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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-26 · Heft 30 (26.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 30 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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22 mut ausgenommen worden. Von den in Fürsorge verbliebenen 95 Kindern sind sechs in Pflege bei geeigneten Familien, zwei Knaben erlernen Handwerke mit Unterstützung „der Vereine zur Förderung des Handwerks und der technischen Berussarten unter den Israeliten des Grobherzogtums Baden" in Mannheim und Karlsruhe, ein Knabe ist im Vcrseminar in Tauberbischossheim; drei Knaben erlernen die Kausmannschast, die übrigen sind unter Gewährung von Erziehungsbeiträgen bei ihren Eltern, Müttern bezw. Verwandten verblieben. An Stelle des nach Kassel übersiedelten Herrn Rabbiners Dr. Doktor wurde Rabbiner Dr. Eschelbacher zum stellvertretenden Vorstand gewählt. Am 19. Dezember 1906 starb Herr Ludwig Groß von Bruchsal und am 1. April 1907 Herr Benedikt Herzberger von Breiten. Beide hatten sich an der Gründung des Vereins mit warmem Eifer beteiligt und bis an ihr Lebensende an der Ausbreitung und Erstarkung desselben mitgearbeitet. Der Bericht erwähnt auch die Schenkungen bezw. Stiftungen, welche zum Andenken an die nachverzeichneten Verstorbenen gemacht wurden, von Herrn Leopold Rothschild in Konstanz, Frau Eva Schweizer in Flehingen, Frau Bertha Maier in Bruchsal, Frau Sophie Tuwiner in Karls" ruhe, Herrn Karl Wimpfheimer in Karlsruhe. Die Ausgaben betrugen zirka 20 0O0, die .Einnahmen zirka 27 000 Mark. Der Vorstand des Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Grobherzogtum Baden besteht zurzeit aus den Herren: Stadlrat Louis Marx, Vorsitzender; Rabbiner Dr. M. Eschelbacher, Stellvertreter des Vorsitzenden; Stadtrat N. Katz, Schriftführer; Synagogenrat Emil Marx, Rechner; Synagogeurat G. Straus; Synagogenrat I. Kusel, Medizinalrat; Stadtrabbiner Tr. M. Appel in Karlsruhe; Rabbiner Dr. A. Lewin in Freiburg; Rabbiner Dr. L. Löwenstein in Mosbach; Rabbiner Tr. B. Maier in Bühl; Rabbiner Tr. Pinknß in Heidelberg; Rabbiner Dr. M. Rawicz in Offenburg; Rabbiner Dr. I. Spitz in Gailingen. Gesterreich-Angsrn. □ Wien, 22. Juli. Rührig sind unsere jüdischen Abgeordneten im Reichsrat — leider wird es ihnen nur wenig helfen. Sie haben schon eine ganze Anzahl von Interpellationen eingebracht, betreffend Hilsner, ferner die Ausweisung österreichischer Staatsangehöriger aus Preußen, sodann die Entführung der minderjährigen Gelle Fas; in ein galizisches Kloster u. a. m. Aber welchen Erfolg können diese Interpellationen bei der Zusammensetzung des Hauses haben, selbst wenn sie zur Beantwortung gelangen. Zwar hat der christlich-soziale Präsident Dr. Weiskirchuer den jüdischen Abgeordneten erklärt, daß er in der Ausübung seiner Pflichten sich niemals von konfessionellen Momenten werde beeinflussen lassen — aber wieviel auf derartige Versicherungen bei uns in Oesterreich zu geben ist, weiß jedermann. — Großes Aufsehen erregt hier die Affäre des berühmten Augenarztes Prof. Fuchs, der in einem speziellen Falle erklärte: „Ich kann die polnischen Inden in ihren Nationalkostümen den anderen Kranken zuliebe, die über deren Geruch sich beschweren, nicht in mein Sprechzimmer einlassen." Es bleibt dem Herrn Hofrat Fuchs selbstverständlich freigestellt, zu entscheiden, wen er in seiner Privatpraxis behandeln will, wenngleich der Satz, das; Kleider Patienten machen, bei einem „Wohltäter der Menschheit" denn doch keine Geltung haben sollte. Aber nicht entschieden genug muß die Begründung getadelt werden, die sich der Herr Hofrat für seine menschenfreundliche Maßregel leistet und die im Munde eines Schneider nicht weiter überraschen würde, bei einem akademischen Lehrer jedoch auf das schärfste zu mißbilligen ist. — Dem Sektionsrat im Eisenbahnministerium Siegmund Sonnenschein ist der Titel und Charakter eines Ministerialrates verliehen worden. Ministerialrat Sonnenschein, welcher der konunerziellen Sektion des Ministeriums vorsteht, hat auch bei den Verhandlungen wegen Verstaatlichung der Nordbahn wichtige Dienste geleistet und gilt auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens sowie dank seiner gediegenen publizistischen Arbeiten als eine Kapazität. — Am 30. v. M. fand.unter Vorsitz des Vizepräsidenten des Kuratoriums, Magistratsrat Dr. Stein, die erste ordentliche Generalversammlung des Vereins zur