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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-04-05 · Heft 14 (5.4.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 14 (5.4.1907)
Date
1907-04-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 14. Allgemeine Berlin, 5. April 1907. eitung desWdmtums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsst-llen) bezogen vierteljährl. 3 M. «edaktenr: Gustav ^Narxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipxson. Verlggs-LrpvMoL: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des gudentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Kodjrlwiws?rw. Berlin. 2. April, Der frühereQberprokurator des Heiligen Synod in Rußland. Pobjedonoszew hat volle fünfundzwanzig Jahre hini urch die Geschicke des Zarenreichs beeinflußt. Seine Herrschaft mr zu Ende, als der erste Lichtstrahl einer neuen Aera in tnßland aufblitzte und den Mann traf, der nur die Finsternis, i ie dickste, schwärzeste Finsternis verstehen und ertragen konnte.!nd nun ist der Mann, der das Leben von mehr als hundert Millionen Menschen vergiftet. Unzählige gemartert, aus ihrer '»eimat verjagt und wieder Unzählige in den Tod getrieben ber gar zu Mördern gemacht hat, im Alter von achtzig ähren gestorben. Wir hätten ihm gern gegönnt, daß er och länger gelebt hätte, damit er noch mit eigenen Augen ' he. wie sein fast ein halbes Jahrhundert mit unheimlichem iier und mit nur zu fürchterlichem Erfolge betriebenes benswerk ganz zerschellt und ein großes Volk aufatmet, il sein böser Geist aus dem russischen Staatskörper den achtbarsten Beschwörungsformeln, denen der Dolche. Revolver > id Bomben, hat weichen müssen. Man hat Pobjedonoszew den zweiten Torquemada genannt, tan hat dem spanischen Großinquisitor schweres Unrecht getan, enn dieser war schließlich nur ein Kind seiner Zeit, des nsteren Mittelalters, und er operierte mit den Mitteln seiner eit, im Geiste seiner Zeit. Der spanische Großinquisitor hat > ele Tausende von Juden foltern, töten lassen und in die ' erbannung getrieben. Pobjedonoszew hat Zehntausende von uden Pogrome erleiden lassen und Hunderttausende zu einem - ralvollen Leben und zum Exil verdammt. Man hat ferner objedonoszew den russischen Stöcker genannt. Aber man hat 'in deutschen Ex-Hofprediger auch Unrecht getan. Wir haben * ährlich keine Ursache, eine Lanze für den Vater des inodernen ntisemitismus einzulegen. Aber bis zur finsteren Tiefe eines objedonoszew ist er ebenso wenig hinabgestiegen, wie er die öhe seiner finsteren Macht jemals erreicht hat, in Deutschland ilerdings auch niemals hätte erreichen können. Man rühmt die umfassende Gelehrsamkeit, das gewaltige önnen des Verstorbenen. Aber das sind in unseren Augen .rade erschwerende Umstände. Die außerordentliche Gelehr- ' unkeit hätte ihn abhalten müssen, so gegen den heiligen Geist i'r Wissenschaft, der Menschheit und Menschlichkeit zu ' indigen, wie er getan. Er hat sein Wissen, seinen ' »rch die Wissenschaft geschulten Geist auf das furchtarste mißbraucht zur Unterdrückung der Wissenschaft und!»r Knebelung aller ihrer Jünger, ja zu deren Verderben, in ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, lautet eine Lehre der Religion, deren „Oberpriester" der Verstorbene, ohne Theologe zu sein, länger als ein Vierteljahrhundert gewesen ist. Nun, wann und wo in der ganzen Welt hat es jemals so viele Studenten gegeben, die. einerseits um das Joch abzuschütteln, zu Meuchelmördern geworden sind, andererseits als niedrige Streber sich mit Rowdies und Hooligans zu Raubzügen, Vergewaltigungen schwacher Frauen, zu Verstümmlungen wehrloser Greise und Kinder, zur Ermordung friedlicher Bürger vereinigt haben, als in dem Lande, in welchem Pobjedonoszew so viele Jahre an der Spitze des Unterrichtswesens gestanden hat? Man kann zur Not verstehen, wie herzlose Bureaukraten, die ihre Macht bedroht fühlen. Pogroms veranstalten, wie rumänische Bojaren, die für ihre Herrschaft und ihren Besitz fürchten, zu dem Auskunftsmittel der Judeuh'etzen greifen, aber unverständlich ist es, wie ein hochgebildeter, ein gelehrter Manu, ein Jurist, der oberste Leiter des Bildungswesens, das Haupt der Kirche, auf ein solches Regierungssystem verfallen und mit der denkbar größten Rücksichtslosigkeit durchführen kann. So sehr steht das System des russischen Oberprokurators des Heiligen Synod mit der Religion selbst, mit allem, was heilig ist, in Widerspruch, daß allen Ernstes angedeutet und geglaubt worden ist, der Oberprokurator des Heiligen Synod. der Mann, der an der Spitze der Kirche in Rußland stand, habe überhaupt an keinen Gott geglaubt. Seine Kirchenwie seine Staatsweisheit war sein eigenes Hirngespinst und hatte mit Religion, mit den Menschen absolut nichts zu tun. Er hat einen Staat konstruieren wollen nach seinen ureigenen Ideen, ohne jede Rücksicht auf das Denken und Fühlen der diesen Staat bildenden Menschen; er hat die huudertundvierzig Millionen Untertanen des Zaren ohne Rücksicht auf deren Nationalität. Religion, Empfindungen, Wünsche und Bedürfnisse in das von ihm hergestellte, nur allzu kurze und enge Prokrustesbett hineinzwängen wollen und hat es auch getan, nicht Dank der eigenen geistigen Größe, nicht durch die überzeugende Gewalt seines Systems, sondern Dank einiger zufälliger Umstände. Es war ein unglücklicher Zufall, daß Alexander II. gerade ihn zum Erzieher seiner Kinder gemacht hat. Es war der größte Fehler, den Alexander II. je begangen, ein viel größerer selbst als' der. den er beging, als er launenhaft die Unterzeichnung des Ukases, der Rußland eine Konstitution geben sollte, von Tag zu Tag verschob. Denn dieser letztere Fehler hatte nur seine eigene Ermordung zur Folge, die Erziehung seiner Kinder durch Pobjedonoszew hingegen hatte viel schlimmere Folgen. Pobjedonoszew war der Mann der unbedingten Autorität in Staat und Kirche, und kein Mann hat in dem Maße wie er die

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