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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-07-12 · Heft 28 (12.7.1907) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 28 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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M^WWMWWMWWWWW erweitern und vertiefen und eine Kluft schaffen wolle zwischen . dem Judentum und der westlichen Kultur." (Rufe: Ein neues Ghetto!) — Abc;. Tr. Gabel: Die hebräische Kultur ist die älteste! — Abg. Dr. Löwen stein : Ich kann von hebräischer Kultur sprechen, Sie nicht! — Abg. Dr. Gold: Was verstehen denn die ruthenischen Abgeordneten von hebräischer Kultur? — Der rhetorisch meisterhafte Schluß der Rede Löwensteins lautete folgendermaßen: „Wir stehen auf dem Standpunkt, daß wir einem Volke angehören, das eine jahrtausendalte Kultur hinter sich hat, das der Menschheit das Höchste gegeben hat, was wir besitzen, den Glauben an einen Gott. Wir ' sind stolz darauf, von Geschlechtern abzustammen, welche die Leuchte des Wissens vorangetragen haben. Allein wir leben heute hier und wollen unsere Bürgerpflicht erfüllen, wir wollen gleichberechtigte und gleichverpflichtete Bürger sein, jetzt und immerdar. Wir werden uns nicht ausschließen lassen von dem großen Anteil an der westlichen Kultur, an deren Entwicklung wir mitgewirkt haben. Wir werden uns aber weder von den Extremen unter uns, noch von den Extremen wider uns unsere nationale Zugehörigkeit absprechen lassen." Die Abgeordneten Liebermann und Tiamand polemisierten in sehr geschickter Weise gegen Löwcnstein als Verteidiger des Polenklubs. Ebenso der Abgeordnete Stand. Ein Intermezzo aus seiner Rede möge hier noch folgen. Er sagte: „Wenn die Juden hier sprechen, geschieht es nicht, um gegen das polnische Volk aufzutreten. Die Juden haben eine glorreiche Vergangenheit, eine schöne Gegenwart und auch eine Zukunft. Die Juden haben heute eine nationale Eigenart, eine glänzende hebräische und Jargonliteratur, sie haben Dichter, die in der Weltliteratur ihren Platz einnehmen." (Gelächter.) Abgeordneter Prochazka: Sind denn nur Juden im Hause hier, daß wir nur Reden über die Juden hören? Schluß! Abgeordneter Stand: Wir sind aber nicht nur Juden, wir sind auch Demokraten. Die Juden im Polenklub aber sind keine Demokraten. (Rufe: Plutokraten seid Ihr, nicht Demokraten! Ihr wollt die Herrschaft der Juden, nicht des Volkes!) Die bedeutendsten Juden der Gegenwart, Künstler und Denker, arbeiten heute zusammen mit den Jüdischnationalen für ein neues Inda, das mit den jungen Ruthenen und Polen Zusammengehen wird. (Beifall bei den Parteigenossen, Gelächter und Zwischenrufe.) — Dieser Tage ist Oberlandesgerichtsrat Sare in Krakau, der anläßlich seiner Pensionierung mit dem Hofratslitel ausgezeichnet wurde, in den Ruhestand getreten. Er war der erste jüdische Gerichtssekretär, der erste jüdische Landesgerichtsrat und der erste jüdische Oberlandesgerichtsrat. An der Schwelle eines jeden Avancements stand er vor der schweren Gewissenssrage, ob er sich den höheren Rang durch Preisgabe seines Glaubens erkaufen solle. Sare hat jeder Versuchung zu widerstehen gewußt. Der Justizminister mußte ihn trotzdem besörderu, weil sein Fleiß musterhaft, sein Wissen hervorragend war. So brachte es Sare auf der Stufenleiter der Beamteuhierarchie bis zum -Oberlandesgerichtsrat. Hier blieb er stehen. Rach Auffassung des Justizministers führt der Weg zum Obersten Gerichtshof nur durch das Taufwasser. Sare ist auf seine alten Tage nicht „praktischer" geworden und so wurde er lediglich Titularhofrat in Pension. — In einer unter Vorsitz des Rabbiners Tr. Schnitzer- Komorn stattgehabten Versammlung, an welcher etwa 40 Rabbiner von Kongreß- und Status <iuo-Gemeinden teilnahmen, ist die Konstituierung eines ungarischen Landes-Rabbinervereins beschlossen worden, dessen Aufgabe die Ermöglichung eines einheitlichen Vorgehens in rituellen Fragen und die Wahrung der materiellen Interessen seiner Mitglieder bilden soll. — Der Kaiser hat dem Journalisten Tr. Johannes Horowitz den Orden der Eisernen Krone dritter Klasse verliehen. Horowitz fungiert als Syndikus des Verbandes der auswärtigen Presse und ist seit 20 Jahren Vertreter des „Daily Clironicle“ in Wien. — Von Mh und Lern. Am 4. d. Mts. ist der wegen seiner gemeinnützigen Tätigkeit bekannte Herr Wilhelm Weisstein gestorben. Die Berliner jüdische Gemeinde hat durch das Ableben dieses ausgezeichneten Mannes, der seit dem Jahre 1870 in ihrem Ehrendienste stand, einen schmerzlichen Verlust