Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1907)
- Date
- 1907-06-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Gottesdienstordnung, die bei dem eifrigen Fortgang der Verhandlungen im nächsten Jahre wohl ihre Erledigung finden dürfte. Zum Beschlüsse des ersten Tages hielt der Vorsitzende Kirchenrat Dr. Kroner einen Vortrag über den Jnhaltsbegriff des Wortes Thora. Die streng wissenschaftliche und ungemein lichtvolle Art der Gewinnung der Begriffserklärung führte durch Bibel. Targum und Midrasch zu dem Ergebnis, daß Thora nicht so sehr die Erkenntnis fördernde, sondern die ans das praktische Zielt ausgehende, stets richtunggebende, daher den Menschen sittlich gestaltende religiös-ethische Anweisung sei, die im besonderen Sinne dann für die Priester die Bedeutung des Kultreglements erhalte, während die Worte Mizwah, Chok und Mischpat die formalen Seiten des Thora-Begriffes darstellten. Ganz besonders interessant war der Hinweis darauf, das; jener Detailbegriff im Priesterkodex der originäre sei, aus dem der Gesamtbegriff im Deuteronomium sich erst herausgestaltet habe, so daß damit die so verbreitete bibelkritische These der Priorität des Deuteronomiums erschüttert erscheine. Dr. Treitel-Laupheim, der die Diskussion eröffnete, sprach dem Vorsitzenden im Namen der Kollegen den Dank für die so bedeutsame wissenschaftliche Leistung und eingehende Forscherarbeit aus. Am anderen Tage referierte Dr. Berlinger- Brannsbach über die Mohelim, für die eine neue Verfügung der Behörde erschienen ist. Bezüglich der Frage der Hereinziehung auswärtiger Mohelim beschloß man bei der Behörde vorstellig zu werden. Zum Schluffe fand das Kapitel der geistlichen Assistenz bei der Feuerbestattung eine eingehende Besprechung, ohne daß jedoch hierüber bestimmte Beschlüsse gefaßt worden wären. * Oesterreich-Ungarn. U Wien, 24. Juni. Am 17. d. M. fand im Sitznngssaale der Kultusgemeinde die 34. ordentliche Generalversammlung der „Jsraeitischen Allianz" statt, zu welcher sämtliche derzeit in Wien weilenden Mitglieder des Vorstandes, sowie zahlreiche Vereins- Mitglieder erschienen. In Vertretung des abwesenden Präsidenten David Ritter v. Gutmann führte der Vizepräsident Dr. Alfred Stern den Vorsitz. Er begrüßte die Erschienenen, widmete den im ver stoffenen Jahre Hingeschiedenen Förderern des Vereins Worte des Nachrufs und erteilte dem Schriftführer Dr. Kaminka das Wort zur Verlesung des Geschäftsberichts. Auf Antrag des Herrn Dr. I. S. Bloch wurde, da der im Druck erschienene und an die Mitglieder versandte Bericht sich bereits seit mehreren Tagen in deren Händen befindet, von einer Verlesung desselben Abstand genommen und die Debatte eröffnet. Herr M. Baum erklärte, daß die Versammlung mit besonderer Befriedigung den Inhalt des Berichtes zur Kenntnis nehmen kann, aus welchem sich ergebe, daß die Vereinsleitung anch im verflossenen Jahre den vielfachen an sie herangetretenen schwierigen Aufgaben sich gewachsen erwies und das Werk der Hilfe für die verfolgten Glaubensgenossen in Rußland und Rumänien mit großer Umsicht und bedeutenden Mitteln in wirksamer Weise geleitet hat. Das Interesse weiterer Kreise der Judenheit für die Allianz könnte u. a. dadurch gehoben werden, daß die Zahl der Mitglieder des Beirats wesentlich vergrößert und ein Agitations- sowie ein Preßkomitee eingesetzt werden. Redner richtet schließlich an den Vorsitzenden die Anfrage, wie es komme, daß obwohl die Wiener Israelitische Allianz speziell das jüngste rumänische Hilfswerk vom ersten Tage mit fester Hand ergriff und die Führung in dieser Aktion erhalten habe, in einem dieser Tage publizierten Dankschreiben der rumänischen Glaubensgenossen alle europäischen Organisationen angeführt. Wien aber nicht einmal genannt wird. Der Präsident erwiderte, daß das Dankschreiben gerade an die „Israelitische Allianz zu Wien" adressiert war, welcher die vereinigten Komitees in Rumänien ihre besondere Erkenntlichkeit für geleistete Hilfe ausdrückten, indem sie die Allianz ersuchten, auch den anderen Organisationen den Dank zu übermitteln. Hierauf wurden nach einstimmiger Genehmigung des Jahresberichts und der Rechnungsabschlüsse die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes, die Herren David Ritter von Gutmann, Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Wilhelm