Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-24 · Heft 21 (24.5.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228766--63551-3297455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Hl- 4 1204 Stimmen hat, sein Gegner in der Stichwahl aber alle andeÄr Stimmen erhalten dürste. In Drohobycz siegte der Nationaldemokrat Dr. Nathan Löwen stein mit 3935 Stimmen über den Zionisten Dr. G. Zipper, der nur 1331 Stimmen erhielt. In Lemberg (3) standen sich jogar drei jüdische Kandidaten gegenüber. Infolgedessen kommt es zu einer engeren Wahl zwischen Samuel von Horowitz' dem dortigen Kultusvorsteher, der 1675 Stimmen erhalten, und dem Sozialisten Diamond, der zwar nur 1667 Stimmen erhielt, dafür aber bei der Stichwahl von verschiedenen Seiten Sukkurs bekommen wird. Der Zionist Dr. Braude vermochte nur 853 Stimmen in Lemberg aufzubringen. In Krakau und Przemysl wurden die Sozialisten Dr. A. Groß und Dr. H. Lieb er mann gewählt. Aps den Wahlbezirken Brody, Tarnopol, Kolomea, Stryj, Rowaruska, wo noch in letzter Stunde Dr. Josef Bloch-Wien aufgestetlt wurde, fehlen bisher weitere Nachrichten. Leider hat, wie man schon jetzt übersehen kann, die Uneinigkeit in Galizien wieder empfindlich geschadet. Wir fürchten, daß dadurch weniger jüdische Abgeordnete in den Neichsrat einziehen werden, als je zuvor. Und was das zu bedeuten hat angesichts des Anwachsens der christlich-sozialen Partei, das kann sich jeder selbst sagen. — Am 8. d. M. ist hier der Negierungsrat im Preßbureau des Ministerpräsidiums Leopold Löbl gestorben. Bei der Beerdigung waren der Ministerpräsident Baron Beck und viele hohe Würdenträger anwesend. Der Präsident der „Concordia", Edgar v. Spiegl, hielt die Leichenrede. Vmr Kah und jfrrn. Am 18.0.9)1. ist hier der Kaufmann Lou is Lachmann gestorben. Derselbe gehörte 17 Jahre lang der Armenkommission der jüdischen Gemeinde an und hat in dieser stets mit besonderem Pflichteifer sich betätigt. Ehre seinem Andenken! — In Elbing ist am 15. d. M. der Sanitätsrat Dr. Laudon im 72. Lebensjahre gestorben. Derselbe gehörte dem Vorstand verschiedener gemeinnütziger Vereine und dem Repräsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde jahrelang an. — Die verwitwete Frau Rittergutsbesitzer Rohr - L angguhle hat zum Zweck der Errichtung eines jüdischen Krankenhauses in Bojanowo ein Kapital unter der Bedingung gestiftet, daß mit dem Bau desselben 1907 begonnen wird. Die Baukosten sind ausschließlich des Baugrundes auf 43 000 Mark veranschlagt. Es sind sechs Krankenzimmer mit 24 Betten für den Neubau vorgesehen. — Bei den aus Anlaß der Einweihung des neuen Kurhauses in Wiesbaden veranstalteten Festlichkeiten empfing neben den Spitzen der Behörden auch Bezirksrabbiner Dr. Silberstein als Ehrengast der Stadt eine Einladung. Er erhielt seinen Platz neben den Spitzen der katholischen und evangelischen Geistlichkeit. — Bei der Generalprobe zu dem Festspiel „Gotberga" in Wiesbaden sprach sich der Kaiser, hinweisend auf die Wohltat, welche die Germanin Gotberga durch Darreichung des Heilung gewährenden Quells dem leidenden Römer Marius erwiesen habe, aus: „Im Gutestun gibt es eben keine Rasjenunterschiede!" Beim Anhören von „Herodes und Marianne" gab der Kaiser seiner Liebe für Hebbel Ausdruck, der seiner Ansicht nach viel zu selten aufgeführt werde. Hebbel sei ein Gigant, das zeige sich in „Herodes und Marianne". Der Kaiser betonte hierbei seine Bewunderung für das Heldengeschlecht der Makkabäer und berührte auch das Thema der altjüdischen Kunst, voll der er meinte, daß sie nur in der Kleinkunst hervorgetreten sei, hingegen sei die altjüdische Schriftkunst und Dichtkunst von Bedeutung gewesen. — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Bindewald lvurde vom Schöffengericht in Ullrichstein zu 50 Mark Geldstrafe verurteilt, lveil er einem Beamten zu Unrecht nachgesagt hatte, dieser hätte Stimmenkauf bei der Wahl getrieben. — Ein antisemitisches Wochenblättchen soll zur Abwechslung lvieder einmal in Gießen vom l.Juli ab erscheinen. Der bisherige Bearute des Bnndcs der Landwirte Reut her wird Redakteur Inserate werden nur von „streng christlichen Geschäftsleuten" ausgenommen. — Am 21. d. M. fand die feierliche Einweihung des israelitischen Landesajhls „Milhelmsruh" in Sontheim a. N. statt^ Der Prachtball, innerlich modern eingerichtet, trägt am Hauptporta die