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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Frühling auf ihrem Schloß Pregny und war die Tochter des Barons Salomon, Witwe Adolph v. Rothschilds, der 1903 starb. Die nun Verstorbene gehörte der neapolitanischen Linie der Rothschilds an und war hier wegen ihrer Wohltätigkeit sehr beliebt. Ihr Schloß und ihr Park war auch Fremden zugänglich. Erwähnt sei noch, daß die Kaiserin von Oesterreich am Tage ihrer Ermordung mit der Baronin v. Rothschild speiste. Diese bot der Kaiserin ihre Jacht zur Rückkehr nach Montreux an. Die Kaiserin bestand jedoch darauf, aus dem gewöhnlichen Schiffe zu fahren, weil sie gern unter dem Volke weilte. Mit der Königin Alexandra von England verband sie große Freundschaft. Die Baronin hinterläßt keine Kinder. Wie es heißt, soll sie ein Vermögen von 800 Millionen hinterlassen haben, davon in Genf allein etwa 100 Millionen. Die Stadt erhält davon 20 Millionen Erbschaftssteuer. Man glaubt, die Stadt sei auch sonst, da keine Leibeserben vorhanden sind, im Testament bedacht. Die Verstorbene lebte hier seit 50 Jahren. Frau Rothschild war die Schwester des Barons Albert Rothschild in Wien. Die Bestattung erfolgte in Paris. Die Verstorbene war eine gute Jüdin und hat der Genfer Gemeinde durch namhafte Spenden oft gedacht. Ihr Gatte hat dort ein Hospital für Augenkranke begründet. Gesterretch-Angarn. A Wien, 25. November. Es geht jetzt wieder einmal scharf gegen uns Juden her in Wien. Auf dem Kath olikentag sind die Herren Pater Auracher und der schwarze Prinz Liechtenstein in einer geradezu demagogischen Weise in Gegenwart der Herren Kardinäle und Erzbischöfe gegen die Juden losgezogen; in Tetschen ist aber gar der frühere Ministerpräsident und Statthalter von Böhmen, Gras Thun, als Champion der Antisemiten aufgetreten und hat eine Rede über die „Verjudung der Wiener Universität" gehalten! Dem. gegenüber muß die Verteidigung des Unterrichtsministers Dr. Marchet im Reichsrat eine äußerst schwache und ungenügende genannt werden. Es scheint wirklich in unserm Staatsleben die klerikale Reaktion wieder einmal im vollsten Anzug zu sein. — In Ungarn will man nach deutschem Muster auch einen Judentag veranstalten. Die Idee findet überall großen Anklang; nur bei den Orthodoxen nicht, die schon jetzt, bevor das Projekt überhaupt spruchreif, dagegen in die Lärmtrompete stoßen. Trotzdem wird derselbe vielleicht zustande kommen. — In Prag ist am 12. d. M. der Rabbiner Dr. Philipp Bondh, ein frommer und gelehrter Theolog. im 77. Lebensjahre gestorben. Er war, soviel wir wissen, der erste jüdische Prediger in tschechischer Sprache, die er meisterhaft beherrschte. Er hielt es im Interesse des Friedens unter den Nationalitäten für notwendig, daß die Juden in den tschechischen Bezirken tschechisch sprächen. Leider hat auch diese Friedensidee keine Früchte getragen. — In Kolomea wurde ein neuer ..Hilfsverein für galizifche Juden" ins Leben gerufen. Die Statuten des Vereins sind von der Statthalterei bereits genehmigt worden. Die Gründer des Vereins gingen von dein Standpunkte aus, daß den Juden Galiziens nur in Galizien selbst geholfen werden könne und daß ein Hilfsverein, der den galizischen Juden Nutzen bringen soll, in Galizien selbst seinen Sitz haben und von galizischen Inden, denen die Verhältnisse des Landes genau bekannt sind, geleitet werden müsse. Auch sind sie der Ansicht, daß die ersten Fonds in Galizien selbst aufgebracht werden müssen, und es sei kein Zweifel, daß wenn der Verein ernste Arbeit leisten werde, für konkrete Vorschläge auch die reichen Juden des Auslandes sich zugänglich zeigen werden. — Dr. Heinr. Wiesel vom Rabbiner- Seminar zu Berlin ist zum Rabbiner der Gemeinde Meran gewählt nwrden. Von Mh und jfrrn. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung hat Herrn Geh. Justizrat Professor Dr. Albert Mosse zum Stadtrat gewählt. Außerdem wurden die Stadträte Jacoby, Kali sch und Dr. Straßniaiui, deren Wahlzeit abgelaufen war, wiedergewählt. — Herr Karl Cohn, der Seniorchef der gleichnamigen Berliner Kurz- und Passementeriewarenfirma, ist zum Kommerzienrat ernannt worden.