Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228779--63757-3297680- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
der ta| in bei | >lff h| hielt bio m flehe rche bi amentc °omm er., t Geseke Bei - ölen. - t Date i nd noi i richte!? )0 Hör! rszeN' ' Seil' et" z len de | tnzjaht :flltebei Wunder chlosset olian gesteckt Syno md dei s lENs! ch arm Friend tgliede o sag, es m r i Stad! Zovert - De-.' nt dlxzelleri Nartin g hoi; großen t diese as als Grün kanisch n) von ist an Angel borene >gie tu chunge ander ch affen ^iosen irendei Dichte! ch lebe jetzige . Da r nu in der ferchte; Osten us ein Unte ine Pc Schn- 71. Jahrgang. Nr. 34. Berlin, 23. August 1907. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnenren ts-pr eis: durch Buchhandel oder post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Ae öa klerrrr Gustav Aarxeles. Begründet von Rabbiner D*. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag vou Rudolf rnosse, Berlin. Kulturelle Lntkremdung. Berlin. 19. August, er Altmeister der jüdischen Wissenschaft, Leopold Zunz, tat einmal den Spruch: Erst wenn die jüdische Wissenschaft sich ihre gebührende Stellung erworben hat, wird man der Judenheit gerecht werden. Setzt man statt Wissenschaft jüdische Kultur, jüdisches Geistesleben, dann behält diese Sentenz ihre Gültigkeit für alle Zeiten. Unverständnis ist der Urquell alles Uebels, und wir Juden leiden hauptsächlich darunter, daß man uns nicht versteht, daß man uns verkennt. Man versteht erst ein Volk, wenn man seine Kultur kennt, und unsere Kultur ist den Völkern, unter denen wir leben, meistens fremd geblieben. Daher tauchen täglich immer neue Antipathien und neue Vorurteile gegen uns auf, und daher kommt es zu keiner inneren Annäherung, zu keiner gerechten Beurteilung. Kulturelle Entfremdung heißt die Krankheit, die uns im Laufe der Geschichte so viel Schmerz gebracht hat und die uns auch heute seelische Qualen bereitet. Gerade heute, wo der lärmende Straßenantisemitismus verstummt ist, ist es Zeit, den Quellen des inneren Judenhasses nachzugehen und der gesellschaftlichen Isolierung, von der uns kulturell die größte Gefahr droht, unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Man will uns nicht verstehen, man verkennt uns in unseren besten Absichten, weil man unsere Geschichte, unsere Literatur und unser ganzes Seelenleben nicht begreift. Es ist kaum glaublich und doch wahr: Wir leben seit Hunderten von Jahren mitten in der deutschen Bevölkerung, sind durch tausend Bande an sie gebunden und sind ihr doch oft innerlich fremd geblieben. Unsere Schuld war es nicht, wir haben uns nicht versteckt, und unsere Kultur blieb jedem offen, aber man bekümmerte sich nur dann darum, tvenn man sie karikieren und verhöhnen wollte. Man scheute ein tieferes Erkennen, um seine mittelalterlichen Gefühle nicht korrigieren zu müssen, und man behielt seine Atavismen, nur in etwas modernisierter Gestalt. Es grenzt fast ans Unglaubliche, wie weit die Unkenntnis in jüdischen Dingen geht. Chinesen und Japaner sind dem größten Teile des deutschen Volkes in ihrem Innenleben nicht viel fremder als wir. Ja, die Leute wissen, womit der Jude handelt und wie er sich kleidet, aber nicht, wie er empfindet, wie er geistig lebt. Das gilt nicht nur von den breiten Massen, sondern auch von den gebildeten Kreisen, ja auch von den Trägern des deutschen Kulturlebens, von den Gelehrten, Künstlern, Dichtern und Schriftstellern. Man braucht nur das schiefe Bild zu studieren, das unsere hervorragendsten Gelehrten von der jüdischen Religion entwerfen, um sich zu überzeugen, wie weit hier das alte Vorurteil alle Erkenntnis trübt. Man braucht sich nur die Kunstwerke anzusehen, die jüdische Ideen oder jüdische Gestalten zum Objekt haben, um zu erkennen, wie sehr hier die falsche Auffassung vorherrscht. Und nun gär die Literatur! Man verfolge in der modernen Literaturalle Werke, in denen ein jüdisches Milieu oder eine jüdische Figur gezeichnet ist, und man wird finden, daß die Jrrtümer hier bei weitem überwiegen. Wo Nichtjuden sich an die Gestaltung jüdischer Dinge heranwagen, da kommt meistens eine Mißgeburt heraus. Die tragischen Dinge erscheinen ihnen komisch, weil die feinsten psychischen Differenzierungen unverstanden bleiben. Wir haben in den Literaturerscheinungen der letzten Jahre nur eine interessante jüdische Figur gefunden, die des roten Jzig im „Grafen von Charolais", und — dieses Buch ist von einem Inden geschrieben worden. Als wir die Theaterkritiken über diese psychologisch interessante Figur lasen, wußten wir nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Die meisten Herren Kritiker verstanden den roten Jzig einfach nicht, sie ergötzten sich nur überfeine Sprache und seine Manieren. Sie konnten ihm eben mit ihrer üblichen Schablone nicht beikommen. Ist es nicht merkwürdig, daß wir in der ganzen deutschen Literatur unreinen nennenswerten christlichen Ghetto-Dichter haben, den unter Juden groß gewordenen Sacher-Masoch? Dabei besitzen wir ja in unserer deutschen Literatur Vertreter für alle möglichen Spezialitäten. Entweder man wagt sich an jüdische Materien gar nicht heran, oder man geht mit einer Oberfiächlichkeit vor, die geradezu frivol ist. Man könnte tatsächlich ein dickes Buch schreiben, um die geläufigen Jrrtümer in jüdischen Dingen zu registrieren. Beschreibt man eine katholische oder protestantische Zeremonie, dann bemüht man sich, den Kultus genau zu studieren, um ja auch das Kleinste nicht zu vergessen. Bei jüdischen Dingen macht man die dicksten Schnitzer, ohne zu fürchten, sich der Lächerlichkeit preis zu geben. Man strengt sich an, alle Idiome richtig nachzusprechen, die Juden läßt man blödsinnig mehr oder weniger mauscheln, ob das Stück in der Gegenwart oder im Mittelalter, ob es in Südsrankreich oder in Norddeutschland spielt. Man ist realistisch in der Nachahmung der Kleider und Manieren aller Klassen und aller Völker, die Juden läßt man entweder im Kaftan oder in einein lächerlichen Dandhkostüm auftreten und mit Händen und Füßen komisch arbeiten. Es ist hier alles Schablone, ohne tieferes Studium. Es wird auf die Lachlust der Menge und nicht auf die wirkliche Seelenstimmung spekuliert. Man wird wohl sagen dürfen, daß in der deutschen Literatur — von wenigen Ausnahmen abgesehen — die Juden noch immer die Rüstkammer für lächerliche Figuren abgeben. Es ist dies die