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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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und Radikalen, die natürlich Antisemiten sind, in lobenswerter Weise energische Stellung genommen. Aber wie auch die Wahlen ausfallen mögen, mehr als jemals fühlte man in Oesterreich den Mangel einer einheitlichen Organisation, wie die des Verbandes Deutscher Juden, die bei solchem Anlab hier noch eine ganz andere Wirksamkeit hätte entfalten können. — Am 10. v. M.- fand vor einem Senate des Berwaltungsgerichtshoses eine öffentliche Verhandlung statt. Ein gewisser Abraham Bardach in Lemberg besorgte bereits das Backen von Mazzes seit mehreren Jahrzehnten. Eines Tages nun untersagte der Magistrat der Stadt Lemberg dem Genannten das Backen von Mazzes, weil er nicht den Befähigungsnachweis.als Bäcker erbringen konnte, denn er war weder durch drei Jahre Lehrling, noch durch Zwei Jahre Gehilfe. Sämtliche dagegen ergriffenen Rekurse wurden von der k. k. Statthalterei Lemberg, wie auch vom Handelsministerium verworfen. Nun kam die Sache vor dem Verwaltungsgerichtshof. Dr. Karl Lifcis wies nach, daß das Backen von unge- -äuertem Brot eine rituelle Institution bilde, für welche die strengsten Vorschriften vorgeschrieben sind. Ebensowenig wie der Schächter den Bestimmungen der Gewerbeordnung unterliegt, kann das Backen von Mazzes der Gewerbeordnung unterworfen werden. Vielmehr unterliegen diele Verrichtungen in Gemäßheit des Artikels 15 )es Gesetzes von 1891, R.-G.-Bl. 142, den inneren Angelegenheiten?er israelitischen Religionsgesellschaft, deren selbständige Verwaltung letzterer zusteht. Auch dos Kultusstatut über die Rechtsverhältnisse ul den Kultusgemeinden begründet den Rechtsstandpunkt des Beschwerdeführers. Der Verwaltungsgerichtshos gab der Beschwerde tatt und hob den Bescheid des Magistrates Lemberg als gesetzlich unbegründet auf und erklärte, daß das Backen von Mazzes den Betimmungen der Gewerbeordnung nicht unterliege. — Ein Verband uer israelitischen Religionslehrer an den Mittelschulen Böhmens hat sich mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten gebildet, velche sich der Ausarbeitung eines einheitlichen Lehrplanes für den sraelitischen Religionsunterricht an den Mittelschulen und manchen mderen Aufgaben dieser Disziplin entgegenstellen und die Bildung als in Bedürfnis erscheinen lassen. — In der vorigen Woche starb hier in Mann, der einmal im Politischen Leben unserer Hauptstadt eine N'oße Rolle gespielt hat, nämlich der Arzt Dr. Ignatz Mandl. Er war einmal demokratischer Gemeinderat der Stadt Wien und ibte als solcher einen ungeheuren Einfluß aus. Mau kann sagen, aß er einmal der populärste Mann der Residenz war. In den etzteu zwanzig Jahren lebte er aber in vollständiger Zurückgezogen- ,eit und sah wahrscheinlich mit Bedauern die Ernte aus der Saat leranreifen, die er ausgestreut. Er war der Entdecker Luegers; er og ben jungen, strebsamen Advokaten aus dem Lager der Liberalen tt den Kreis der Demokraten; er ging mit ihm von Versammlung u Versammlung und stützte die junge Kraft durch seine Autorität lud Beliebtheit. Doch auch für die beiden Freunde kam die Stunde ^er Trennung. Dr. Lueger wurde Antisemit und bekämpfte seinen hemaligen Freund — den „ungarischen Juden" Dr. Ignatz Mandl, ^er eine stieg, der andere fiel. . . . Später soll Dr. Lueger die lussöhnung herbeigeführt haben und er stand an der Seite Mandls, äs dieser vor einigen Jahren zum römisch-katholischen Glauben >vertrat. Sic transit! * Vmr MH und ssern. — Der Charakter als Justizrat wurde verliehen den Nechtsmwälteu Dr. Julius Jacobson, Dr. Schöps, G. Pincus, bugo Levy II, Galland, Dr. E. Grelling und Dr. Silbernann in Berlin, Rathan in Görlitz, Joel in Breslau, .Uff6 in Frankfurt a. M., Blumenthal in Dortmund, Aron!l Elbing, Goldmann in Magdeburg. — Dem Privatdozenten n der medizinischen Fakultät der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin Dr. Adolf Lazarus ist das Prädikat Professor beigelegt oorden. — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von •>m. Berliner Logen U. O. B. B., hat durch seine Vermittlung im Ronat April 255 Personen in Stellung gebracht, und außerdem noch 38 Personen vorübergehende Beschäftigung itachgewiesen. — Herv Gerson Simon, Mitglied des Repräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde, ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Aus dem Nachlaß von Julius Bleichröder sind dem „Hilssverein der deutschen Juden" 10 000 Mark zur Verfügung gestellt worden. — Friedhofsschänder haben nachts wieder einmal auf dem Begräbnisplatz der jüdischen Gemeinde in Weißensee ihr ruchloses Treiben ausgeübt, lieber die Mauer drangen sie auf den Friedhos und entfernten von einer ganzen Reihe von Erbbegräbnissen gewaltsam die Metalldekorationen. Die gestohlenen Metallstücke, die einen Wert von etwa 400 Mark haben, vergruben sie aus einem nahen Acker. Die Kriminalpolizei entdeckte jedoch das Versteck und ließ das Diebesgut wieder nach dem Friedhof zurücktransportieren. — Am 9. d. Nt. ist in Berlin, wo er Heilung von seinen Leiden suchte, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Krotoschin, Herr Abraham Grünspach, im 70. Lebensjahre verschieden. Derselbe gehörte auch seit acht Jahren dem dortigen Stadtverordnetenkollegium an. — Das Reichsgericht verwarf die Revision des Rittergutsbesitzers Grafen Pückler-Klein-T schirne, der am 15. März d. I. vom Landgericht l Berlin wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Genmlttütigkeiten gegeneinander zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden war. — In Osnavrü ck feierte der Synagogenvorsteher A. Jonas das Jubiläum seiner 25 jährigen gedeihlichen Wirksamkeit unter allgemeiner Teilnahme der Gemeiudemitglieder. — Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. hat beit Beschluß gefaßt, am Neubau der Westendsynagoge an Samstageu und israelitischen Feiertagen nicht arbeiten zu lassen. Die Angelegenheit tvar bekanntlich jüngst in öffentlichen Versanrmlungen lebhaft besprochen worden. — In Regensburg verstarb die Baroneß Pa ul ine von Hirsch auf Gereuth und wurde auf dem israelitischen Friedhofe zu Würzburg begraben. — In München ist im Alter von 44 Jahren der Kaiserliche Banrat Max Jaretzki nach langen Leiden gestorben. — Zum Rabbiner in Nü rnberg wurde Herr Dr. Freu denthal-Danzig gewählt. — Wie verlautet,trägt die Regierung von Oberbayern Bedenken, der durch die städtischen Kollegien beschlossenen Ausnahmebestimmung zugunsten der am Sabbat geschlossen haltenden Geschäfte zuzustimmen, weil derzuständigeReferent die rechtliche Zulässigkeit der Bestimmung auf Grund des Wortlautes von 8 105 b bezweifelt. — Am 6. d. M. fand in Zweibrücken eine abermalige Abstimmung der Synagogenvorstände des Rabbinatsbezirkes Pirmasens-Zweibrücken über den Antrag der Kultusgemeinde Zweibrücken statt, die aus dem Nabbinatsverbande ausscheiden will. Der Antrag wurde mit acht gegen sieben Stimmen abgelehnt. — In Straßburg ist ein alterjüdischer Veteran, Max Sussmann, gestorben. Er hat den Krimkrieg und den Feldzug in Italien mitgemacht. Noch bis in seine letzten Lebenstage erfreute er sich seltener Rüstigkeit; er hat ein Alter von 83 Jahren erreicht. — Professor Dr. Alfred Stern in Zürich, der bekannte Historiker, wurde zum korrespondierenden Mitglied der Academie des Sciences morales et politiqucs in Paris erwählt. — Es verlautet, daß Fürst Schaumburg - Lippe auf seiner Veröczer Herrschaft in Kroatien 12 000 rumänische Juden ansiedeln wolle. Dieses Projekt wird in Agram entschieden mißbilligt und die Intervention der Landesregierung dagegen angerufen, welche in einem solchen Falle auf Grund des neuen Parzellierungsgesetzes dagegen Vorgehen kann. — Das Kriegsministerium hat dem Präsidenten des Zentralkonsistoriums in Paris auf eine diesbezügliche Anfrage den Bescheid erteilt, daß es in Zukunft Sache der französischen Militärpersonen sei, um Befreiung vom Dienste wegen jüdischer Feiertage bei den Behörden einzukommen. Bis jetzt war eine derartige Maßregel nicht nötig gewesen. — Bekanntlich ist nach langen Verhandlungen die Frage der Abgrenzung des französischen Gebietes in Siam friedlich gelöst worden. Das Hauptverdienst an dieser Lösung hat der Oberstleutnant Bernard, der schon 1904 als Chef der französischen Mission nach Siam geht. Grift ein Bruder des unvergeßlichen Bernard Lazare. — Wie erinnerlich, war der Senator Kusminski vor längerer Zeit nach Odessa gesandt worden, um dort eineJlntersuchung wegen der Judenmetzelei in Odessa vorzunehmen. Es wurden auch eine ganze Anzahl Personetr vernommen, deren Teilnahme an den Metzeleien erwiesen war und man erwartete allgentein in der Bevölkerung deren Prozeß und

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