Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1907)
- Date
- 1907-03-29
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 1.90? würbe 11. a. auch als letzte Rate 1000 Mark eingestellt für /die im Jahre 1902 beschlossene jüdische Gemeindebibliothek, serner Beiträge zum Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, zur Gesellschaft zur Erforschung jüdischerKunstdenkmäler und zur Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Die Friedhofskasse brachte im Jahre 1905 einen Reinertrag von 4228 Mark, dagegen sind an Schenkungen im abgelaufenen Jahre nur 250 Mark eingegangen. So sehr man interkonfessionelle Hinterlassenschaften und Schenkungen begrüßen muß, so sollte man doch speziell jüdische Einrichtungen etwas mehr bedenken. Zwei ihrer verstorbenen Gemeindemitglieder, die Herren Julius Ettlinger und Leopold Mayer, ehrte die Gemeinde, indem sie dieselben auf ihre Kosten beerdigen ließ. Die Zahl der Juden in unserer Stadt betrug nach der Volkszählung am 1. Dezember 1905 5998. Gesterreich-Ungarn. Wien, 25. März. Daß es auch jüdische Tschechen gibt, weiß man eigentlich in Deutschland kaum. Der kürzlich verstorbene Großkaufmann ^Gottlieb Bondh in Prag war der namhafteste Vertreter dieser Richtung in Böhmen. Und der idealste dazu. Er spielte im kaufmännischen und politischen Leben Prags eine hervorragende Rolle und war zumal als tatkräftigster Förderer aller humanen Interessen eine allgemein beliebte und verehrte Persönlichkeit. Sein edles Herz war geradezu sprichwörtlich. Im Jahre 1859 übernahm er nach seinem Vater ein Eisen en ^ros-Geschäft, das er durch seine kaufmännischen Kenntnisse und Fähigkeiten auf ein imponierendes Niveau zu heben verstand und das er bis zum letzten Augenblicke leitete. Im Jahre 1863 wurde Bondh in das ^Stadtverordnetenkollegium gewählt, dem er 20 Jahre lang angehörte, 1877 erfolgte seine Wahl in die Prager Handels- und Gewerbekammer. Als die tschechische Partei in der Kammer die Majorität erlangte, wurde Bondy zum ersten tschechischen Kammerpräsidenten gewählt. Der Verblichene gehörte auch als Delegierter der Kammer dem Landes- und Staatseisenbahnrate an. In dieser Eigenschaft hat er sich große Verdienste erworben. Bondy war auch Gründer des böhmischen Kunstgewerbe-Museums, dem er sehr wertvolle Schenkungen machte. Im Jahre 1883 wurde er in den Landtag gewählt, wo er der alttschechischen Partei angehörte. And nun fragen Sie die tschechischen Antisemiten, was sie über die Juden denken? Aber Gottlieb Bondy war auch ein eifriger Vertreter jüdischer Interessen. Es ist schon erwähnt worden, daß er vor etwa Jahresfrist den ersten Band eines großangelegten Werkes über die Geschichte der böhmischen Juden veröffentlichte, der allenthalben Aufsehen erregte und für den er auch große materielle Opfer gebracht hat. — In Mährisch- Schönberg ist Dr. Rosenmann aus Andrichau zum Rabbiner gewählt worden. — Das Unterrichtsministerium hat die Ausführung des Beschlusses des Czernowitzer akademischen Senats, wonach auch den jüdischen Studenten in einer Nationalitätenklausel ein Bekenntnis ihrer Nationalität ermöglicht wird, sistiert. Die Regelung der Angelegenheit soll nach dem Ministerialerlaß an allen Hochschulen einheitlich erfolgen. Die Wiener jüdische Studentenschaft hat eine umfassende Aktion eingeleitet, die der Durchsetzung ihrer Forderungen dienen soll. Eine Deputation von Vertretern aller Hochschulen wird dem Unterrichtsminister ein ausführlich begründetes Memorandum überreichen. — Die Handelskammer in Krakau hat den Oberbaurät Save daselbst einstimmig in den galizischen Landtag gewählt. Von Kah und jfrrn. Das goldene Doktorjubiläum feierte am 23. d. M. der Geheime Medizinalrat Professor Dr. Hermann Senator, ordentlicher Honorarprofessor an der Berliner Universität, in rüstiger Frische. Als Arzt, als Lehrer und als Forscher steht Senator auf gleicher Höhe, auf einer Höhe, zu der er nur durch eigene Kraft und Tüchtigkeit emporgestiegen ist. Der Jubilar erhielt den Kronenorden II. Klasse. — Am 19. d. M. ist hier Professor Dr. Ottomar Rosenbach im 56. Lebensjahre gestorben. Er war ein bedeutender medizinischer Gelehrter und Arzt, dessen Schriften in Fachkreisen großes Ansehen genießen. Rosenbach wurde 1878 Privatdozent in Breslau, 1887 erhielt er die Leitung der inneren Abteilung des Allerheiligenhospitals, die er 1893 niederlegte. 