Gründung und Erhaltung eines jüdischen Museums in Prag statt. Der Vorsitzende hielt dem dahiugeschiedenen Kurator Herrn Hermann Jnwald einen warmen Nachruf. Aus dem Geschäftsbericht ist das stetig wachsende Interesse für die Vereinsbestrebungen ersichtlich. Mehrere Korporationen haben ihre Sympathien für den Verein durch Subventionen zum Ausdruck gebracht. Hervorzuheben ist der Gründungsbeitrag der Erben des kaiserlichen Rats Gottlieb Bondh im Betrage von 500 Kr., der Stiftungsbeitrag des kaiserlichen Rats Moritz Arndt im Betrage von 200 Kr. Der Verein will im September sein Museum eröffnen. Von MH und Lern. Der Bankier Hermann Nathanson hat den Roten Adlerorden 4. Klasse erhalten. — Zn unserm Leitartikel in Nr. 28 ist folgende Notiz, die durch die Tagesblätter geht, von Interesse: In keiner Stadt der Welt ist die Zahl der Mischehen so groß und ständig im Wachsen begriffen, wie in Berlin. Von den rund 20 000 Ehen, die jährlich in Berlin geschlossen werden, fallen rund 4000, das sind der fünfte Teil, auf Mischehen. — In Nr. 29 brachten wir die Mitteilung nach dem „Reichsanzeiger", daß Pros. Dr. O. Nosenbach einen persischen Orden zu tragen die Erlaubnis erhalten habe. Diese Erlaubnis hat ihn jedoch nicht erreicht, da er bereits seit einem halben Jahre tot ist. — Dr. E. Finkel, früher Rabbiner in Pafewalk, ist zum Leiter des israelitischen Waisen- und Fürsorgeheims in Charlottenburg gewählt worden. — Prof. Dr. Siegfried Czapski in Jena soll nach einer Mitteilung aus unserm Leserkreise getauft gewesen sein. Damit steht die Tatsache doch wohl in Widerspruch, daß er von 1893 bis zum Tode Mitglied des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" war. — Auch die Notiz über den bayerischen Leutnant Angerer in Nr. 29 ist zu berichtigen. Wir bitten bei diesem Anlaß unsere auswärtigen Korrespondenten nochmals dringend, in solchen Fällen besonders genaue Erkundigungen einzuziehen. — Rabbiner Dr. Bäck-Oppeln, der die Berufung nach Pilsen abgelehnt hat, ist zum Rabbiner in Düsseldorf gewählt worden und hat seine Bereitwilligkeit zur Annahme der Wahl erklärt. — Aus dem israelitischen Friedhof in Beuel sind in letzter Zeit elf Grabdenkmäler umgeworfen worden. Aus die Ermittelung der Täter setzt die Synagogengemeinde eine Belohnung von 130 Mart aus. — Geheimrat Pros. Dr. Ehrlich in Franksurt a. M. hat das Ritterkreuz des badischen Ordens Berthold I. erhalten. — Durch Verfügung des Kgl. Württembergischen Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens vom 17. Juli d. I. ist das Rabbinat Göppingen dem Rabbiner Dr. Tänzer in Meran übertragen worden. — Der Fabrikbesitzer Wilhelm Reiner in Karlstadt hat den erblichen ungarischen Adel mit dem Prädikat de Banija erhalten. — In Rotterdam heiratete ein Jude eine Christin, welche Rabbiner Schwarz in Brüssel ins Judentum ausgenommen hatte. Oberrabbiner Ritter und die Vorsteher in Rotterdam verweigern die Aufnahme in die Gemeinde, während sie der Kirchenrat zugestehen will. — Die Charkow er Kausmannschast beschloß die Norm der Aufnahme der Inden in die Handelsschule von 10 auf 25 Prozent zu erhöhen. — Am 25. Juli fand beiln Kommandierenden des Odessaer Militärbezirks, Baron Kaulbars, eine Sitzung der lokalen Behörden statt, um keinen Pogrom in Odessa zuzulassen. Ein solcher wurde von den „echt russischen Leuten" geplant. — Jn Mohilew a. Dnjestr wurden viele Leute für den Oktoberpogrom zu verschiedenen Gefängnisstrafen verurteilt. Ein Zeuge, das Magistratsmitglied Chadig lein Karäer), wurde der Aufwieglung zum Pogrom überführt. — Die Verwaltung der Odessaer Handwerkerschule „Trud" machte dem Stadthauptmann eine Vorstellung, beim Ministerium des Innern eine Aenderung in den Statuten derselben vorzunehmen. — Die zentral- und südamerikanischen Republiken haben ein seltsames Verhältnis zu den Juden. In Peru verbietet das Gesetz die Erbauung von Synagogen. In Bolivia wurde die öffentliche Ausübung der religiösen Hebungen jedes Bekenntnisses erst am 27. August v. I. gestattet. — Der Direktor der Lümel-Schule in Jerusalem, Herr Ephraim Cohn, hat vom Kaiser von Oesterreich den Franz Joseph-Orden erhalten. — Die angebliche Gesangenhaltung einer mohammedanischen Frau im Zudenviertel zu Teheran hätte beinahe zn einer Metzelei geführt. Glücklicherweise traten die Behörden zur rechten Zeit dazwischen, doch waren schon etwa zwanzig Inden verwundet lvorden. Der Stadtteil wird jetzt bewacht.

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