Inschrift: „In Euren Versammlungen sollt Ihr Ihn loben und in dem Asyl der Altell sollt Ihr Ihm Lob fingen." Die Bauleitung lag in den Händen der Architekten Heim und Früh in Stuttgart. - Der außerordentliche Professor in der philosophischen Fakultät der Kaiser Wilhelms-Universität Straßburg Dr. Wilhelm Spiegelberg wurde zum ordentlichen Professor ernannt. — Fräulein Lina Gott lieb. Lehrerin an der höheren Töchterschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Frankfurt a. M., die durch ihr Eingreifen ein dreijähriges Mädchen aus Lebensgefahr gerettet, hat die Rettungsmedaille erhalten. — Oberlandesgerichtsrat Eduard Silbermann in München wurde zum stellvertretenden Mitglied der Kgl. Disziplinarkammer ernannt. — In Rotterdam ist im Alter von 67 Jahren Herr A. I. Polak gestorben, der sich durch seine grundlegenden Arbeiten über Musiktheorie in Europa einen bedeutenden Namen erworben hat. Seine Studien „Ueber Zeiteinheit in bezug auf Konsonanz, Harmonie und Tonalität" und „Ueber Tonrhythmik und Stimmenführung" sowie „Die Harmonisierung indischer, türkischer und japanischer Melodien" werden von den Musikgelehrten als Standardwerke betrachtet. Polak war ein Autodidakt von außergewöhnlichem Scharfsinn und hoher Begabung. Er war von Beruf Kaufmann und Mitinhaber eines der größten Manufakturwarengeschäfte in Holland. Der Heimgegangene war ein treuer Jude. Ehre seinem Andenken! — Der VIII. Zionistenko ngre ß findet vom 14. bis 20. August d. I. im Haag in „Het Gebonw voor Kunst en Wetenschappen" statt. — In Warschau ist am 2. d. M. im 72. Lebensjahre Herr Henryk Wohl, allgemein betrauert, gestorben. Er war einer der begeistertsten Patrioten, die für die Harmonie zwischen Polen und Juden kämpften. 1863 nach dem Ausstand, während dessen er Mitglied des Stadtausschusses war, wurde er nach Sibirien verbannt, von wo er erst 1881 wiederkehrte. An seinem Grabe sprachen die Professoren Aszkenasy und Baranowski. — Der russische Minister für Volksausklärung hat der Duma einen Gesetzentwurf zugehen lassen, der den technischen Schulen der Juden das Recht auf Abgangsatteste verleiht. — Das Gesuch der Jto, eine Konferenz der russischen Territorialisten am 27. d. M. veranstalten zu dürfen, wurde vom Minister des Innern abgelehnt. — Auf Grund der Nachricht, daß die russische „Dumakommisston für Angelegenheiten der Religionsfreiheit" beschlossen habe, der Duma ein Projekt der Abschaffung aller die Juden betreffenden Gesetzesbeschränkungen vorznlegen, ging aus Negierungskreisen der Kadettenpartei die Mitteilung, zu, daß die Aufrollung der Judensrage zur Auflösung der Duma führen könne. Trotzdem haben die Kadetten beschlossen, die Judenfrage gleich nach der Ferienwoche auf die Tagesordnung 'au bringen. — In London ist der Baronet Benjamin Louis Cohen im 63. Lebensjahre gestorben. Er war seit 1892 Mitglied des Parlaments und von 1887 bis 1900 Präsident der „llervisv Board of Guardians'4 sowie vieler anderer jüdischer Vereine. — In der englischen Armee dienen 42 jüdische Offiziere. — Oberstleutnant Fel ix Ros enberg in Cleveland wurde aus der Jahresversammlung der Osfiziersveteranen aus dem spanisch-amerikanischen Kriege in Ohio zum Präsidenten ernannt. — In bezug auf die Einwanderung von Juden in Kanada äußerte in einem Interview der Premierminister Sir Wilsrid: „Wir würden sie als Einzelpersonen willkommen heißen. Kanada ist ein großes Land und hat Raum für jeden, der arbeiten will. Kanada steht jedem offen, der ins Land zu kommen wünscht. Aber ich muß sagen, daß wir nur Landwirte, Handarbeiter und Dienstboten zur Einwanderung ermutigen. Handwerker haben keine guten Aussichten in Kanada." — Die westaustralische Negierung hat den Antrag der Jto, ihr eine Million Acres für die russischen Juden zu überlassen, abgelehnt. Wie es heißt, ist dieser Antrag nicht von der Jto in London, sondern von einem Agenten auf eigene Faust gestellt worden. — Die Juden in Buenos Aires haben sich an das französische Zentralkonsistorinm mit der Bitte gewandt, ihnen einen Rabbiner zu enlpfehlen, der die Gemeinde nach europäischem Muster organisieren könnte. Das Konsistorium hat ihnen Samu el Halphon empfohlen der seine Studien am Pariser Rabbinerseminar absolviert hat. Ihm hat auch die I. C. A. die Aussicht über den Religionsunterricht in den Kolonien übertragen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.