Pappenheim, Donat Zifferer und Michael Benies durch Akklamation wiedergewählt. — Ter jüdisch-nationale Klub im Reichsrat hat sich konstituiert. Demselben gehören die Abgeordneten Dr. Gabel, Dr. Mahler, A. Stand und Dr. Straucher an. Letzterer wurde zum Obmann gewählt. Der Klub beabsichtigt, eine Reihe von Interpellationen an die Negierung zu richten, u. aüber die Judenverfolgungen in Rumänien. Das Programm lautet« „Der jüdische Klub wird stets für die Rechte, Interessen und für Wohlfahrt des jüdischen Volkes eintreten, wird die Anerkennung der jüdischen Nationalität und die faktische Durchführung der Gleichberechtigung der Juden energisch verlangen und unablässig zu verwirklichen trachten, sowie alle von welcher Seite immer kommenden Angriffe auf das Judentum entschieden abwehren. Im Sinne des jüdisch-nationalen Programmes wird der jüdische Klub nur eine freiheitliche, wahrhaft volkstümliche Politik vertreten, geleitet von den Grundsätzen politischen und wirtschaftlichen Fortschrittes, sozialer Gerechtigkeit, individueller und nationaler Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Der jüdische Klub wird für die Lösung der nationalen Frage aus dem Wege der nationalen Autonomie, für den Ausbau der Verfassung auf weitester demokratischer Grundlage unter Schutz der Minorität, für die Demokratisierung der Verwaltung, für die kräftigste Förderung der industriellen und kommerziellen Entwicklung Oesterreichs unter scharfer Bekämpfung der reaktionären Gewerbepolitik, für den Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung, namentlich für weitestgehenden Arbeiterschutz, Koalitions-, Preß- und Vereinsfreiheit wirken. — Das neue Abgeordnetenhaus zählt nunmehr definitiv 17 Juden, und zwar die beiden Wiener Hosrat Kuranda und Dr. Ofner; die Jüdischnationalen.' Dr. Straucher, Dr. Stand, Dr. Mahler und Dr. Gabel; die Mitglieder des Polenklubs: Dr. Löwenstein, Dr. Kolischer, Gall und Dr. Gold; die Sozialdemokraten: Dr. Ellenbogen, Dr. Diamond, Dr. Liebermann, Freundlich, Beer, Dr. Leo Winter und den Parteilosen Dr. Groß aus Krakau. Von Sah und Lern. — Der Privatdozent in der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität Dr. B. Rawitz ist zum Professor ernannt worden. — Dr. Hugo Preuß, bisher nebenamtlicher Dozent an der Berliner Handelshochschule, ist zum Professor für öffentliches Recht ernannt worden. — Der Magistrat hat den Magistratsrat Dr. W. Ledermann zum besoldeten Stadtrat gewählt und die Regierung hat diese Wahl bestätigt. — Herr Louis Haas, der am 27. April das Jubiläum seiner 50 jährigen Tätigkeit in der Firma Herrmann Schlesinger & Co. feierte, erhielt aus diesem Anlässe nachträglich vom Kaiser den Kronenorden IV. Klasse. — Der Großkordon des Großherrlich Türkischen Chefakatordens ist der Frau Dora Bier, geborene Frenkel, hier, Gattin des Leibarztes des Sultans, Professor Dr. med. Bier in Konstantinopel, verliehen, und die Erlaubnis zur Annahme ist vom Kaiser erteilt worden. Die Behauptung eines jüdischen Blattes, als sei Professor Bier kein Jude, ist falsch. Bier ist übrigens ein Enkel des sel. Rabbiners Heidenheim in Sondershausen. Hauptlehrer a. D. Herbst in Lissa hat den Kronenorden IV. Klasse anläßlich seines Rücktritts erhalten. — Die Wahl des Herrn Dr. Freimann in Holleschau zum Rabbiner in Ostrowo ist von der Regierung zu Posen in Rücksicht darauf, daß er nicht deutscher Untertan ist, nicht bestätigt worden. Die Stelle soll deshalb anderweitig zur Besetzung gelangen. — Landgerichtsrat Goldfeld in Breslau ist vom Justizminister zum Oberlandesgerichtsrat ernannt und an das Obergericht in Celle berufen worden. Derselbe hat jedoch den ehrenvollen Ruf mit Rücksicht auf seine persönlichen Verhältnisse abgelehnt. — In Breslau ist am 19. der Landgerichtsrat a. D. Lustig im 59. Lebensjahre gestorben. Derselbe nahm in gesunden Tagen warmen Anteil an jüdischen Angelegenheiten; er war Vorstandsmitglied der Brüdergesellschaft, des Liberalen Vereins u. a. m. Ehre seinem Andenken. — Dem außerordentlichen Professor an.der Universität Breslau Dr. Siegfried Friedländer wurde der Charakter als Geh. Negierungsrat verliehen. — In Halberstadt ist am 9. d. M. der Klausrabbiner Salomon Cohn, ein gelehrter und frommer Mann, der sich allgemeiner Achtung erfreute, im 77. Lebensjahre gestorben. Ehre seinem Andenken! — Die Universität