Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228755--63355-3297242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

S. Hohensalza, 3. März. Ein Legat von 6000 Mark hat der jüngst in Berlin verstorbene Rentier Moritz Salomonsohn in treuer Anhänglichkeit an seine Vaterstadt der hiesigen Synagogengemeinde vermacht, mit der Bestimmung, daß die Zinsen alljährlich zu wohltätigen Zwecken verwendet werden; ferner hat der hiesigen jüdischen Gemeinde der in Kassel vor einigen Wochen verstorbene Herr Dr. Samuelsohn, der hier das Gymnasium besuchte, ein Legat in Höhe von 1500 Mark zu mildtätigen Zwecken vermacht. Auch in unserer Stadt wurde in einer kürzlich abgehaltenen Versammlung von Gemeindemitgliedern der hiesigen Synagogengemeinde die Gründung einer Ortsgruppe des Zentral Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beschlossen. In den Vorstand wurden gewählt die Herren Sanitätsrat Dr. Warschauer znm Vorsitzenden, Dr. Berget, stellv. Vorsitzender, Schriftführer Direktor Herzseld, 2.SchriftsührerZahnarzt Ignatz Schwersenz und Schatzmeister Kaufmann Isaak Spiro. In der kürzlich abgehaltenen gemeinschaftlichen Sitzung der vereinigten Gemeindekörperschaften der hiesigen Synagogengemeinde wurde beschlossen, zum Neubau der hiesigen Synagoge in der 'Provinzialhilfskasse in Posen zu mäßigem Zinsfuß ein Baudarlehen im Betrage von 170 000 Mark aufzunehmen. Hannover, 4. Februar. Die Frage: Müssen jüdische Kinder in der jüdischen Religion unterrich tet' werden? die kürzlich vom hiesigen Schöffengericht bekanntlich verneint ist, wurde dieser Tage vom hiesigen Landgericht bejaht. Sie wird nun zur Entscheidung vor das höchste Gericht gebracht werden, und wenn sie auch dort bejaht wird, null man die Verneinung im Wege der Gesetzgebung herbeizuführen suchen. Bankier St. in Hannover wird beschuldigt, sich der Uebertretung des § 125 des Hannoverschen Polizeistrafgesetzes in Verbindung mit den §§ 1, 2, 3 der Hannoverschen Schulordnung für die jüdischen Schulen vom 5. März 1854 dadurch schuldig gemacht zu haben, daß er seinen Sohn seit Beginn der Schulpflicht den jüdischen Religionsunterricht hat versäumen lassen. St. läßt ihn auf dem dortigen Lyzeum in allen Fächern, auch in der christlichen Religion, unterrichten. Das Landgericht Hannover, das zum Ausdruck brachte, daß die Rechtslage im vorliegenden Fall eine äußerst schwierige sei, gelangte zu der Feststellung, daß die alten Gesetze noch uneingeschränkt in Kraft und nicht durch neuere Gesetze aufgehoben seien. Es erachtete den Angeklagten der Uebertretung im Sinne der Anklage für schuldig und verurteilte ihn zu zwei Mark Geldstrafe. — Waldshttt, 3. Mürz. Gegen den Redakteur der ultramontanen „Neuen Waldshuter Zeitung" ist laut „Konst. Ztg." seitens der Staatsanwaltschaft eine Untersuchung wegen Beleidigung der israel itischen Geschäftsleute eingeleitet worden. Das fromme Zentrumsblatt wirst den „jüdischen" Geschäftsleuten unreelles Geschäftsgebahren vor, indem es behauptet, sie kaufen die fehlerhaften Waren von den Fabrikanten zusammen und beim Verkauf komme das kaufende Publikum in Maß und Qualität zu kurz. Man kann aus dem Artikel die Aufforderung herauslesen, bei dieser „Sorte Leute" in den jüdischen Geschäftshäusern nichts zu kaufen. - — Frankfurt a. M., 1. März. Gestern starb hier der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Adolf Sabor. Am 26. September 1841 geboren, hat er ein Alter von 65 Jahren erreicht. Er stndierte in Breslau und Berlin Philosophie, Sprachen und Staatswissenschaft und war lange im In- und Auslande als Hauslehrer tätig. An der israelitischen Realschule in Frankfurt a. M. legte er das Probejahr ab und erhielt eine Anstellung an derselben Anstalt, wurde aber 1873 wegen seiner Vorträge in Arbeitervereinen d^s Amtes entsetzt. Seitdem wirkte er als Privatlehrer. 1884 von seiner Partei als Reichstagskandidat aufgestellt, kam er mit Sonnemann dem langjährigen Vertreter Frankfurts, in die Stichwahl. Auf die vielbesprochene Drahtantwort des Fürsten Bismarck auf Anfrage aus Wählerkreisen: „Fürst wünscht Sabor gewühlt", errang Sabor in der Stichwahl die Mehrheit, die er auch bei den Wahlen von 1887 behauptete. Im Reichstage prägte er die geflügelten Worte: „Das läßt tief blicken" und „Es geht etwas vor, man weiß nur nicht was." Seit 1890 hatte sich Sabor, dessen Gesundheitszustand sehr viel zu wünschen übrig ließ, ganz vom politischen Leben zurückgezogen. Gesterreich-Nngarn. A Wien, 4. März. Rur in zwei Wahlbezirken Deutsch- Oesterreichs haben die Juden Aussicht, ihre eigenen Kandidaten durch- .zubringen — und in diesen beiden Wahlkreisen sind sie in so viele Parteien gespalten und haben sie so viele Kandidaten ausgestellt, daß sie damit beide Wahlkreise nur den Antisemiten ansliefern. Der eine ist die hiesige Leopoldstadt, der andere das Quaiviertel, in dem sich jüngst an einem Abend nicht weniger als vier Kandidaten den Wählern vorstellten. Von diesen sind nur zwei ernst zu nehmen: der Kaiserliche Rat Wilhelm An n in ger, Präsident der Oesterreichischen Israelitischen Union, itnb der Gemeinderat Dr. Hein. Hoffentlich kommt noch in letzter Stunde in beiden Wahlkreisen eine Einigung zustande. Es wäre eine Schmach ohnegleichen, diese einzig sicheren Wahlbezirke den Gegnern durch Uneinigkeit auszuliefern. — Am 22. v. M. starb nach langem, schweren Leiden hier der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Siegmund Zins, ein Mann, der im jüdischen Leben Wiens lange Zeit eine beachtenswerte Rolle gespielt hat. Ans einer vornehmen Brodyer Familie stammend, kam er in jungen Jahren in die Reichshauptstadt, wo der eben mächtig sich entwickelnde Antisemitismus seinem männlichen Selbstgefühl tiefe Wunden schlug. Angesichts der schwächlichen Abwehr dieser Bewegung durch die liberalen Parteien, erkannte er die Notwendigkeit, die Juden selbst gegen ihre Feinde zu organisieren. Er war es, der im Verein mit dem verstorbenen Landgerichtsrate Dr. Kohn und dein damaligen Reichstagsabgeordneten Dr. Josef Bloch den Plan und die Statuten eines jüdisch-politischen Vereines, der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", ausarbeitete. Dr. Zins gehörte dieser Vereinigung lange Jahre als Vizepräsident und später als Vorstandsmitglied und Beirat an und hat durch die unentgeltliche Vertretung vieler Rechtsschutzagenden für seine galizischen Heimatsgenossen vor dem obersten Gerichtshöfe dem Rechtsschutzbureau hervorragende Dienste geleistet. Aber auch zahlreichen anderen humanitären Instituten in Wien und in Galizien widmete er seine Hilfe und stets selbstlose Wirksamkeit. — In Fünfkirchen ist der Major a. D. Rudolf Deutsch, der erste Jude, der es in der österreichischen Armee zum Offizier brachte, im 57. Lebensjahre gestorben. Von Ash und ssrrn. — Der Privatdozent Prof. Dr. W alter Loeb wurde zum Vorsteher für die physiologisch-chemische Abteilung am Rudolf Virchow-Krankenhause gewählt. — Der bekannte Astronom Privatdozent Dr. Adolf M arcuse hat den Professortitel erhalten. —Dem Geheimen Sanitätsrat Dr. I. Blumenthal ist das Osfizierkreuz des französischen Ordens der Ehrenlegion verliehen worden. — Der Verein zur Pflege hebräischer Musik (Dirigent Kapellmeister A. Kellermann) gibt am 11. d. M. im Tiergartenhof unter Mitwirkung hervorragender Solisten ein populäres Konzert. Wir machen auf die interessante Aufführung besonders aufmerksam (siehe Inserat). — Der Mühlenbesitzer I. B i eb e r in Schönau bei Schwetz hat anläßlich seiner unlängst erfolgten Ernennung zum Kommerzienrat für seine Arbeiter ein Kapital von 10 000 Mark gestiftet, nachdem er schon früher 20 000 Mark gegeben hatte. Die Stadt Schwetz erhielt von ihm 1000 Mark, die dortige jüdische Gemeinde die gleiche Summe und der Israelitische Frauenverein 200 Mark als Geschenk. — Der Kaufmann S i m o n Grätzer in Groß-Strehlitz ist zum Kommissionsrat ernannt worden. — In Dortmund ist am 27. v. M. der frühere Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Xanten, Adolf Oster, ein braver und frommer Mann, der allgemeine Achtung genoß, im 65. Lebensjahre gestorben. Er besaß eine kostbare Sammlung von Hagadas in fast allen Ausgaben. — In Illingen, eineiu kleinen Flecken im Kreise Ottweiler, wurden die ansässigen jüdischen Geschäftsleute beschuldigt, die Niederlage des Zentrums mit herbeigesührt zu haben, und der Boykott wurde über sie verhängt. Das geschah, wie uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, in der Kirche; mit welchem Erfolge, erhellt aus der Tatsache, daß der Landrat am Fastnachtsdienstag, der zu einer öffentlichen Kundgebung gegen die Israeliten ausgegeben war, zehn Gendarmen nach Illingen . beorderte. — In Weiden ist am 7. d. M. der Kommerzienrat Eduard Kupfer, einer der bedeutendsten und angesehensten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.