— An der philosophischen Fakultät der Berliner Universität hat Fräulein Gertrud Klausner, die Tochter des Schriftstellers M. A. Klausner, mit einer Dissertation über Lope de Bega cum laude die Doktorprüfung bestanden. Fräulein Klausner ist Leiterin der „Freien Vereinigung studierender Frauen". — Dem Bankier Simon Lipmann ist der Kronenorden III.Klasse verliehen worden — Erfreulicherweise können wir heute eine Berichtigung berichtigen: Der Stadtelektriker Dr. Kall mann ist Jude. Die Notiz beruhte auf einer Verwechslung. — Archivrat Dr. Warschauerin Posen wurde zum Geheimen Archivrat ernannt. — Der Hoflieferant Emil Z ad ek in Breslau ist zum Kommissionsrat ernannt worden — Zwei angesehene christliche Kausleute, der Rittergutsbesitzer F. Giesler in Bröhl und der Seidenfabrikant I. Michels in Krefeld, haben in ihren Testamenten auch Stiftungen für jüdische Arme gemacht. — Wie uns mitgeteilt wird, gilt die Entlassung des Rabbiners Dr. E. Me her nur für Zweibrücken, nicht aber für den übrigen Bezirk mit der Hauptgemeinde Pirmasens. Uebrigens hat Dr. Mayer gegen die Entscheidung der Regierung Beschwerde beim Staatsministerium erhoben. — Die Academie des Inscriptions et heiles Lettres in Paris hat Herrn Professor Josef Halevh einen Preis von 6000 Franken zuerkannt. — In Amsterdam ist Herr I. F. Wertheim, einer der angesehensten Bürger der Stadt, in deren Rat er mehr als 40 Jahre saß, gestorben. — Die vier Redakteure des jüdischen Tageblattes „Hoffnung" in Warschau wurden verhaftet, alle Manuskripte beschlagnahmt. Das Blatt konnte infolgedessen nicht erscheinen. Ebenso wurde in den Redaktionsräumen des Organs der polnischen Zionisten „Zion" eine Haussuchung vorgenommen, in deren Verfolg der Herausgeber, ehemaliger Redakteur des „Zycie Zhdowskie", Rechtsanwalt Grünbaum und Herr Keonski verhaftet wurden. Einige Tage darauf wurde im Bureau des Zentralkomitees der zionistischen Organisation für Rußland in Wilna gleichfalls eine strenge Haussuchung vorgenommen und der Leiter der Bureaus, Herr L. Joffe, in derselben Nacht verhaftet. Bis zur Stunde sind die Verhafteten nicht sreigelassen. — Der Verband des russischen Volkes in Odessa faßte den Beschluß, den Zaren zu ersuchen, daß er alle in dem soeben abgelaufenen Prozeß verurteilten Teilnehmer am Pogrom von Nikolajew (Oktober 1905) begnadige; er begründete das Gesuch damit, daß die Verurteilten nicht einen antijüdischen Pogrom veranstaltet, sondern die jüdische Revolution unterdrückt hätten. Das Odessaer Landgericht erhielt die Mitteilung, daß das Begnadigungsgesuch von fünf Teilnehmern des Pogroms von Kertsch, die zu einem Jahre Gefängnis verurteilt wurden, vom Kaiser genehmigt worden ist. — Die (jüdischen) Schulvorstände in Podul-Jloai. Moinesti, Tirgul-Ocna und Bacau in Ru mänien haben von ihren betreffenden staatlichen Schulrevisoren den Auftrag erhalten, fortan für den Unterricht rumänischer Geschichte, rumänischer Sprache und Landesgeographie nur christlich-orthodoxe Lehrer anzustellen und die jüdischen Lehrkräfte sofort zu entlassen, wenn sie sich keinem ministeriellen Verweis aussetzen wollen. — Das gegen den Drohoier Obersten Marasescu in Jassy wegen Mißhandlung jüdischer Soldaten eingeleitete kriegsgerichtliche Verfahren hat, wie nicht anders zu erwarten war, mit Freisprechung geendet. Derselbe mußte zwar zugeben, daß er die jüdischen Soldaten körperlich gezüchtigt, also sich gegen das Militärstrafgesetzbuch vergangen habe. Dennoch beantragte der Vertreter der Anklage mit Erfolg die Freisprechung, indem er die Richter mahnte, kein Verdikt zu fällen, daß jenen Leuten, „die dem Lande gar keinen Nutzen brächten", gar noch Satisfaktion verschaffe. — Sehr ergötzlich ist folgende Notiz, die in der vorigen Woche durch viele jüdische Blätter ging: „Unser Glaubensgenosse Sir Matitijahn, früher ein hoher Staatsbeamter in Indien, wurde von der englischen Regierung zum Statthalter der englischen Kolonie Natal ernannt. Er ist durch diese seine Stellung auch Generalleutnant und Oberkommandant der dortigen Armee, sowie die höchste Instanz in allen administrativen Angelegenheiten. „Die Mitteilung bezieht sich natürlich auf Sir Matthew Nathan und ist wahrscheinlich aus einem hebräischen Blatt übersetzt worden! — In den Neuwahlen zum Parlament von Neu - Süd Wales (Australien) wurden u. a. auch drei Juden, die Herren I. I. Cohen, Daniel Levy und A. E. Collins gewählt.

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