Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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MWNWWW^WWWWM? München, 27. April. Wie wir schon berichtet, Hot dos | Gemeindekollegium kürzlich die Frage der Einführung der vollständigen Sonntagsruhe beraten, hierbei kam die Petition von sechzehn jüdischen Firmen zur Besprechung, die um die Erlaubnis baten, ihre Angestellten hinter verschlossenen Türen beschästigen zu dürfen.. Die liberalen und demokratischen Bevollmächtigten waren dafür und so wurde das Gesuch der jüdischen Firmen den: Magistrat empfehlend überwiesen. Dieser hat in seiner Sitzung vom 19. d. M. auf Antrag des jüdischen Magistratsrats Lebrecht mit allen gegen acht Stimmen die vollständige Sonntagsruhe akzeptiert; ebenso hat er den Antrag angenommen, daß diejenigen.jüdischen Firmen, die am Sonnabend geschlossen haben, ihre jüdischen Angestellten an Sonn- und Festtagen von 10 bis 12 Uhr im Bureau beschäftigen dürfen. Es ist interessant, daß dieser Antrag mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen wurde. Der Bürgermeister Dr. v. Borscht bemerkte in seiner Rede, es sei eine große Härte, den glaubenstreueu Juden zuznmuten, in einer Woche zwei oder manchmal gleich vier Tage ihre Geschäfte geschlossen zu halten, während der Sozialdemokrat erklärte, er halte die Ausnahme für die jüdischen Firmen nicht für berechtigt, denn die Juden müßten sich eben auch nach der Mehrheit richten. Sehr amüsant ist es, daß die sogenannten liberalen „Münchener Neuesten Nachrichten" in diesem Punkte mit den von ihnen so bitter gehaßten Sozialdemokraten zuiammengehen. Sie lehnen eine Ausnahme zugunsten der jüdischen Orthodoxie mit folgender Begründung ab: „In Norddeutschland hat die israelitische Kultusgemeinde an vielen Orten für jene Israeliten, die am Sonnabend keine Zeit haben, einen eigenen Gottesdienst eingeführt, der sehr fleißig besucht wird — dort passM^sich-eben die verschwindenden Ausnahmen der Mehrheit an." Man sieht, mit welcher durch keine Sachkenntnis getrübten Objektivität über jüdische Verhältnisse heutzutage auch in liberalen Blättern geschrieben wird. a. Freiburg in Baden, im April. Der Verein zur Förderung de-s Hundwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogtums Baden, Abteilung Freiburg» hat in diesem Jahre den Verlust seines ersten Vorsitzenden und langjährigen Leiters Dr. Daniel Mayer zu verzeichnen. Nach dessen Ableben übernahm der bisherige stellvertretende Vorsitzende Hauptlehrer A. Heidingsfeld vorläufig dessen Amt. Die fünf Lehrlinge, die in dem Lehrlingsheim zu Karlsruhe untergebracht sind, berechtigen zu den besten Erwartungen. Zwei von den russischen Pogromwaisen übernahm der Verein aus seine Kosten in Obhut und Pflege. Eine Enquete über das Schicksal der früheren Lehrlinge hatte ein gutes Resultat. 44 arbeiteten mit gutem, teilweise ausgezeichnetem Erfolge als Meister oder Gesellen in ihrem erlernten Handwerk; nur zehn mußten den Beruf verlassen, teilweise wegen Krankheit, teilweise lvegen Familienverhältnisse und nur sechs wegen Unfähigkeit? Nahej zu 70 Prozent der ehemaligen Pfleglinge sind also dem Handwerk mit gutem' Erfolg treu geblieben. Die Einnahmen des Vereins betrugen 581-8,90 Mark, die Ausgaben 5782,75 Mark, das Vermögen 16 620,40 Mark. Der Verein hat innerhalb seines Wirkungskreises in 24 Gemeinden 254 Mitglieder- Gesterretch-Angsrn. ZSk Wien, 29. April. Bürgermeister Dr. Lueger kehrte Ende der vorigen Woche aus Lovrana nach Wien zurück, wiewohl die Aerzte dem Schwerkranken entschieden widerraten haben, sich den Aufregungen des bevorstehenden Wahlkampfes auszusetzen. Die wenigen Wochen der Abwesenheit Luegers haben genügt, um die Disziplin der christlichsozialen Partei völlig zu lockern uno die direkt gegen ihn gerichteten Unterströmungen des erzklerikalen Flügels zu fördern. Die Uneinigkeit kommt am schärfsten dadurch zum Ausdruck, daß in einzelnen Bezirken christlichsoziale Gemeinderäte und Genossenschafter gegeneinander für den Reichsrat kandidieren. Dazu kommt noch, daß der Stadtrat^Beschlüsse gefaßt hat, von denen man weiß, daß sie den Absichten und Plänen des Bürgermeisters zuwiderlaufen. Dr-. Lueger, der offenbar den Ernst seines Zustandes nicht kennt, fürchtet mit Recht um seine Autorität und kehrt deshalb eiligst zurück. — Die Witwe des im Vorjahre dahingeschiedenen bekannten und angesehenen Industriellen Ph ilipp_ Thorffch, Frau Ernestine Thorsch in Wien, hat den