1888 wurde er außerordentlicher Professor, 1896 legte er sein Lehramt nieder und siedelte nach Berlin über, wo er ein beliebter'Konsiliarius wurde, hauptsächlich aber seinen wisienschastlichen Arbeiten lebte. — Der Kommerzienrat Jul. Martin Friedländer ist zum Geh. Kommerzienrat ernannt worden. — In den Tagen vom 18. bis 23. d. M. fand in Seesen an der Jacobson Schule (berechtigte Realschule und Realprogymnasium) die Reife Prüfung unter dem Vorsitz des Herzoglichen Kommissars Herrn Professor Dr. Fricke aus Braunschweig statt. 38 Schüler der beiden ersten Klassen haben dieselbe mit Erfolg bestanden. — In Chemnitz ist Dr. Hugo Fuchs von der Lehranstalt für die Wissenschast des Judentums zum Rabbiner gewählt worden. — Die anti semitische „Deutsche Reform" in Dresden, das bisherige offizielle Organ der Reformpartei in Sachsen, geht nach dem „Leipziger Tageblatt" am 1. April d. I. in andere Hände über, nachdem alle Sanierungsversuche und alle Bemühungen, das Blatt der Partei zu erhalten, gescheitert sind. — Der Landrichter Dr. Max Hinrichsen in Hamburg ist zum Landgerichtsdirektor ernannt worden. — Es ist sehr interessant zu erfahren, daß auch bereits die Bachurim der ungarischen und galizischen Jeschibot das moderne Bedürfnis nach einer Organisation fühlen. Sie geben sogar eine diesen Be strebungen dienende Monatsschrift unter dem Titel „Haschachar" heraus. Für den zweiten Tag Chol-Hamoed Pessach hat das Organisationskomitee eine allgemeine Konferenz der Talmudjünger nach Rzeszow einberufen. — Auch in Ungarn regt es sich unter den Jeschiba-Bachurim. Diese geben unter dem Namen „Nit'e Bachurim" eine Halbmonatsschrift heraus, in der die Mißstände in den Jeschiwoth eingehend besprochen werden und einer Reorganisation derselben das Wort geredet wird. — Der jüdische Reformverein „Union liberale“ in Paris hat sich an das Konsistorium mit der Bitte gewandt, ihm für einen Sonntagsgottesdienst in französischer Sprache eine der großen Synagogen zu überlassen. Das Gesuch wurde aber einstimmig abgelehnt. — In Russisch-Polen wird ein Memorandum ausgearbeitet, das dem Abgeordneten W. M. Hessen überreicht werden soll. Er wird darin ersucht, die Vertretung der Interessen der polnischen Juden in der Duma zu übernehmen. Deren Hauptforderungen sind folgende: 1. Die Juden erklären die Autonomie Polens für durchaus notwendig, aber im Falle ihrer Realisierung verlangen sie die Gewährung der Rechte einer Minderheit. 2. Wenn die Duma die Frage der Normalruhe behandeln wird, darf nicht vergessen werden, daß die Juden nicht gezwungen werden können, zwei Tage wöchentlich zu feiern oder den Sabbat zu entweihen. 3. Wenn im Königreiche Polen die polnische Schule eingeführt werden wird, sollen die Juden das Recht und die Möglichkeit haben, ihre Kinder in jüdischen Schulen zu erziehen. — In Warschau ist man mit der Gründung einös „Verbandes der jüdischen Kultur" beschäftigt, der die Aufgabe haben soll, jüdische Elementar- und Mittelschulen in Polen und Litauen zu errichten. — In Kiew ist einer der angesehensten Männer der Gemeinde, der Zuckerfabrikant Johann Saitzeff, der sich durch seine Wohltätigkeit und Förderung aller religiösen Interessen ein bleibendes Andenken gesichert hat, nach längerem Leiden verschieden. Durch testamentarische Verfügung hat derselbe eine Million Mark für Wohltätigkeitszwecke bestimmt. — In russischen Regierungskreisen bekundet man großes Interesse für die in Rumänien ausgebrochene antisemitische Agrarbewegung. Der Minister des Innern schrieb dem Gouverneur von Bessarabien vor, alle Vorsichtsmaßregeln zu treffen, damit die Bewegung nicht nach Rußland herüberschlage. Der Gouverneur sa ndte eine beruhigende Antwort. Das ist verdächtig! — In jüdisch-wissenschaftlichen Kreisen der Niederlande geht man mit dem Plane um, einen „Verein für Statistik und Demographie der Juden in Holland" zu gründen. — In England beabsichtigt man wieder einen Verband der Rabbiner und Kultusbeamten zu schaffen. — Der jüngst verstorbene Millionär Daniel Osiris in Paris hat 100 000 Franken zum Bau einer neuen Synagoge in Tunis und 50 000 Franken für eine solche in Lausanne hinterlassen. — Die türkische Regierung hat die vielumstrittene Wahl des Chacham Baschi von Jerusalem annulliert, und demgemäß hat der Großrabbiner von Konstantinopel den Rabbiner E. M. Panisel zum Chacham Baschi von Jerusalem ernannt.