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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-09-13 · Heft 37 (13.9.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 37 (13.9.1907)
Date
1907-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 37. Berlin, 13, September 1907. traben.;ci war )imgen mf die irchfall n eue n der nd auf erneur daran, en, die Halten unächst enossen; zweG aflt. - Henry i Kaid gestellt a e 1 i t e ntteilt, t vvn : über» rungs- :s zuni :nannt en aus u über lungen irdische Stt MB. zgen lice) und mogangs Verngl) ertung des Audenlums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur; Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig Philippsoll. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Drr Vrrlähnungstsg. Berlin, 12. September, ine Fülle großer und erhebender Gedanken durchflutet jedes Herz, wenn der Versöhnungstag naht. Drängt sich doch in diesem einen Tag das ganze Bekenntnis des modernen Judentums zusammen! Fühlen wir uns doch an diesem einen Tage als eine Einheit trotz aller divergierenden Anschauungen! Und so groß ist die Bedeutung dieses Tages, daß wir von ihm aus nicht nur unser Verhältnis zu Gott und zu unseren Nebenmenschen, sondern auch unsere ganze Weltanschauung im Lichte des Judentums beurteilen und alle Anklagen desselben zurückweisen können. Eine der gefährlichsten, die Anklage, die von der modernen Theologie fortwährend und trotz aller Gegenbeweise gegen das Judentum erhoben wird, ist die von dessen sittlicher Minderwertigkeit gegenüber der Tochterreligion. Aus dem Zusammenhang gerissene Bibel- und Talmudstellen müssen immer wieder dazu dienen, die törichte Fabel von dein Gott der Rache und von der Religion des Gesetzes, von der nationalen Exklusivität und dergleichen mehr zu erhärten. Der Versöhnungstag allein und an sich ist das glänzendste Zeugnis gegen all diese grundfalschen Behauptungen. Der Gott, zu dem wir am Jom Kipurim bitten, ist ein Gott der Liebe, der Milde und Güte; die Religion, zu der wir uns an diesem Tage bekennen, ist die wahre Religion der Liebe, aber auch der Gerechtigkeit, und die Weltanschauung, die aus den Gebeten und Thorastücken des Versöhnungstags zu uns spricht, ist keine nationale, engbeschränkte, sondern die, die den Sieg der Humanität und des Fortschritts der Menschheit mit Prophetenzungen verkündet. Wenn es dafür noch eines Beweises bedürfte, so könnte diesen die Wahl des Buches Jona zur öffentlichen Vorlesung gerade am Versöhnungstage ablegen. Die allerbarmende Liebe tritt mit siegreicher Kraft besonders aus diesem Prophetenbuche hervor. Es war nämlich dem frommen Verfasser jenes Buches darum zu tun, an einem recht auffälligen Beispiele zu zeigen, wohin blinder Religionseifer auch sonst ausgezeichnete Männer verleiten könne. Er gibt den Propheten preis, um Gott und seine Lehre zu retten. Die ganze Natur, das Meer, das Tier, die Pflanze selbst, alles wird aufgeboien, den Eiferer zu bekehren — vergeblich! In der Ahnung, daß der streng warnende Gott kein vernichtender, sondern ein allerbarmend rettender sei, will Jona sich dem Aufträge, der größten Stadt der alten Welt wegen ihrer Missetaten den Untergang zu verkünden, durch die Flucht auf einem Schiffe entziehen. Mögen die Heiden — im Mittelalter sagte man die Ketzer — untergehen, was kümmert das ihn? Die stürmende See übernimmt die göttliche Predigt an ihn selbst — er will nicht hören — während die andern beten, „ein jeder zu seinem Gotte", steigt er hinunter in den Schiffsraum und — schläft. Er betäubt sich selbst. Die Heiden sind besser als er; sie wecken ihn auf; sie mahnen ihn zum Gebete — er wagt es nicht; er ist ja im Streite mit Gott! Da entdeckt er ihnen sein Geheimnis; sie beben vor solchem Frevel zurück; sie suchen, die guten Menschen — und doch sind's Heiden! — ihn womöglich zu retten, und als die immer stürmischer werdende See diesen Versuch unmöglich macht und sie dem Meere sein Opfer übergeben, da zittern sie noch, daß der Himmel ihnen ihre Tat als schuldlos vergossenes Blut anrechnen möchte. Und nun entbietet Gott, der so gütig ist in seiner Gerechtigkeit, ein Seeungeheuer; es schien, um Jona zu vernichten, in Wahrheit aber um ihn zu retten! Jetzt, in der schauerlichen Tiefe, „da er zu den Wurzeln der Berge hinabgeschleudert war, da die Erde ihre Riegel wie zum ewigen Kerker um ihn geschlossen, da die Wasser ihm ans Leben gehen" — jetzt gedenkt er der ewigen Güte; jetzt ruft er, für sich jene himmlische Barmherzigkeit an, welche er für andere Sünder nicht wollte gelten lassen. Es ist kein Bekenntnis in seinem sonst so wunderbar schönen Gebete; der Untergang der Heiden, „der Verlust der Herrlichkeit für die Bewahrer der Truggebilde" ist der Hochpunkt seines Gesanges — allein der Allerbarmer erhört ihn dennoch, und das Ungeheuer der Tiefe, ein gehorsamerer Bote seines Gottes, entsendet den in Nacht Lebendigbegrabenen wieder an das freundliche Tageslicht. Und nun entzieht sich Jona dem erneuerten Austrage nicht mehr und verkündet Ninive den Untergang. Allein was geschieht? Wieder erweisen die Heiden sich besser als der Prediger sie gedacht. Kaum den dritten Teil der gewaltigen Stadt hat die strafende Rede durchhallt, als tiefe Reue alle Gemüter ergreift, den König auf dem Throne nicht ausgenommen. Derselbe läßt ein Fasten ausschreiben und befiehlt, daß dieses — was sonst in der Schrift nirgends wieder vorkommt, hier aber als ein ungemein feiner Zug erscheint, um die fromme Einfalt zu bezeichnen — auch auf die Tiere sich erstrecke, damit das dringende Geschrei der Hungernden die himmlische Barmherzigkeit erweiche. Und also geschah es, und Ninive war gerettet. Welchen Eindruck brachte diese so freudige Wendung des Geschicks einer so zahlreich bevölkerten Stadt auf den heiligen Eiferer hervor? Es versetzt ihn in eine verzweifelte Stimmung; das Schauspiel der um ihrer Frevel willen untergehenden Sünder soll ihm ja nicht zuteil werden! Das stimmt ihn überaus bitter, so daß er sich so weit vergißt.

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