Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-15 · Heft 46 (15.11.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228791--63975-3297916
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Tode sein Wohlwollen zeigte. Nachdem die Feier durch Psalm 90 eingeleitet, hielt der Vorsitzende des Vorstandes, Bezirks- und Konferenzrabbiner Dr. Lewin-Freiburg, eine Gedächtnisrede, in der er besonders die große Güte und das stete Wohlwollen Großherzog Friedrichs hervorhob, das er allen seinen Untertanen gegenüber zeigte. Er betonte ferner, wie sich der nunmehr Verblichene immer als besonderer Fürsprecher der Armen und Verlassenen erwiesen habe und wie ihm dadurch die Herzen seines ganzen Volkes gehörten. Ein Bittgebet schloß die erhebende Feier. — Stratzburg, 8. November. Seit langem bestanden zwischen der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde Thann und deren Rabbiner Differenzen, die angeblich verursacht waren durch die Neigung des Rabbiners, sich mehr als zulässig in die Verwaltung der Gemeinde einzumischen. Nach einem geltenden französischen Gesetz steht ihm freilich diese Einflußnahme zu. Es kam dieserhalb Lu einem Skandal in der Synagoge; der Rabbiner wurde darauf vom Gemeindevorsteher beim Konsistorium und von einem Verwaltungsmitglied beim Minister für Kultusangelegenheiten wegen Störung des Gottesdienstes und wegen groben Unfugs verklagt. Das Konsistorium hat unter Berufung aus eine französische Ordonnanz kurzerhand die Verwaltung aufgelöst und den Rabbiner mit der Verkündigung dieses Beschlusses beauftragt. Gesterreich-Mngam. □ Wien, 11. November. Noch bevor das Lemberger Rabbiner- Seminar eröffnet wird, agitiert man gegen dasselbe. So hat der Abgeordnete Tr. Gabel im Reichsrat die folgende Anfrage an den Minister gerichtet: „Ist der Herr Minister bereit, dahin zu wirken, daß das jüdisch-theologische Seminar nur seine ursprüngliche Bestimmung und keine politischen Aufgaben erfülle und daß alle politischen Anschauungen sowohl im Lehrkörper als auch in der Hörerschaft in gleicher Weise behandelt und nicht zum Gegenstände grundsätzlicher Ausschließung und Bekämpfung gemacht werden?" Es stand nämlich in galizischen Blättern die törichte Notiz, daß das Seminar hauptsächlich zur Bekämpfung des Zionismus gegründet würde. — Der Statthalter von Galizien, Gras Potocki hat auf Grund der Intervention der zionistischen Abgeordneten beim Ministerpräsidenten Baron Beck an alle politischen Behörden einen Erlaß gerichtet, in dem diesen aufgetragen wird, den in der letzten Zeit sich häufenden Drangsalierungen der galizischen Juden ihr Augenmerk zuzuwenden und deren Abstellung zu veranlassen. Das hätte schon früher kommen sollen! — Eine für unsere Verhältnisse sehr charakteristische Geschichte wurde in der letzten Sitzung des Kultusvorstandes berührt. Ein hiesiger Millionär, Freiherr von Kubinsky, den alle für einen Juden hielten, wurde auf dem christlichen Friedhofe begraben. Die hierüber gepflogenen Erhebungen haben folgendes ergeben: Der Austritt des Genannten aus der israelitischen Religionsgemeinschaft wurde mit Eingabe vom 26. August 1907 am selben Tage beim magistratischen Bezirksamte angemeldet, und ist die Unterschrift des Genannten notariell beglaubigt. Der Tod erfolgte gleichfalls am 26. August, und zwar um 8 Uhr abends. Angesichts dieser Sachlage und der von der Familie des Verstorbenen beobachteten ungewöhnlichen Vorsichtsmaßregel der notariellen Unterschriftsbeglaubigung fehlt natürlich der Kultusgemeinde die Handhabe zu einer weiteren Intervention. Merkwürdig bleibt immerhin die unmittelbar vor seinem Tode, am Todestage, vorgenommene Taufe eines 64jährigen Mannes, der sich zeitlebens gegen seine Taufe gesträubt hatte. — Der Fabrikbesitzer Dr. Stefan Freund in Budapest hat der dortigen „Chewra Kadischa" zugunsten des zu errichtenden „Kranken-Asyls" 100 000 Kronen gespendet. Schweden. Stockholm, 4. November. Gestern starb in Nääs, im Gebiet von Gothenburg, der Begründer der zu internationaler Bedeutung gelangten berühmten schwedischen Handfertigkeitslehrmethode, Slöjd, Otto Salomon. Er begann seine Tätigkeit in den 70er Jahren mit Eröffnung einer Handarbeitsschule für Knaben in Nääs, bis sein Oheim, der Kaufmann Abrahamson, das Handarbeitsseminar gründete, in dem sich alljährlich Schüler aus europäischen und außereuropäischen Ländern einsinden. Gewöhnlich sind dort ungefähr 40 Nationen vertreten. Die „schwedische pädagogische Handfertigkeit", deren Vorkämpfer Salomon war, will nicht Handwerker ausbilden, sondern nur die Neigung für Handarbeit entwickeln und diese als Gegengewicht gegen einseitige geistige Arbeit zu einem Erziehungsfaktor machen. Die Methode in Nääs besteht darin, Rohmaterial mit Werkzeugen auf gewisse Art zu behandeln und praktisch verwendbare Gegenstände, aber keine Luxusarbeiten hervorzubringen. Sie findet jetzt in verschiedenen Erdteilen Anwendung und hat ihrem Begründer europäische Berühmtheit verschafft. Als der Deutsch- Israelitische Gemeindebund vor Jahren daran ging, dem Handfertigkeitsunterricht Eingang in die jüdischen Schulen Deutschlands zu verschaffen, stand ihm Salomon mit Rat und Tat treu zur Seite. Ehre seinem Andenken! Von Sah und Lern. — Herr Lou is D reyfus, Seniorchef der hiesigen Firma Louis Drehfus & Co., hat den russischen St. Annenorden erhalten. — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen U. O. B. B. leingetragener Verein) hat durch seine Vermittlung im Monat Oktober 202 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 74 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Seinen 80. Geburtstag beging am 10. d. M. der frühere Kaufmann Salomon Silberstein, früher in Fehrbellin und Kremmen, jetzt in Berlin, eine besonders in den Kreisen Osthavelland und Ruppin der Mark Brandenburg wegen seiner Biederkeit in Stadt und Land allgemein beliebte Persönlichkeit. Der alte Herr, der als Soldat 1848 die Besetzung von Luxemburg mitgemacht hat und darauf mit seiner Truppe zur Niederwerfung des badischen Aufstandes konsigniert war, war an seinem Jubeltage Gegenstand von herzlichen Ovationen. — Der Kommerzienrat Leopold Alexander in Memel hat den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Die vor kurzem in Hohensalza verstorbene Rentiere Karoline Kröner hat der dortigen Synagogengemeinde ein Legat von 15000 Mark vermacht als Grundstock für die Erbauung eines jüdischen Krankenhauses. Die Zinsen eines weiteren beträchtlichen Kapitals sollen allwinterlich zum Ankauf von Kohlen für Arme jeder Konfession verwandt werden. — In Crone a. Br. ist am 6. d. M. im 59. Lebensjahre Herr Abrah am Jo sep h gestorben, der seit drei Jahrzehnten dem Vorstandskollegiumder Gemeinde angehört hat. — In Opp eln ist Dr. Felix Gold mann von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zum Rabbiner gewählt worden. — In München verstarb im Alter von 41 Jahren die Gattin des Oberlandesgerichtsrats Eduard Silbermann, der ein Vorstandsmitglied der dortigen Kultusgemeinde ist. — Gaston R aynal ist zum Kabinettschef des französischen Ackerbauministers ernannt worden. Eine interessante Notiz für die „Deutsche Tageszeitung".— Die Manch e st er-Universität hat beschlossen, das Andenken des jüngst verstorbenen Professors der Pathologie und Medizin, Dr. Julius Dreschfeld, durch die Stiftung eines Stipendiums für Studierende der Medizin zu ehren. Ein Ausschuß wurde gewählt, um den gefaßten Beschluß zur Durchführung zu bringen, und es sind bereits namhafte Beträge für den gedachten Zweck angemeldet. Außerdem wird auch in der Universität eine Büste Dr. Dreschfelds aufgestellt werden. Derselbe war ein Würzburger Jude. — Einer der ältesten und angesehensten Rabbiner Polens, Hillel Lipschitz, Oberrabbiner in Lublin, ist gestorben. Der Verstorbene fungierte früher als Rabbiner in Popielany, Plungiany, Suwalki und war seit 16 Jahren Rabbiner in Lublin. — Der Hilfsverein der deutschen Juden hat gemeinsam mit dem Frankfurter „Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden" für die durch Brand heimgesuchte Stadt Shwanez 5000 und für Maisad, das abermals von einer Brandkatastrophe betroffen worden ist, weitere 1000 Mark überwiesen. — Die Gesetzesvorlage über die russischen Juden, die der Duma vorgelegt werden soll, ist den Blättern zufolge bereits fertiggestellt. Das Projekt gewährt den Juden keine Erleichterungen außer einigen Zugeständnissen in bezug auf die Freizügigkeit im Niederlassungsgebiet und auf das Wohnrecht außerhalb des Niederlassungsgebietes, sowie betreffend den Zutritt zu den Hoch- und Mittelschulen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.