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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-08-16 · Heft 33 (16.8.1907) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 33 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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herrschenden strengen Gesetze gegen Emigranten seine Reiseroute über Wien nimmt. Hunderte dieser heimatlosen und halbverhungerten Armen sehen wir in den Straßen Wiens rat* und hilflos umherirren, ein erschütterndes Bild menschlichen Elends. Es ist statistisch bewiesen, daß der größte Teil der Emigranten allsgebeutet wird. Unterwegs lverden sie infolge ihrer Unerfahrenheit eine leichte Beule von gewissenlosen Betrügern und Schwindlern, die sie unbarmherzig ausbeuten, so daß sie oft im größten Elend unterwegs Zurückbleiben müssen. Ja, wir können viele Fälle anführen, wo sogar hier in Wien selbst Emigranten m die Hände von gewissen betrügerischen Agenten gerieten und von ihnen um ihr Letztes gebracht wurden. Diesen Zuständen soll durch die Tätigkeit des Bureaus, wie es jetzt vom Verein .MreüsiKe liadalh" gegründet worden ist, leicht abgeholsen lverden. Das Bureau erteilt die verschiedensten Auskünfte und Ratschläge in allen Fällen, die sich auf Emigrationsangelegenheiten beziehen; die Emigranten stehen jetzt vom Tage ihrer Anklinft in Wien bis zu ihrer Abreise unter dem Schutze des Bureaus, welches sie, wenngleich einstweilen nicht mit Geld, so doch sonst mit Rat und Tat unterstützen wird. Aus der Nordbahn in Wien wird bei jedem einlaufenden Zug ein durch sein Abzeichen leicht kennbarer Bureaubeamter sich befinden, der die Aufgabe hat, die Emigranten bei ihrer Ankunft in Wien zu empfangen, ihnen vorerst billige Quartiere anzuweiseu und sie vor betrügerischen Agenten zu warnen. Die Eluigranten erhalten vom Bureau Aufklärung über die eventuell zu nehmende Reiseroute sowie auch Hilfeleistung bei der Anschaffung von Reisebilletts und bei ihrer Abreise von Wien. Die Emigranten werden auch vom Verein unentgeltlich verköstigt werden. Der Verein wendet sich an alle Glaubensgenossen mit der Bitte um Hilfe und Teilnahme, die ihm hoffentlich nicht versagt werden wird. — Das Propa ganda-Komitee der I sr a e l i ti s ch - Un ga ri s che n L i t era r i sch en Gesellschaft legte jetzt über seine bisherige Tätigkeit dem Präsidenten der Gesellschajt Josef v. Hatvany-Deutsch den Bericht vor. Die Gesellschaft hat seit Februar l. I. 833 neue ordentliche und sechs unterstützende Mitglieder gewonnen; die Zunahme beträgt seit einen! Jahre 1355, womit die Zahl der Mitglieder auf mehr als 2000 gestiegen ist. Das Propaganda-Komitee wird im September seine Wirksamkeit wieder aufnehmen. Vvn Kah und ssrrn. — Der Bankier Alfred Löwenberg ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Die neueste Doktorin der Berliner Universität ist Fräulein Sara Käscher. Die Doktorarbeit der jungen Dame, die in Warschau geboren ist und ihre naturwissenschaftlichen sowie medizinischen Studien in Zürich und Berlin betrieben hat, behandelt die Oberflächenspannung von Körpersäften unter normalen und unter pathologischen Bedingungen. — Dem Amtsgerichtsrat Cohn in Trebnitz ist die Genehmigung zur Annahme und Anlegung des vom König von Sachsen ihm verliehenen Ritterkreuzes I. Klasse des Sächsischen Albrechtsordens erteilt worden. — Zu Jnstizräten wurden ernannt: die Rechtsanwälte Dr. S. Meyer in Hannover, Goldberg in Bochum, S. Meyer in Stargardt, Kantorowicz in Koschmin, Blaß und Dr. Moll in Breslau. — Der Verein für Arbeitsnachweis hat durch seine Vermittlung im Monat Juli 152 Personen in Stellung gebracht und außerdem noch 24 Personen vorübergehend Beschäftigung nachgewiesen. — Geh. Sanitätsrat Dr. H. Brock hat den Roten Adlerordeu IV. Klasse erhalten- — Nicht der kürzlich verstorbene Regierungspräsident a. D. und ehemalige Abgeordnete von Tie bemann war Mitbegründer des Ostmarkenvereins, sondern ein Namensvetter von ihm, Major von Tiedemann-Seeheim. — In Rogowo wurden kürzlich aus dem jüdischen Friedhofe gegen 20 Grabsteine umgeworfen und zertrümmert. Als Täter sind jetzt vier Schulknaben ermittelt worden. — Bei dem Eisenbahnunfall inEhdtkuhnen ist der Ingenieur Moses Zeitlin aus Petersburg, der Redakteur der zionistischen Zeitschrift „Raswiet", der nach Haag reisen wollte, verunglückt. Er war erst 35 Jahre alt. — Ter zu Markirch verstorbene Fabrikant Julius Simon hat 400000 Mark zu wohltätigen Zwecken