Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 51 (28.4.1838)
- Date
- 1838-04-28
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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Buchau berufen. Am Dienstag Vormittags gab Herr Kirchenrath vr. I. Maier folgende Gegenstände zur schriftlichen Bearbeitung auf: 1) Einleitung Ins A. T. Welcher Klasse von Büchern der heiligen. Schrift ist das Buch Kohelet beizuzahlen? Welches ist der Charakter des Buches, und welche Gründe sprechen gegen die Echtheit des angeblichen Verfassers? 2) Exegese: Micha, Kap. 1. 3) Dogmatik und Dogmengeschichte: Welche wichtige Lehre der mos. Religion geht aus dem 5. B. Mos. K. 30, V. 19. hervor? Welche weitere Stellen der heil. Schrift lassen sich für dieses Dogma anführen? Welche Aussprüche finden sich darüber im Talmud? Welche Meinungen hatten die jüd. Secten in Betreff dieser Lehre, und wie laßt sie sich gegen die Einwürfe der Philosophie rechtfertigen? Des Nachmittags gab Herr Kirchenrath das zehnte Gebot als Text zur Predigt, und am Mittwoch Nachmittags: Micha, K. 6. V. 8. als Text zur Catechese auf. Am Mittwoch Vormittags, durch H.^Rabb. Bloch: I) Ritualgesetze: 3 Fragen aus dem n"x, 3 aus dem i \ und 3 aus dem i/'n. 2) Talmud: Übersetzung und Erklärung der Mischna und Gemara Bechorot 40 a: nhnzh "nro 3) Pädagogik und Didactik: a) Soll bei der religiösen Erziehung der Jugend unter den beiden Geschlechtern ein Unterschied gemacht werden? b) Wie soll der Lehrer es anfangen, um den schädlichen Einfluß, den so manche Familien- Erziehung durch Wort und Beispiel auf die Jugend übt, unwirksam zu machen, ohne dabei in die Gefahr zu gerathen, die kindliche Ehrfurcht gegen solche Eltern zu mindern??lm Donnerstag und Freitag Vormittags wurde die mündliche Prüfung vorgcnommen *). Gegenstand der biblischen Exegese war Pf. 10 u. 17, und der talmudischen Exegese: Jebamot 56: Sm n"b -rrn nwv Donnerstags Nachmittags wurden in der neuen, sehr schön eingerichteten Synagoge die Probe-Predigten und Probe-Catechisationen abgehalten. Das Kapitel pon der Bestimmung des Menschen sin dem würt. israel. Religionstehrbrrchej wurde für die mit 3 Knaben und 2 Mädchen vorzunehmende Catechisanon aufgegeben. In der Vorladung zur Prüfung wurde jedem Candidaten eröffnet, daß er eine Predigt im Voraus memoriren solle, um solche bei dem Examen als Probe des Vortrages abzulegen, und daß, da außer dieser Predigt jeder Candidat noch einen andern Vortrag unter Aufsicht auszuarbeiten habe, in Betreff des vorher auswendig zu lernenden ihm in Absicht auf Text und Thema freie Wahl gelassen werde. Sieben Examinanden waren anwesend; aber das Prüsungs-Ergebniß war nicht für Alle günstig. Sie sehen, daß der Willkür und Eigenmacht der Rabbinen und Gemeinden ein Ziel gesetzt ist. Hatte früher ein Candidat seine Studien mit anstrengendem Fleiße und großem Kosten-Aufwande vollendet, so hatte er noch größere Mühe, bis er die rabbinische Ordination und eine Anstellung erhielt. Unzählig sind die Jntriguen, die bei solchen Veranlassungen gespielt wurden. In der „Eabale ohne c) In Betreff der Rüualgescße nach ihrer biblischen Bedeutung und genetischen Entwickelung durch den Talmud und die Rabbinen. Corr. Liebe" ward manchem talentvollen Jüngllnge eine traurige Hauptrolle