Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 17 Berlin, 26. April 1907. eitung desAudentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel ider Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstkllen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Re dakteur: Gustav Räppeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags- Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Ser jüdische Lehrer. OB erlin, 23. April, on sachkundiger Seite gehen uns die nachfolgendeii Auseinandersetzungen über die augenblickliche Lage des j dischen Lehrerstandes zu, die wir für wichtig genug halten i ii sie zur öffentlichen Debatte zu stellen. Es unterliegt keinem weifel, das; hier Mißstände obwalten, an deren Beseitigung 1. r alle ein vitales Interesse haben: Vor einigen Jahren wurde auf Veranlassung des Verbandsrstandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche in eine^. u aßen Anzahl von Versammlungen jüdischer Lehrer über das Thema ^or- und Fortbildung des jüdischen Lehrers" diskutiert. Der Verndsvorstand selbst prüfte die gemachten Vorschläge, tonnte aber in > oser für das Judentum so wichtigen Angelegenheit bis jetzt sehr . nig tun. Die jüdischen Lehrerbildungsanstalten, die im Gegensatz den christlichen staatlichen Seminarien für den Bedarf an Lehrern; etwas zu ausreichendem Maße sorgen, bestehen alle weiter — izelne allerdings vegetieren bloß — und befördern weiter eine l berproduktion an jüdischen Volksschullehrern. Und dieser Uebel- ' ild ist um so größer, als schon seit Dezennien die Idee des christl Heu Staates nirgends in so schroffer Weise zum Ausdruck kommt e auf dem Gebiete der Volksschule, so daß der jüdische Lehrer; genwärtig mehr denn je ans den Aussterbeetat gesetzt ist. Den sehr ' rnünstigen Vorschlag, der das Nebel ein klein wenig lindern könnte,! imlich die vier jüdischen Seminarien in Preußen zu zweien, einem f r die strenggläubige und einem für die freiere Richtung, zusammen- . chmelzen, kann man vorderhand nicht verwirklichen. So schön die X eiheit und Unabhängigkeit vom Staate in religiösen Dingen vielen n ^erer Glaubensgenossen erscheint, so bedauerlich ist es gerade in - cksicht ans die Lehrerfrage, daß die Zentralisationsbestrebungen bis i t immer noch keinen Erfolg hatten. Eine der ersten Taten der l fftigen Zentralstelle für jüdische Angelegenheiten in Preußen würde u ohne Zweifel die Regelung der Lehrer- und Lehrerbildungsn ge sein. Der Staat hält allem Anscheine nach den jüdischen Volksschullverstand augenblicklich für gar nicht existenzberechtigt. Denn obe. ich in den kleinen Orten, besonders im Osten, die jüdischen Volksi ulen wegen Schülermangels immer mehr und mehr eingehen, t tft niemand daran, dafür in den größeren Städten, in denen doch l ufig eine große Anzahl jüdischer Volksschüler vorhanden ist, ent- Ü > echend dem in dem letzten Schulunterhaltungsgeseh ausgesprochenen Uürizip der konfessionellen Schule, auch öffentliche jüdische Schulen gründen. Und es ist vom liberalen Standpunkte aus vielleicht ü uz gut so. Die Zukunft gehört sicher der Simultan schule, an der " erdirigs gemäß der jüdischen Schülerzahl einst auch jüdische l^hrer wieder angestellt werden müssen. Während der gegenwärtigen, l) 'sentlich bald vorübergehenden trüben Zeit der stärkeren Betonung Konsessionalismus aber sollte man von jüdischer Seite aus dem!i; schwer heimgesnchten jüdischen Lehrerstand nach Kräften beistehen u d über die augenblicklichen Miftren hinweghclsen, und zwar nicht etwa durch Almosen, sondern durch eine intensive Beschäftigung im Religionsunterricht, auch in den Großstädten. Was geschieht aber statt dessen? Der jüdische Lehrer, der außer dem Rabbiner der einzige ist, der ans Grund einer Prüfung in den Religionswissenschaften das Recht hat, Religionsunterricht zu erteilen, wird auch von diesem ihm fast allein übrig gebliebenen Betätigungsgebiete zncückgedrängt. Da wird besonders in den Großstädten nicht nur von Philologen und Naturwissenschaftlern, die doch für die Erteilung des Religionsunterrichtes keine Fakultas haben und eine solche auch gar nicht erstreben, sondern sogar schon von Kandidaten des höheren Schulamts jüdischer Religionsunterricht erteilt, obwohl das Hauptinteresse aller dieser Herren auf ganz anderen Gebieten liegt; es unterrichten ferner Lehrerinnen, für die bis vor kurzem die Ausbildungsmöglichkeit zu Religionslehrerinnen gleichfalls nicht vorhanden war, die häufig nicht einmal hebräisch lesen können, Rabbinatskandidaten, gegen die vielleicht am wenigsten auszusetzen wäre, wenn es ihnen nicht an der pädagogischen Ausbildung mangelte. Alle diese Personen werden mit der Erteilung des jüdischen Religionsunterrichtes betraut, während jedoch dem seminaristisch gebildeten Lehrer, selbst wenn er Mittelschullehrer und pro reetoratu geprüft ist, am liebsten die Fähigkeit abgesprochen werden möchte, den Religionsunterricht in den unteren und mittleren Klassen höherer Lehranstalten zu erteilen. Sechs Jahre lang hat sich der jüdische Lehraspirant mit den verschiedenen Disziplinen des Religionsunterrichts beschäftigt; es wurde ihm nach einer Abschlußprüfnng in einem besonderen Zeugnisse die Befähigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes ausgesprochen, und trotzdem soll er nicht geeignet sein, auf seinem Spezialgebiet auch in höheren Schulen tätig zu sein, an denselben Schulen, an denen hin und wieder noch seminaristisch gebildete Lehrer, natürlich keine jüdischen, in den verschiedensten Fächern unterrichten, von den Fachlehrern, wie Zeichen- und Turnlehrern, ganz zu schweigen. Den maßgebenden Faktoren ans dem Gebiete ist es aber mit dem Zurückdrängen des Religionslehrers aus seiner nreigensten Domäne noch nicht genug. Sie wollen den auch von ihnen niedergedrückten Stand —! heben. Daß Kurse für Oberlehrer und Lehrerinnerl, in denen sich diese die ihnen oft gänzlich fehlenden Kenntnisse aneignen können, notwendig sind, wird kein Vernünftiger bestreiten. Wir sind unparteiisch genug, zuzugeben, daß es für den Religionsunterricht ein hoher Gewinn wäre, wenn er von einem ordentlichen Lehrer der betreffenden Schule, also in einem Ghmnastum von einem jüdischen Oberlehrer erteilt werden könnte. Was will man aber von dem seminaristisch gebildeten Religionslehrer? Er soll sich, wenn er an einer höheren Lehranstalt unterrichten will, einer Art Mittelschullehrerprüfung in den Religionswissenschaften unterziehen, obwohl alle Einsichtigen ans den verschiedensten Gebieten und in den verschiedensten Berufen daran arbeiten, das in Preußen-Deutschland so grassierende leidige Prüsungswesen zu vereinfachen, wenn möglich ganz zu beseitigen. Denn es hat sich herausgestellt, daß das Prüfungsunwesen meist ein Krebsschaden für den Stand ist, der damit behaftet ist. Und da kommen Herren, die den zweifelhaften Wert gewisjerPrüsimgen kennen und verlangen für denkranken Neligions-