vermacht. — In Privataudienz vom Großherzog von Baden ist in Et. Moritz, wo der Großherzog zurzeit weilt, das Mitglied des österreichischen Reichsrats, der zionistische Privatdozent Dr. Mahler empfangen worden. — Infolge der ia Nr. 30 veröffentlichten Todesanzeige eines Judenfeindes in der Passauer Donauzeitung wandte sich Prediger Lion Wolfs u Tempelburg an die Witwe des Dahingeschiedenen und erhielt die Auskunft, daß der Name „Judenfeind" als normen proprium gelte und in jenen Bezirken oft vorkomme. Damit ist die Sache lu friedigend erledigt. — In Warschau ist die amerikanische Parlamente kommission zur Erforschung der jüdischen Emigration angekommei. Diese Forschungsreise steht in enger Beziehung zum neuen Gesetze über Immigration nach den Vereinigten Staaten und dessen Ve- - hültnis zu den jüdischen Emigranten aus Rußland und Polen. - Wie aus Petersburg berichtet wird, sind laut statistischen Datei im Jahre 1906 nicht weniger als 186 089 Juden aus Rußland nrn, Amerika ausgewandert. Der Hauptstrom der Emigranten richte!? sich nach New Uork, 9000 begaben sich nach Kanada, 13 500 lim i Argentinien. — Der bekannte polnische Maler Samuel Hirszenb erg er begibt sich nach Palästina, uni dort an der Sei! ' von Professor Boris Schatz als Lehrer am „Bazalet" z wirken. — Dem Vernehmen nach bestanden die Einnahmen de Verbandes des russischen Volkes im abgelaufeuen Finanzjahr aus 670 000 Rubeln an Spenden und 200 000 Rubeln an Mitgliedei beitrügen. — Der berüchtigte Führer der Schwarzen Hunde: Kruschewan wurde vom Verbände russischer Leute ausgeschlossen weil er 300 000 Rubel unterschlagen hat. — Die Stadt Jmoliau (Gouvernement Mohilew) wurde von einer Bande in Brand gesteckt 114 Häuser der Juden, 15 der Christen, 70 Läden und fünf Syno gogeu wurden eingeäschert. Ein junges jüdisches Mädchen fand de- Tod in den Flammen. — Der städtische Armenrat in Leeds (Eng land) wählte zum Arzt eines Distriktes, in dem hauptsächlich arm Juden wohnen, den angesehenen jüdischen Arzt Dr. Julius Frieud Auf dieses Wahlresultat hin nahmen die „liberalen" Mitglied? Gelegenheit zu einigen höchst unpassenden Bemerkungen; so sagi einer dieser merkwürdigen „Liberalen", daß die Wahl eines Migliedes der jüdischen Rasse ein dauernder Schandfleck für die Stad! sei. Die Herren wollen sogar einen Protest an den „Local-Gover: ment Board" senden, damit die Wahl kassiert werde. — Sk. Oberrabbiner Dr. Margulies in Florenz, Präsident de? Falascha-Komitees, hatte jüngst eine Besprechung mit Sr. Exzellev.'. Ferdinando Martini, dem Gouverneur von Erythräa. Martin nahm die Mitteilung von der Absicht der Gründung von Schulen für die Falaschas in der italienischen Kolonie mit großen Vergnügen auf und erklärte, daß auch der italienische Staat diese Idee sehr günstig sei. Se. Exzellenz bezeichnete die Falaschas als „gl’ inteleiinali ciell’ Abissinia“ und bot dem Komitee den zur Grüu düng der Schulen nötigen Platz an. — Die amerikanisch Rabbinerversammlung hat diesmal in Franksort (Michigan) vou 2. bis 5. v. M. getagt. Bericht folgt. — In New Jork ist aw 17. v. M. der bekannte Naturforscher und Reisende Prosessor Angel Heilprin im 54. Lebensjahre gestorben. Er war ein geborene Ungar, der 1900 zum Professor der Paläontologie und Geologie ai der Universität in Philadelphia gewählt wurde. Seine Forschung^ reisen nach Grönland, seine Besteigung des Mont Pelee und ander kühne Unternehmungen haben ihm einen bedeutenden Ruf geschaffen — Die Nachricht von dem Tode des Jargondichters Morris Rosen feld bestätigt sich erfreulicherweise nicht. In einem rührende: Schreiben an die „Wilnaer Volkszeitnng" dementiert sie der Dichte! selbst. Es heißt dort: „Ich bin gezwungen zu erklären, daß ich lebe obwohl der Tod für mich wünschenswerter wäre als mein jetzige Zustand. Ich lebe in ewiger Finsternis, denn ich bin blind. Da Licht des Tages hat mich verlassen, geblieben ist mir nu das Elend." — In New Aork haben fünfzigtausend der in der Sweating-Shops einiger Großunternehmer znsammengepferchte; Schneider, meist jüdische Einwanderer aus dem europäischen Osten die Arbeit niedergelegt. Ihre Forderungen gehen sowohl aus ein Erhöhung der Löhne als auf Verkürzung der Arbeitszeit. — Unte den Juden in New I ork herrscht eine lebhafte Bewegung bcifitr, eine Pe tition an den Friedens-Kongreß im Haag abzusenden, in der um Schn-, für die Juden in Rußland und Rumänien gebeten werden soll.

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