Betrag von 600 000 Kronen zur Errichtung einer Stiftung für 40 Betten im israelitischen Versorgnngshause gewidmet. Die Nachricht von diesem Wohltätigkeitsakt wurde von der israelitischen Knltnsrepräsentanz mit lebhafter Genugtuung aufgenommen. Nach dem Tode Philipp Thorsch', der in seinem Testament den Betrag von mehr als 840 000 Kronen zu wohltätigen Zwecken bestimmt und schon im Jahre 1898 anonym zwei Stiftungen im Betrage von zusammen 400 000 Kronen je zur Hälfte für israelitische und christliche Waisenkinder errichtet hatte, setzt dessen Witwe, den Intentionen des Verstorbenen folgend, dessen humanitäre Akte mit inniger Pietät fort. — Die konfessionelle Gesetzvorlage in Ungarn wird auch auf die Verhältnisse der Juden einen großen Einfluß haben. Inzwischen dürfte noch viel Wasser die Donau abwärts fließen, ehe die Vorlage zum Gesetz wird — und zur Ausführung gelangt. — In Budapest herrscht gegenwärtig wieder einmal eine gewisse Aufregung. Dr. E. Adler, Oberrabbiner in Altofen, ist zum Rabbiner der Gemeinde. speziell der orthodoxen Synagoge in der Nombachgasse, gewählt worden. Und das macht in gewissen Kreisen böses Blut. Von Kah und Lern. — Am 28. d. M. feierte der Rentner Louis Cohn, hier, seinen 90. Geburtstag. Herr Cohn ist einer der Mitbegründer der Berliner Herrenkonfektion en gros. Er gehörte im Jahre 1848 der Bürgerwehr an, als deren Mitglied er in „dem tollen Jahre" auch vor den Gemächern der Königin Elisabeth, der Gemahlin Friedrich Wilhelms IV. Wache zu stehen hatte. — Im Jahre 1905 fanden hier 624 oder 2,80 v. H. jüdische Ehen statt. — Graf Pückler -Klein-Ts chirne hat die gegen den Redakteur der „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus", Curt Bürger, und den Schriftsteller EmilBrandt wegen eines in den „Mitteilungen" veröffentlichten Feuilletons des letzteren, das den „Festungsgefangenen" Pückler in Weichselmünde schilderte, vor zwei Jahren erhobene Beleidigungsklage zurückgezogen- — Der Bankdirektor Naphtali Hamburger in Posen ist zum Kommerzienrat ernannt worden. — Anr 27. d. Nt. feierte der allgemein geschätzte Prokurist des Bankhauses Ephraim Meyer & Sohn in Hannover, Herr Julius Frensdorfs, den Tag, an dem er vor 40 Jahren in den Dienst dieses Hauses getreten ist. — Herr A. M a nsbacher in Dortmund ist zum Obermeister der Maler¬ und Anstreicher-Innung gewählt worden. Herr M. wurde auch zürn Vorsitzenden des Gesellenprüfungs-Ausschusses für das Ntaler- und Anstreichergewerbe für den Stadt- und Landkreis Dortmund von der Handwerkskammer ernannt. — Dem k. k. österreichisch-ungarischen Generalkonsul Maximilian Benedict von Goldschmidt-Noth schild in Frankfurt a. M., Besitzer des Fideikommisses Wroniawy im Kreise Bomst, wurde die freiherrliche Würde verliehen. — Auf dem israelitischen Friedhof Maurs Münster sind in einer der letzten Nächte 10 Grabsteine teils umgerissen, teils abgebrochen worden. Marmorplatten mit Inschriften wurden zerschlagen, und an vielen Platten wurden die messingnen Rosetten mit Gewalt herausgerissen und entwendet. Die israelitische Gemeinde hat eine Belohnung für denjenigen ausgesetzt, welcher die Täter zur Anzeige bringt. — Anr 14. d. M. gelangte im Stadttheater zu Nürnberg die Oper „Sulamith" von Sandro Blumenthal zur Uraufführung. Der Komponist ist ein in München lebender Italiener. — Auf dem alten israelitischen Friedhof bei der Synagoge in Breisach wurden 50 Grabsteine umgeworfen. Vor drei Jahren ist eine ähnliche Tat ausgeführt worden und konnte man damals trotz der ausgeschriebenen Belohnung der Täter nicht habhaft werden. Auch dieses Mal fehlt jede Spur. — Dr. S. Diamant in Hook von Holland wurde in Anerkennung seiner Verdienste, die er bei der hingebenden ärztlichen Behandlung der Ueberlebenden des gescheiterten Dampfers „Berlin" erworben hat, das Ritterkreuz des Orange-Nassau-Ordens verliehen. — In der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Inschriften (19. April) hielt Salomon Reinach einen Nachruf auf das verstorbene auswärtige, korrespondierende Mitglied, den Orientalisten Professor Adolf Neubauer, der der Akademie seit 1889 angehört hat. — Das russische Ministerium des Innern bekam die Nachricht, daß die jüdische Jugend insolge der stark zirkulierenden Gerüchte über Judenpogrome während der russischen Osterfeiertage eine ganze Reihe von Selbstjchutzorganisationen zu begründen beabsichtige. Das Ministerium hat deshalb die lokalen Behörden angewiesen, alle