zugetheilt. Eine Rabbinen-Waht war eine polnische Königswahl en miniature. Die israelitischen Gemeinden haben nicht nur ihre politische, sondern auch ihre kirchliche Selbstständigkeit verloren; sie sind, in letzterer Beziehung, wie die christlichen Gemeinden, dem Consistorium untergeordnet, so daß die Partheisucht keinen Aufschwung erhalten kann. Deßhalb geschieht auch in Würtemberg für den israelitischen Cultus mehr als in irgend einem Staate. Was kann erst für ganz Israel geschehen, wenn eine jüdisch-theologische Facuttat begründet wird, wenn dieselbe nicht nur die theologischen Wissenschaften zu lehren hat, sondern auch ermächtigt ist, Ritual- und Cuttusvorschristen zu erlassen! Dadurch jwürde unsere religiöse Gemeinschaft wieder hergestellt, und der in Secten- und Partheigeist ausartende Spiritus privatus unterdrückt werden. Dies ist der sehnliche Wunsch Ihres Freundes. vr. S. M. Corresponderrzerr, Auszüge, Repliken. Florenz, 15. Marz. Klemkinderbewahranstalt zu Livorno. Das Erziehungs- und Schulwesen der italischen Jutzen macht schnelle und große Fortschritte; eine Erscheinung, die uns so bewundernswertber ist, als diese allein von der Maffe selbst bewirkt werden. Ich sende Ihnen heute als unpathetischen Beweis, einen Bericht des Herrn Lambruschini über die israelit. Kinderbewahranstalt für Mädchen zu Livorno, den jener in der von ihm redigirten Zeitschrift: „Guida delf educatore“ vor Kurzem gegeben. Die folgenden Worte sind also sämmtlich die des Herrn L. „Dem Berichte über die Kleinkinderanstalt zu Pisa, lasse ich den des Herrn S. Uzielli, über die Bewahranstalt für arme kleine Mädchen der israelitischen Nation zu Livorno folgen. Es ist für jede edle Seele erfreulich zu sehen, wie mittelst des Unterrichts unter der gemeinen Volksklaffe eine Nation sich von dcr geringenCulturftufe,auf welche dieUnfatte sie niedergedrückt,so mächtig aufrichtet, und so sich zu höheren und reineren'Begriffen und zur kräftigsten Moralität erhebt. Ich laffe den Tdeil des Berichtes, der die Rechnungen betritt, weg, aber ich will meinen Lesern nicht zu sagen unterlassen, daß die Israeliten von Livorno dem heiligen Zwecke, das aufwachsende Geschlecht von Unwissenheit und Lastern entfernt zu halten, wie auch vom Müßiggang und von der Trägheit, die deren Quellen sind, zu retten, die beträchtliche Summe von 10,831 Livres (circa 2400 Thaler Pr. Cr.) in einem einzigen Jahre widmeten. Nun lasse ich den Herrn Uzielli selbst sprechen „Die Vorsteherin der Anstalt, Mad. Sara Provenzal, hat gleich Anfangs den Zweck derselben sehr wobt eingesehen, und wirkt durch ihren Eifer und durch ihre Fähigkeit eben so sehr wie durch ihre Liebe auf die Moral der kleinen Mädchen höchst wohlrbäng ein. Dies beweisen viele kleine Vorfälle, deren unten einige erwähnt werden sollen. — Im Folgenden werde ich zuerst die moralischen Resultate ihrer Bemühungen schildern, alsdann über den Unterricht, und zuletzt über die physischen Vortheile, die man den Kindern verschafft, sprechen. Ich habe die Bemerkung gemacht, daß die Mädchen zu dieser Schule sich immer lieber und lieber begeben, und sich in derselben mit immer größerer Zufriedenheit befinden; sie sind an ihre Vorsteherinnen, in deren Vorsorge sie mehr, eine Hilfe für ihre Schwächen als ein Hinderniß