Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 6. Berlin, 8. Februar 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnem en ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrriebsft-llen) b?zogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Mach den Mahlen. Berlin, 3. Februar, igentlich ist in dem Augenblicke, da wir schreiben, das Thema „Nach den Wahlen" etwas verfrüht; denn das «rgebnis der Hauptwahlen vom 25. Januar kann noch durch ien Ausfall der sehr zahlreichen Stichwahlen wesentlich beeinflußt werden. Aber in der Hauptsache wußte man doch ihon kurz nach den Hauptwahlen, wie der Hase lief, wie das deutsche Volk entschieden hat. Das weitaus wichtigste und markanteste Ergebnis ist die t ltschiedene Niederlage der Sozialdemokratie; die Hoffnung des j'zialdemokratischen Parteivorstandes, daß die Scharte in den Stichwahlen würde ausgewetzt werden können, war, wenn sie i berhaupt ernstlich von ihm gehegt und nicht nur, um die l enossen nicht noch mehr zu entmutigen, vorgeheuchelt war, i ne törichte. Denn nichts hat so viel Erfolg als der Erfolg, > ad darum war ganz sicher anzunehmen, daß die bei der S ozialdemokratie besonders zahlreichen Mitläufer in den Stichi Zahlen den siegreichen Fahnen der bürgerlichen Parteien folgen > mrden. Nein, daran ist nicht zu zweifeln, die sozialdemokratische , raktion wird sehr stark dezimiert ihren Einzug halten. Wenn ne Antisemiten nun recht hätten, daß die Juden die eigentlichen Förderer und Stützen der Sozialdemokratie seien, dann i lüßte Israel über dieses Wahlergebnis ganz besonders traurig i'in. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Wir glauben im Gegenteil, daß die Juden sowohl infolge der auch von uns bringend empfohlenen lebhafteren Wahlbeteiligung als auch nirch Abschwenken der aus allerlei begreiflichen Gründen ahlreichen jüdischen Mitläufer der Sozialdeinokratie in die leihen der bürgerlichen Parteien zu der Wahlniederlage beietragen haben werden. Wenn man bedenkt, daß selbst die olitisch so wenig erzogenen jüdischen Massen in Rußland ihr Wahlrecht mit fast religiöser Gewissenhaftigkeit wahrgenommen l aben, dann darf man sicher sein, daß die politisch erfahreneren i idischen Wähler in Deutschland, da es sich um eine besonders ichtige Entscheidung handelte, Mann für Mann an die Wahl- - rnen sich begeben haben. Aus demselben Grunde ist anzuehmen, daß diejenigen, die in gewöhnlichen Zeiten ihrer nur S t begründeten politischen Mißstimmung dadurch Ausdruck eben, daß sie für sozialdentokratische Kandidaten stimmten, 'eses Mal in Anbetracht der wichtigen Entscheidung nicht nach > rer Stimmung, sondern nach ihrer politischen Ueberzeugung ' 'wählt haben werden. Wenn freilich die Antisemiten nicht so stark wären in l inzlich ans der Luft gegriffenen Behauptungen und so bodenlos schwach im vernünftigen Urteilen und in konsequentem Denken, dann würden sie niemals die Juden als gewissermaßen von vornherein sozialdemokratisch belastet hingestellt haben, dieselben Juden, die sie ebenso oberflächlich als Vertreter des Kapitalismus, als Ausbeuter, als Handelsleute und als Nichtarbeiter zu denitnzieren lieben. Aber den Antisemiten kommt es eben nur auf das Denunzieren an, und so denunzieren sie darauf los, daß die Juden gleichzeitig schwarz und iveiß, gleichzeitig Hammer und Ambos sind. Das für uns Juden speziell wichtigste Ergebnis der Wahlen ist, daß der Liberalismus eineit unverkennbaren Aufschwung genommen hat. Natürlich erwarten wir nicht gleich den Beginn einer liberalen Aera in Deutschland. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß, wenn die Liberalen in den Stichwahlen nicht noch erheblich mehr gestärkt werden, wemt sie nicht mit vereinten Kräften im Reichstage energisch sich wehren, von den Konservativen und dem Zentrum Versuche werden gemacht werden, grundlegende reaktionäre Aenderungen herbeizuführen. Wenn aber die Liberalen Stand halten, sind nicht nur solche Maßregeln ausgeschlossen, sondern es wird auch ein liberalerer Geist bei uns einziehen. Der Anfang ist eigentlich schon vor den Wahlen gemacht worden ntit der Berufung des früheren Bankdirektors Dernburg, in dem wir längst keinen Juden mehr, die Antisemiten, und nicht diese allein, aber nur den Judenstämmling sehen, zum leitenden stellvertretenden Direktor der Kolonialabteilung. Dem liberalen Geiste hat auch der Reichskanzler schon in seiner Rede Rechnung getragen, mit welcher er den Silvesterbrief sich gut zu machen bemüht hat. Auch der Erlaß betreffend die Behandlung der Majestätsbeleidigungen legt Zeugnis ab, daß man an den maßgebenden Stellen geneigt ist, einen liberalen Luftstrom durch das Reich ziehen zu lassen. Und haben nicht die Freisinnigen auch, gleichsam Morgendämmerung witternd, etwa zwölf Juden als Reichstagskandidaten aufgestellt, was doch noch in den letzten Wahlen ängstlich vermieden worden war. Auf diesen, nicht einer bestimmten Partei oder gewissen Parteigruppen eigenen liberalen Geist, der auch Konservativen wohl anstehen und ihrem Konservatismus nicht im geringsten Abbruch tun würde, auf diesen liberalen Geist hoffen wir, und wir glauben bestimmt, daß er voit nun an unser öffentliches Leben mehr als bisher durchwehen und beschwingen wird. Jeder Jude kann, wie jeder andere, irgendeiner ihm sympathischen Partei angehören, und in der Tat sind auch die Juden in allen Länderti auf die verschiedenen politischen Parteien verteilt. Das wird aber nur da am natürlichsten sich regulieren, wo ein gewisser liberaler Geist bei allen Parteien herrscht und mittelalterliche Vorurteile in die Rumpelkammer gejagt hat. Schon damit wir Juden jeder nach seiner «Mi,