Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Einnahmen des Vereins betrugen 5501,86 Mark, die Ausgaben 5371,27 Mark. Das Gesamtvermögen beträgt 63 530,59 Mark. Die vorgenommenen Wahlen ergaben die bisherige Zusammensetzung des Ausschusses. Gesterretch-Nngarn. □ Wien, 2. Dezember. Die Ausnahme der zwei christlichsozialen Minister Dr. Geßmann und Ebenhoch war nicht eben eine sehr freundliche. Nun suchte der Ministerpräsident die ausgesprochenen Befürchtungen durch folgende Aenßerung zu zerstreuen: „. . . . Im übrigen darf ich wohl auch daran erinnern, daß die allgemeine Richtung der Regierungspolitik wesentlich durch den Chef des Kabinetts bestimmt wird, und es braucht wohl keine ausdrückliche Versicherung, daß ich unerschütterlich an den Grundsätzen festhalte. zu denen ich mich wiederholt bekannt habe, und deren oberster die Hochhallung des gleichen Rechtes aller Staatsbürger ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens" ist. Das klingt ja recht hübsch — wie es aber in der Praxis damit bestellt ist, weiß hierzulande jedermann. — Das Auftreten Luegers gegen die Universitäten hat doch einen Sturm der Entrüstung in deutschen Kreisen hervorgerufen. Dabei kam auch die Geringschätzung zutage, die die Spitzen des geistigen Oesterreichs gegenüber der Person des Wiener Bürgermeisters hegen. Die Reden waren voll von anzüglichen Bemerkungen und offenen Erklärungen, in denen die „Anmaßungen und Verdrehungen" Luegers, das niedrige Bildungsniveau seiner rethorischen Leistungen, die Plattheit seiner Demagogie und seine geistige Abhängigkeit von jesuitischer Führung hervorgehoben wurden. Das steht in eigenem Widerspruch zu der Bewunderung, die der Wiener Bürgermeister bei den Kleinbürgern der Stadt genießt. Die geistigen Führer des Landes stimmen mit ihrem Urteil vollständig mit den sozialdemokratischen Schichten überein, die am 60. Geburtstage Luegers eine Massenkundgebung gegen den Mann veranstalteten, der einige Wochen vorher den Wiener Arbeitern den Schimpfnamen „Lumpen" beigelegt hatte. Die Gesellschaftsklasse, die sich aus kleinen Handwerksmeistern, aus den Beamten unteren Grades und aus ähnlichen Kategorien zusammensetzt, sieht dagegen in ihm den Herold ihrer Gesinnung, ihrer Wünsche, und freut sich der guten und schlechten Witze, die Lueger ganz im Geiste des alten Hanswursts in jeder seiner Reden zum besten gibt. Dieser Gegensatz ist kulturhistorisch wichtig, und es wird immer klarer, daß in Wien augenblicklich jene in geistiger und wirtschaftlicher Beziehung rückständige Schicht herrscht, die sich unter ihrem Oberhaupte Lueger der Führung der geistig höherstehenden Elemente zu entziehen wußte. — Der Abgeordnete Dr. Mahler ist beim Unterrichtsministerium und gleichzeitig beim Czernowitzer Profefforenkollegium der philosophischen Fakultät um die Uebertragung seiner Venia legendi von Prag nach Czernowitz eingekommen. Wie erinnerlich, ist infolge der turbulenten Szenen, welche von der deutschnationalen Prager Studentenschaft deswegen hervorgerufen wurden, weil Dr. Mahler jüdischnationale Politik betrieb, zwischen dem Abgeordneten Dr. Mahler und den Prager Universitätsbehörden ein Zerwürfnis entstanden, dessen Folge nunmehr das eingangs erwähnte Einschreiten des Dr. Mahler ist. Frankreich. e. Paris, 2. Dezember. Gestern vormittag um V211 Uhr fand hier die Einweihung des neuen Tempels der Reformgemeinde (Union Liberale Israelite) in der Rue Gopernic 24 in feierlicher Weise statt. Dieses Ereignis in der Geschichte des französischen Judentums wird von Ihnen sicher an anderer Stelle besprochen werden. Ich begnüge mich hier mit einem kurzen Referat über die mit dem Chanukah-Gottesdienst verbundene Einweihungsfeier, die eine sehr würdige und eindrucksvolle war. Schon lauge vor Beginn hatte eine große und auserlesene Gesellschaft die festlich geschmückten Räume gefüllt. Die Feier begann mit dem Chor: Baruch Habo. Dann folgte die Vorlesung des Tempelgebets von Salomo, das Anzünden des Ner tomid, ein Lied, mehrere Gebete, das Schema, die Vorlesung aus der Thora (Gen. 40, I—14), das Gebet für Staat und Stadt. Hierauf die Festrede des Herrn Rabbiners Dr. L. G. Levy, ein oratorisches Meisterwerk, ein Bekenntnis, vom Geiste des Judentums und von echt modernen Ideen