M. ist im Alter von 47 Jahren der Bankier Lincoln Men nh Oppenheimer, Chef der gleichnamigen Bankfirma, plötzlich verschieden» Der Verstorbene, der sich allgemeiner Beliebtheit erfreute, gehörte dem Vorstand der Fondsbörse und dem Ovrstand des Kindergartens für Israeliten an. — Dem Lehrer A. Schmal in Stuttgart ist anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand vom König „in Anerkennung seiner langjährigen Wirksamkeit" die Verdienstmedaille des Kronenordens verliehen worden. Schmal ist seit vielen Jahren Vorstand des „Vereins israelitischer Lehrer- Württembergs". — Der Oberlehrer an der Realschule in Mülhausen Isidor Dreyfus, hat den Professortitel erhalten. — Der König!. Bayerische Verdienstorden IV. Klasse vom heiligen Michael wurde dem Königlich dänischen Generalkonsul Julius Neuburger 'in München verliehen. — Bei der in der Technischen Hochschule in München gestellten Preisaufgabe aus dem Gebiete der Ethnologie wurde dem stud. real. Julius Eise nftü vier aus München der erste Preis zuerkannt. — Der vor einigen Wochen in Karlsruhe verstorbene badische Baurat und Ministerialreferent Pros. Ludwig Levy war bis zu seinem Tode Königl. bayerischer Hauptmann der Landwehr im zweiten bayerischen Artillerieregiment. — Der Maler Max- Horb ist im Alter von 26 Jahren in Prag an Typhus gestorben. Horb hatte die Prager Kunstakademie absolviert und war studienhalber nach München gegangen, wo er bis zum Jahre 1905 weilte. Er war ein starkes Talent, stand aber noch zu stark unter dem Einflüsse der Neoimpressionisten. — Der Lehrstuhl für Geschichte der neueren Philosophie an der Pariser Universität ist dem Professor an der Leole libre ckes Zeieaees p<Migue Dr. Levy-Brühl übertragen worden. — Die in Genf verstorbene Baronin Adolph von Rothschild, die in Paris sehr einfach begraben wurde, hat dem israelitischen Wohltätigkeitskomitee daselbst zwei Millionen Franken, der Ackerbauschule (kewge äu klessispjqusl) eine Million, dem Rothschild-Hospital 500 000 und der israelitischen Arbeitsschule 100 000 Franken testamentarisch vermacht. — In Paris ist der angesehene Advokat F. Reitlinger. Mitglied des Zentralkonsistoriums, gestorben. Er war srüher Sekretär von Jules Favre und hat 1870 die politisch wichtige Ballonfahrt von Paris aus ruitgemacht. — Der Dichter vieler bekannter jüdisch-deutscher Lieder M. M. Marsch aftski ist in Warschau gestorben. Von Berns Rechtsanwalt, war er ein echter Dichter, von glühender Liebe für sein Volk. — In Odessa wirtschaftet der Verband der Echtrussen ganz nach dem Muster der terroristisehen Berufso rga nisa tionen. Erwischt sich oft in Familienstreitigkeiten, in häusliche Zwistigkeiten und droht mit Gewalttätigkeiten, indem er seine Agenten beauftragt, in seinem Namen Forderungen zu stellen. Das Polizeidepartement hat bei dem Generalgouverneur angefragt, warum die Echtrussen, die unlängst einen Einbruch und Mord vollzogen haben, bis jetzt nicht bestraft worden sind. — In Grodno wurden für jüdische Lehrer pädagogische Kurse eröffnet. Es ist dies eine Gründung der jüdischen Bildungsgesellschaft in Petersburg. — Während der Prozeßverhandlung in Orscha hat es sich herausgestellt, daß Polizisten einfach die Bauern zum „Pogrom" dringlichst gerufen haben. Nach dem Kischinew-Pogrom 1903 ließ das Gericht solche Dinge nicht öffentlich Vorbringen. Jetzt spricht und schreibt man über all dies ganz offen. — In Charkow wurden zwei wegen Selbstwehr angeklagte Juden, Sabinski und Herlowski, zu ein und vier Jahren Zuchthaus verurteilt. — In Kiew hat man infolge der Universitätsdemonstrationen die meisten jüdischen Studenten ausgewiesen. Vor dem dortigen Bezirksgericht hat am 17. d. M. der Prozeß wegen des im Oktober 1905 veranstalteten Pogroms begonnen. Angeklagt sind 86 Personen, von denen 16 nickt erschienen sind. Von den geladenen 637 Zeugen sind 197 ausgeblieben. Der Prozeß dürfte drei Wochen in Anspruch nehmen. — Ter Minister hat für Wladiwostok die kategorische Verfügung getroffen, daß alle Juden mit viertägiger Frist auszuweisen sind. Juden, welche Immobilien besitzen, wird ein achtzehntägiges Moratorium gewährt. — Morris Rosen selb arbeitet im Aufträge des jüdischen Schauspielers und Thealerdirektors Boris Tomascheuski in New Jork an einem Libretto für eine jüdische Oper. Die Musik hierzu wird von de/m jüdischen Komponisten Platon Brunoff geschrieben. Als Erundla ge für den Text der neuen Oper dient Osstp Dumows sogenannt; ces Pogromdrama „Schema Israel".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.