erlitten. — Geh. Negierungsrat Prof. Dr. Hermann Munk wird um l. Oktober von seinem Lehramt und der Leitung des physiologischen Instituts an der Berliner Tierärztlichen Hochschule zurücktreten. Als Grund wird Rücksicht auf sein Alter angegeben, obwohl er erst vor kurzem sein 68. Lebensjahr vollendet hat. — Herr James Simon hat von der Akademie der Wissenschaften die goldene Liebnitz- Medaille erhalten. — Der „Verein für Arbeitsnachweis", begründet von den Berliner Logen U. O. B. B., hat durch seine Vermittlung im Monat Juni d. I. 204 Personen in Stellung gebracht, und außerdem noch 40 Personen vorübergehende Beschäftigung nachgewiesen. — Aus Anlaß des 50 jährigen Bestehens der Wollgarnfabrik von Adolph Maas & Co. hat der Seniorch.ef der Firma, Heinrich Maas, die Summe von 150 000 Mark zur Gründung einer Pensionskasse für Angestellte gestiftet. Außerdem erhielten die Angestellten je nach der Länge ihrer Tätigkeit im Geschäft besondere Zuwendungen in Gestalt eines einfachen oder mehrfachen Monatsgehalts. — Der Sänger Alexander Heinemanu hat vom Herzog von Anhalt-Dessau den Verdienstorden für Wissenschaft und Kunst erhalten. — Ein Flugblatt, durch das Graf Pückler- Klein-Tschirne das Polizeipräsidium, die Staatsanwälte, Gerichts¬ und Irrenärzte aufs ärgste angreift, wurde beschlagnahmt. — Als Kantor der Synagogen-Gemeinde Oppeln ist Herr Kantor A. Weißmann aus Fordon gewählt worden. — Für die am 13. Oktober d.J. in Frankfurt a. M. abzuhaltende Versammlung des Verbandes der deutschen Juden hat eine Aenderuug des Programms stattgefundeu. Dr. Paul Nathan wird im Interesse des Hilfsvereins der deutschen Juden um diese Zeit eine Orientreise antreten, so daß an seiner Stelle den Vortrag über das Thema „Staatsinteresse und Judenpolitik" Professor Philippson übernommen hat. — Der Staatsanwalt Dr. Wilhelm Silberschmidt mit dem Range eines Oberlandesgerichtsrats wurde zum Oberlandesgerichtsrat am Oberlandesgericht Zw ei brücken ernannt. — Die Generalversammlung der Jewish Colonization Association hat in Paris am 7. Juli d. I. stattgesunden. Bericht folgt. — Professor Mortard, Präsident des Äppellgerichts in Ancond, ist zum ersten Sekretär des italienischen Justizministers ernannt worden. — Dem Parlamentsmitglied Maurice Le vH in London ist anläßlich des königlichen Geburtstages die Ritterwürde verliehen worden. — In Klasno. bei Krakau verschied am 28. v. Mts. nach kurzem Leiden im Alter von 73 Jahren der wegen seiner Frömmigkeit und vorzüglichen Charaktereigenschasten allgemein verehrte Kaiserl. Königl. Rat Fabrikbesitzer I. S. Perlberger. Ehre seinem Andenken. — Das Moskauer Organ des „Schwarzen Hunderts" wurde konfisziert. Außer einem hysterischen Hetzartikel des berüchtigten Mönches Jliodor enthielt die Nummer eine aufreizende bildliche Darstellung von einer angeblichen Mißhandlung eines Mitgliedes des Odessaer „Verbandes des russischen Volkes" namens Melnikow durch Juden. — Die Nachrichten aus Odessa sind wieder im höchsten Grade beunruhigend. Die Uebersälle auf Juden mehren sich täglich. Am Abend des 2. Juli wurde in den Straßen ein regelrechtes Feuergefecht gegen die Juden eröffnet. Ein Jude wurde ermordet, sechs tödlich verwundet, dann erst erschien die Polizei. Das Organ des Verbandes des russischen Volkes erklärt in der Mittwochnummer, es werde auch ferner so verfahren werden. Da der Stadthauptmann von Odessa, Grigorieff, der bisher immer das Aeußerste verhindert hat, zurzeit verreist ist, so herrscht Panik in Odessa. — Das letzte Judenzirkular Stolhpins, das außerordentlich vieldeutig ist, enthält von zuständiger Seite die folgende Deutung: Juden, die sich vor dem 1. August 1906 in ihnen gesetzlich verschlossenen Gebieten niedergelassen haben, sollen dort belassen werden, falls ihre Niederlassung als eine endgültige zu betrachten ist. Zugleich wird diese Erlaubnis des Wohnrechts aber davon abhängig gemacht, ob der betreffende Jude für die gesellschaftliche Ordnung ungefährlich ist. Die Bestimmung über Gefährlichkeit und Ungefährlichkeit liegt in den Händen mittlerer und niederer Polizeibeamten, jo daß das neue Zirkular in keiner Weise eine Besserung der Verhältnisse bringt, da die jüdische Bevölkerung der Drangsalierung und den Erpressungen der Polizei ausgesetzt bleibt. — . Der heutigen Gesamtauflage unseres Blattes liegt ein Prospekt der Sana-Gesellschaft irr. b. Cleve (Rheinl.), betreffend „Tomor" INI Butter-Ersatz, bei, welchen wir der Beachtung unserer Leser bestens empfehlen.

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