gleich erfüllt, das allgemeines Aufsehen erregte und den Mittelpunkt der Feier bildete, die mit einem Chörgesang ihren würdigen Abschluß fand. Ganz Paris spricht heute von dieser Feier, und die großen Journale „Temps" und „Figaro" bringen lange und sehr anerkennende Referate. Unmittelbar vor der Feier, zu der auch Claude Montefiore aus London herübergekommen war, traf ein Glückwunschtelegramm der „Berliner- Reform gemeinde" ein, das sofort beantwortet wurde. Hier beide Schriftstücke: „Nos felicitations les plus empressees a l’occasion de Hnauguration du temple, que TUnion jette des racines et s’etende et que Dieu bänisse votre oeuvre et la fasse reussir. Jüd ische Reformgemeinde. Vorstand und Predigerkollegium." — „Sind tief gerührt ob Ihrer so freundlichen Glückwünsche und senden Ihnen tiefgefühlten brüderlichen Dank. Union Liberale Israelite. Vrm Ksh und Jmi. Anläßlich der Einweihung des Augusta-Viktoria-Hauses wurde Herrn Geheimrat Goldberger der Rote Adlerorden II. Klasse, Kommerzienrat Frenkel der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen und folgenden Aerzten, die sich nur die Säuglingsfürsorge wissenschaftlich und praktisch verdient gemacht haben, den Privatdozenten für Kinderheilkunde Dr. Hugo Reumann, Dr. B ernhard Bendix sowie dem leitenden Arzt des Deutschen Vereins für Kinderasyle, Sanitütsrat Dr. Cassel, der Professortitel verliehen. — Dem Justizrat Dr. Max Guttsmann wurde vom Großherzog von Baden das Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen. — Am 2. d. M. ist in Dessau die Oberin des „Jüdischen Genesungsheims" in Lehnitz. Frau Herzfeld- Heynemann, das sie sechs Jahre hindurch mit Eifer und Umsicht leitete, am Herzschlag gestorben. — Rabbiner Dr. Kälter in Potsdam ist zum Rabbiner in Danzig gewählt worden. — Dem Geheimen Kommerzienrat Michael Herz in Posen wurde der Kronenorden III. Klasse verliehen. — Wir zitierten kürzlich eine Auslassung des reformantisemitischen „Reichsherold" in Kassel über die Liebermannschen Deutschsozialen; jetzt folgt die Antwort, in der es heißt: „Leider gibt es unter den Reformern immer noch Leute, die von diesen Leuten als von einer verwandten Richtung faseln. Wir danken schon aus Reinlichkeitsgründen für eine solche Verwandtschaft. Der Jude muß noch geboren werden, der es im Schwindeln mit der Truppe des Herrn von Liebermann aufnehmen kann." — Im Unterelsaß fanden die Wahlen zum Bezirkskonsistorium statt. Es wurden nach heftiger Agitation gewählt: Ar. Durlach-Straßburg. Meyer Speyer-Oberehnheim und Kommerzienrat Karl Kaufmann - Straßburg als weltliche Mitglieder. — Die jüngst verstorbene Baronin Adolf Rothschild hat ihre herrliche Besitzung Pregny bei Genf, die mit all den Kunstschätzen verschiedene Millionen wert ist, dem Neffen ihres Mannes, dem 23 jährigen Mauriee Rothschild in Paris vermacht Das Testament ist dieser Tage in Paris eröffnet worden. — Dr. Samuel Daiches, Rabbiner in Sunderland, ist am vorigen Mittwoch zum Dozenten für Bibelexegese, Talmud und Schulchan Aruch am Jews College in London ernannt worden. — Die bekannte jüdische Schriftstellerin Marion Hartog geborene Moß ist im 87. Lebensjahre in London gestorben. — In Warschau ist der Friedhof der dortigen Karäer-Gemeinde in Verlust geraten. Man kann ihn nirgends finden. Die letzte Beisetzung fand vor 15 Jahren statt. Vor mehreren Tagen ist nun dort ein Karaite gestorben, und als man ihn beerdigen wollte, stellte es sich heraus, daß der Friedhof verschwunden ist. — Die dritte Duma weist bekanntlich nur zwei jüdische Abgeordnete auf. und zwar den Libauer Deputierten Nisselowitsch und den Abgeordneten des Kownoer Gouvernements N. Fried manu. Nisselowitsch hat sich in der Duma dem „Deutschen Klub" der baltischen Abgeordneten angeschlossen, Friedmann den Kadetten. — Der finnländische Landtag behandelt gegenwärtig die Frage über das Wohnrecht der Juden in Finnland. Nach der Resolution des Landtages steht nur denjenigen Juden das Wohnrecht zu, welche dazu die ausdrückliche Genehmigung des Senats erhalten, während jede Niederlassung von Juden auf bloßen Paß ohne Senatserlaubnis verboten sein soll. — Wie man von gutunterrichteter Seite hört, bemerkte der Papst bei der Nachricht von der Wahl Ernesto Nathans zum Bürgermeister in Rom: