Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 41. ^[K^ClltCiUC Berlin, 11. Oktober JW7. eitung desAudmtums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D»« Ludwig Philipxsow Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Der pbkall. Berlin, 9. Oktober 1907. ir haben ein gewisses Mißtrauen gegen die Statistik. Sie ist noch zu jung als Wissenschaft, um unbedingte Glaubwürdigkeit beanspruchen zu können. Wenn wir auch nicht so weit gehen, wie jener Parlamentarier, der sie eine „feile Dirne" nannte, so möchten wir ihre Resultate nie ohne Nachprüfung aufnehmen. Und dennoch möchten wir ihrer auch nicht entraten. Ihre Zahlen sprechen doch eindringlicher als alle Predigten und Bücher. Eben jetzt gehen durch die Presse solche Zahlen. Sie handeln vom Abfall vom Judentum und sind von dem regsamen Verein für jüdische Statistik gesammelt worden. Nach den amtlichen Angaben, zusammengestellt im Jewish Year Book (Jüdisches Jahrbuch) des Jahres 1905 betrug die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung auf der ganzen Welt in diesem Jahre 11 081 000 Seelen. Von diesen lebten in Europa 8 748 000, in Amerika 1 556 000, in Afrika 354 000, in Asien 342 000, in Australien 17 000; Rußland zählt 5 100 000, Oesterreich-Ungarn 2100 000, das Deutsche Reich 600 000, der Balkan 400 000, Großbritannien 250 000, Niederlande 105 000, Frankreich 80 000, Italien 40 000 Juden. Unter den Städten mit größerer jüdischer Bevölkerung ragt an erster Stelle New Hork hervor mit 700 000, dann folgen Warschau mit 300 000, Wien mit 130 000, Berlin mit 95 000, London mit 80 000, Jerusalem mit 30 000 Juden. Es ist nun überaus schwierig, den Prozentsatz der vom Judentum Abgefallenen zu der jüdischen Volkszahl festzustellen. Die alten Statistiken sind unvollständig, oft übertrieben, und vor allem kennt man nicht die Zahl der Kinder, welche von jüdischen Eltern selbst der Taufe zugeführt wurden, da die Register der verschiedenen Konfessionen die jüdischen Kinder nicht eigens, sondern mit den übrigen getauften Kindern zusaminen verzeichnen. Für das neunzehnte Jahrhundert hat zwar der Missionar I. de Le Roy zahlreiche Dokumente hierüber gesammelt, und er gibt in seiner Schrift: „Judentaufen im neunzehnten Jahrhundert" (S. 49 ff. Leipzig, 1899) die Zahl der getauften Juden mit etwa 250 000 an. Von diesen wären etwa 75 000 orthodox-russisch, 73000 protestantisch, 58000 katholisch geworden und der Rest, etwa 20 000, den verschiedenen anderen Konfessionen zugefallen. In Rußland habe es 85 000, in Oesterreich-Ungarn 45 000, in Großbritannien 23 000, im Deutschen Reiche 22 000, in Nordamerika 11000 Judentaufen gegeben. Diese Zahlen erscheinen uns aber furchtbar übertrieben. Im übrigen kommt es zur Beurteilung der Bedeutung des Abfalls vom Judentum weniger auf die absolute Höhe der Gesamtzahl der Abfälle an, als auf die Tatsache, daß die Abfälle ständig an Zahl zunehmen. In Preußen zum Beispiel gab es von 1815—1845 kaum 4000 Judentaufen. Seit dem Zivilstandsgefetz vom Jahre 1875 aber begann die raschere Zunahme. Von 1880—1895 zählte man bereits mehr als 10 000 Judentaufen, davon mehr als 3000 allein in Berlin. In Oesterreich - Ungarn nahmen sie noch gewaltiger zu. In demselben Zeitraunr zählte man in Wien allein mehr als 10 000 Judentaufen, in Ungarn sogar 30 000. Rußland aber erzielte den Rekord. In den letzten vierzig Jahren sind allein in St. Petersburg und Moskau mehr als 30 000 Juden abgefallen, im Jahre 1893 allein überschritt die Zähl der Taufen daselbst 1400! (Vgl. Samter, Judentaufen in: neunzehnten Jahrhundert, S. 72, Berlin 1806.) Für Deutschland, für welches fast vollständige Statistiken vorliegen, liefern die folgenden Daten den Beweis für die konstante Zunahme der Judentaufen: In den Jahren 1880 bis 1885 wurden 986, 1885 — 1890 1669, 1890—1895 2088, 1895—1900 2402, 1900-1905 2517 Juden getauft. Dazu kommt noch, wie gesagt, daß viele Juden zwar selbst nicht ihren Glauben verlassen wollen, aber leider kein Bedenken tragen, ihre Kinder taufen zu lassen. Deshalb nennt Samter (A. a. O. S. 80) mit vollem Recht diese Taufen israelitischer Kinder „eines der traurigsten Kapitel der jüdischen Geschichte"; der Moloch, dem heutzutage Israel „seine Kinder opfere, sei das Avancement, die Karriere". Ein Zeichen dafür, wie diese Zahl anwächst, ist zum Beispiel das geringere Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich oder Deutschland im Verhältnis zum Anwachsen der Gesamtbevölkerung. Letzteres betrug für das Deutsche Reich von 1880 bis 1900 ungefähr 26 Prozent. Das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung ist aber viel geringer, obschon die verhältnismäßig geringere Zahl der jüdischen Geburten ausgewogen wird durch die verhältnismäßig geringere Zahl der Todesfälle bei den Juden gegenüber den Christen, und zwar sowohl der Erwachsenen wie der Kinder. Die meisten Verluste bringen dem Judentum wohl die gemischten Ehen der Juden mit Christen. Aus den gemischten Ehen fallen etwa drei viertel aller Kinder dem Christentum zu, und der Rest zählt kaum für das Judentum. In Oesterreich sind zwei vom Hundert aller Judeneheu Mischehen, 'in Ungarn sechs, in-Pest 18 vom Hundert. In Dänemark waren von 1873 bis 1891 von 308 jüdischen Ehen 121 gemischte Ehen, in Kopenhagen von 1892 bis 1903 von 100 Ehen 43 gemischt. In Schweden ist das Verhältnis noch größer. Und die Zahl der gemischten Judenehen wächst seit den letzten 25 Jahren