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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-23 · Heft 34 (23.8.1907) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 34 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Holland. ----- Haaq, 16. August. Gestern vormittag wurde hier der VIII. Zionistenkongreß eröffnet. Unter großer Spannung verlas darauf der Präsident David Wolffsohn die Eröffnungsrede, die eine Uebersicht über die jetzige Lage des jüdischen Volkes und des Zionismus gab. Die Institutionen der Bewegung seien im Ausbau begriffen und besonders die Arbeit in Palästina mache rüstige Fortschritte. Daraus begrüßte der Vizepräsident des Hohen Gerichtshofes, Herr A. A. de Pinto, im Namen der jüdischen Gemeinden im Haag in einer wirkungsvollen Ansprache den Kongreß, dessen Bedeutung für die gesamte Judenheit er hervorhob. Diese Rede war sehr interessant und von inniger Liebe zum Judentum erfüllt. Im Namen der jüdischen Kolonisten Palästinas begrüßte Dr. Tschlenow den Kongreß und hob hervor, daß sich das jüdische Menschenmaterial als Baumaterial für ein Gemeinwesen bereits jetzt vorzüglich bewährt habe. Von stürmischen Zurufen begrüßt, sprach dann Dr. Max Nor dau lParis). Er gab eine Uebersicht der Prinzipien des Zionismus, die trotz der klassischen Formulierung durch Theodor Herzl immer wieder mißverstanden werden. Der Zionismus sei keine Bewegung der Barmherzigkeit. Er wolle auch nicht in die Unkultur zurückkehren. sondern die Kulturgrenze Europas bis an. den Euphrat vorschieben. Nur von Angebern werde die Vaterlandsliebe der Zionisten in Zweifel gezogen. Wer nicht den Untergang des Judenvolkes wolle, müsse Zionist werden. (?) Die Erfolge des Zionismus in der Organisation, in der Tätigkeit in Palästina seien bedeutend, vor allem aber die moralischen. Dem Juden gegenüber werden Bürger- und Menschenrechte verleugnet. Den Widerspruch dagegen darf man am wenigsten im Haag der Friedenskonferenz als platonisch betrachten. Er zweifle nicht daran, daß über kurz oder lang eine diplomatische Konserenz zur Regelung der Judenfrage berufen werden wird. Nach Verlesung eines hebräischen Begrüßungsschreibens der Gemeinde Haag an den Kongreß wurden die Wahlen für die Kongreßleitung vorgenommen. Zu Präsidenten wurden gewählt David Wolffsohn (Köln) und Dr. Max Nordan (Paris), ferner acht Vizepräsidenten und sieben Beisitzer. In der Nachmiltagssitzung erstattete derLegltimationsausschuß seinen Bericht und beanstandete die Wahl in Glarus in der Schweiz. Sodann wurde L. Greenberg nachträglich als Beisitzer ins Präsidium gewählt. Nordaü legte das Präsidium nieder und wurde auf seinen Wunsch statt dessen alsBeisiher hineingewählt. Dann sprach unter großem Beifall Herr Kleerekooper, der Redakteur des Amsterdamer „Telegraph", der zuerst in holländischer, dann in hebräischer Sprache eine Ansprache hielt. Sodann folgte der ausführliche Rechenschaftsbericht des Kölner Zentralbureaus, den N. Sokolow zur Verlesung brachte. Hierauf sprachen Dr. Nacht-Focsani, Dr. Reich-Lemberg, Dr. Ehrenpreis-Sofia zum Rechenschaftsbericht. Die Generaldebatte füllte auch den heutigen Tag ans. Sie drehte sich hauptsächlich um drei Fragen: Die Palästina- Arbeit, das Verhältnis des Zionismus zu innerpolitischen Fragen und die Verlegung des Zentralbureaus nach Berlin. Die Debatten sind diesmal viel ruhiger als in früheren Jahren, die Kritik aber gleichwohl eine zum Teil sehr scharse. * Vlm jstah und fern. Dem Bibliothekar an der hiesigen Königlichen Bibliothek Dr. H e i n r. S i m o n ist das Prädikat Professor beigelegt worden. — Der Kaiser hat dem Bariton Alexander Heinemann für seine Verdienste um den „Vaterländischen Frauenverein" die rote Kreuzmedaille dritter Klasse verliehen. Der Künstler wurde erst kürzlich vom Herzog von Anhalt durch Verleihung der goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. — Der Gründer der Kolonie Seehof bei Teltow, der Bankier Albert Saberskh, ist am 9. d. M., 63 Jahre alt, gestorben. — Am 11. d. M. ist hier der Kaiserliche Reichsbankagent und Kursmakler Harry Löwenstein nach langem Leiden gestorben. — In Tirschtigel ist der Kaufmann Oscar Greifenhagen gestorben, der länger als zwanzig Jahre Vorsitzender des Repräsentantenkolleginms daselbst war und mit regem Pflichteifer seines