Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228752--63290-3297174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71. Jahrgang. Nr. 7. Allgemeine Berlin, 15. Februar 1907. eitung desAudentums Eitt unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich, i Abonnements - Pr eis: durch Buchhandel i oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere j vertriebsst-llen) bezogen vierteljährl. 3 ITC.! Uebatteur: <Buftav Ztavpetes. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippfon. Vtzrlggs-LrpeLtivll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße hb/49, zu richten. Verlag von Rudolf ZIToffe, Berlin. Das Zrlultst. Berlin, 1 Februar, er Wahlkampf zum deutschen Reichstage mit seinen Stichwahlen ist nun endgültig vorüber, und obwohl wir Juden keineswegs, wie unsere Gegner meinten, als „Staat im Staate" geschlossen an die Wahlurne gegangen sind und manche unter uns im Vertrauen auf den Schutz der Gesetze dem ganzen Wahlgetriebe vielleicht gar fern geblieben sind, so sei von vornherein festgestellt: das Resultat scheint uns auch für die Stellung der Juden im Deutschen Reiche ein ziemlich befriedigendes. Das von der Regierung von Anfang an im Interesse der Grundlagen des Reiches proklamierte Festhalten an der Verfassung, an der bürgerlichen Gleichstellung aller Staatsbürger, hat seine Früchte getragen, und wenn am 19. Februar im Weißen Saale des Königsschlosses zu Berlin die feierliche Eröffnung des neuen Reichstags stattfinden wird, sind auch wir Juden mit in die Zahl derer einbegriffen, die den Sieg gefesteter staatlicher Institutionen über die von anderer Seite in Aussicht gestellte Anarchie begrüßen. Ja, wir köimen sagen, von der Begründung des Reiches an, als am 12. Februar 1867, vor jetzt 40 Jahren, der Norddeutsche Reichstag zum erstenmal zusammentrat und Männer >vie Laster und Bamberger in der Führung der liberalen Parteien zugleich die ersten Bausteine für die Einigung des Reiches zusammentrugen, führte das damals 1869 von diesem ersten Reichstage beschlossene Gesetz über die bürgerliche Gleichtellung der Juden auch alle diejenigen Widerstrebenden dem »teichsgedanken zu, welche daran zweifelten, daß nach dem Wortlaut dieses Gesetzes nunmehr ihren Söhnen auch wirklich )ie volle Gleichstellung gewährt sei. Wir Juden lehnen daher owohl jede Gemeinschaft mit denjenigen ab, welche jetzt — üne solche Broschüre ist tatsächlich erschienen — den „Untergang des Reiches" verkündigen, als wir jemals die allerschärfste Opposition gegen diejenigen aufgeben werden, welche vie die Antisemiten die Berfassung, also die Grundlage, mit ocr das Reich steht und fällt, abzuändern geneigt sind. Um kurz zu sein, diese antisemitischen Umsturzbestrebungen gaben auch nach dem Ausgang der Stichwahlen nicht die geringste Aussicht auf Erfüllung ihrer Hoffnungen. Ob ein oaar politische „Katilinarier" mehr oder weniger in den neuen Reichstag einzieheu, ist an und für sich wohl gleichgültig, aber elbst die zumeist unter dem nationalen Hochdruck der für die afrikanischen Kolonien ausgegebenen Wahlparole gewählten Antisemiten haben ihre politische Bedeutung verloren, sobald die von der Regierung verlangten nationalen Forderungen, iür welche ja die Liberalen schon im alten Reichstage geschlossen gestimmt haben (was bei den Antisemiten nicht der Fall war). ihrer Erfüllung entgegengegaugen sind. In diesem Zusammenhang hat auch der Ausgang der Wähl in einem märkischeil Wahlkreise seine Bedeutung, in dem der Potsdamer Antisemit Rentier Frölich gegen den Vertrauensmann der Regierung, Landrat von Kaphengst, unterlegen ist. An reaktionäre wirtschaftliche Forderungen, wie sie die unter der nominellen Führung Stöckers stehende „Wirtschaftliche Vereinigung" anstrebt, als da sind Beseitigung der Gewerbefreiheit, der Warenhäuser usw., hat die Regierung weder gedacht, als sie die Wahlparole von der liberal-gouvernementalen Mehrheit ausgab, noch haben die Herren Antisemiten nach dem tatsächlichen Ausgang der Wahl im neuen Reichstag irgend eine andere Chance, als ab und zu für ihre reaktionären Forderungen zum Fenster des Reichstages nach Hessen usw. hin hinauszureden; ja, ein solches politisches Ventil ist in jedem Verfassungsstaat sogar nützlich und notwendig. An Widerlegung der hier zu erwartenden Deklamationen gegen „die Juden" wird es jetzt auf liberaler Seite sicher nicht fehlen. Die Nichtwahl sämtlicher jüdischer Kandidaten bedauern wir nur im Interesse des eventuellen Kampfes gegen die Reaktion. Was die jüdischen Sozialisten betrifft — für uns als Juden sind diese geborenen Glaubensgenossen auch dann nicht im Reichstag eingetreteu, wenn unsere Glaubeilsgemeinschaft dort von antisemitischer Seite den ärgsten Pöbeleien ailsgesetzt war. Auch der aus angesehener jüdischer Familie stammende Sozialist Dr. Arons hat nie für die Juden ein Wort der Verteidigung bisher im Wahlkampf wie in seiner politischen Stellung als Stadtverordneter usw. gegen die immer mehr in der sozialistischen Presse sich breitmachende, uns herabsetzende „Phrasen-Athletik" gehabt. Somit können wir Juden die Hoffnung aussprechen, daß die unruhige Zeit der Gärung wieder auf einige Jahre gebannt ist. Wie in England, sollte es eigentlich stets auch bei uns nur zwei politische Mehrheiten geben, welche die Regierung unterstützen bezw. bekämpfen, nämlich Whigs rmd Tories. Dieses Ziel ist durch die jüngste Reichstagswahl der Erfüllung näher gerückt. Aber ein Unterschied ist bisher noch recht bemerklich hierzulande im Gegensatz zu ben politischen Verhältnissen im Britenlande. Als dort jüngst die Whig-Partei ilach ihrem Sieg im Wahlkämpfe, also wie bei uns jetzt etwa ä la Dernburg, Nach unerhörten Anstrengungen des liberalen Bürgertums in die Regierung berufen wurde, da wurden auch einige Juden als solche in ganz hervorragende Regierungsstellen berufen. Und ebenso handeln die Tories, wenn sie siegen. Wir wollen abwarten, wie sich hierzulande das Wort des deutschen Reichskanzlers Fürsten von Bülow von dein Beamtenkörper, der bei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.