Amtes gewaltet hat. — Kommerzienrat Lucian Lewandowski, Mitbegründer und Seniorches der seit nahezu 50 Jahren bestehenden Ostpreußischen Holzkommanditgesellschaft Albrecht und Lewandowski. ist am 11. d. M. in Königsberg nach längerem Leiden im Alter von 71 Jahren gestorben. Lewandowski, der sich namentlich um die Hebung des Holzhandels in der Provinz mannigfache Verdienste erworben hat, war eine bekannte Persönlichkeit; er gehörte latrge Jahre auch dem Vorsteheramt der Kaufmannschaft an. — Anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand ist dem Hauptlehrer Isidor Walter in Königshütte der Adler der Inhaber des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen worden. — Der Kaufmann und Gutsbesitzer Moritz Friedländer aus Bromberg hat für das Bethaus in Salzbrunn einen roten Plüschvorhang für das Allerheiligste, geschmückt mit Goldtressen und Stickereien, gespendet. Herrn Friedländer, ist hierfür der wohlverdiente Dank öffentlich gezollt worden. — Bei Gelegenheit einer Uebung der Sanitätskolonne in Erfurt wurde Herrn Otto Bibo daselbst auf Antrag des Vertreters des Kaiserlichen Kommissars, des Militärinspekteurs der freiwilligen Krankenpflege, General Perthes, die Rote Kreuzmedaille dritter Klasse verliehen. Der Oberpräsident übersandte Bibo die Medaille mit 'einem Begleitschreiben, das den herzlichsten Glückwunsch zum Ausdruck brachte. Bibo ist ein Veteran, der die Kriege 1866, 1870/71 mitgemacht hat, und Inhaber des Eisernen Kreuzes, welches ihm 1870 vom verstorbenen Kaiser Friedrich eigenhändig übergeben wurde. — Dr. S. Graefenberg. Oberlehrer an der Handelsrealschule in Frankfurt a. M., hat den Profeffortitel erhalten. — Den polnischen Blättern berichtet man aus Owrutsch im Kiewer Gouvernement, daß es dort wegen dev Rabbinerwahl zwischen den Juden in der Synagoge zu einem blutigen Handgemenge karu. Die beiden feindlichen Lager schlugen mit solcher Heftigkeit aufeinander los, daß zahlreiche Schwerverwundete auf dem Platze blieben. Erst das Einschreiten der Polizei machte dieser Schlacht in derSynagoge ein Ende. — Ebenso wird aus Maros Vasarhely in Ungarn berichtet, daß in einer dortigen Synagoge zwischen Rabbiner und Vorsteher eine Prügelei am Sabbat während der Thora-Vorlesung stattgefunden habe. Beide sind orthodoxe Gemeinden! — Das russische Oberkriegsgericht fällte am 5. d. M. ein merkwürdiges Arteil von grundsätzlicher Bedeutung. Das Kriegsgericht zu Odessa hatte sechs Juden wegen Beteiligung an einer zur Abwehr der Pogrome organisierten jüdischen Schutzwehr zu langjähriger Zwangsarbeit verurteilt. Die Härte der Strafe erklärte sich daraus, daß das Kriegsgericht annahm, die jüdische Schutzwehr sei eine Geheimverbindung, die den Umsturz der bestehenden Staatsordnung durch die Ausrüstung des jüdischen Proletariats zum Kampfe mit Polizisten und Soldaten anstrebt. Die Verurteilten legten Berufung ein. Diesi wurde jedoch trotz der augenscheinlich unhaltbaren Begründung des kriegsgerichtlichen Urteils und verschiedener prozessalischer Fehler verworfen. — Der russische Kriegsminister hat dem Zaren vier Adressen von Wolost- und Dorfversammlungen Donscher Kosaken aus Anlas der Entdeckung der Verschwörung gegen das Leben des Zaren vor gelegt. Eine davon drückte den Wunsch aus, der Zar möge der Juden das Wahlrecht entziehen, damit in der Reichsduma ausschließlich russischer Geist zum Ausdruck komme. Der Zar machte dazu den Vermerk: „Mit Vergnügen gelesen." Der Verband des russische!' Volkes wird diese Randbemerkung voraussichtlich zu agitatorische! Zwecken verwenden. Es ist aber zu bemerken, daß das die stereotyp Wendung ist, mit der der Zar jede Huldigungsadreffe beantwortet — Das Zentralkomitee der Alliance Israölite Universelle hat für di zwei in Rußland abgebrannten Ortschaften Stolbozy und Smo liany eine Unterstützung von 8000 Franken bewilligt. — An Philadelphia wird gemeldet: Infolge der wahnsinnig hohe: Fleischpreise plünderten tausende jüdischer Frauen die jüdische Fleischgeschäste, übergossen das Fleisch mit Petroleum und vernichtete! die Kontobücher der Schlächter. Die Polizei, die einschreiten wollte wurde mit Steinen bombardiert. Hundert Personen wurde' verhaftet; viele Frauen und Kinder wurden von Polizisten verwundet. *

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