Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 e. Köln, 12. Jatlnar. Ein neuerlicher Beschluß unseres Ge me in devorstandes wird sicher allgemeines Interesse erregen. Auf eine Eingabe der Gemeindemitglieder, die ihre Gemeindesteuern zum Ritual in der Synagoge Roonstraße (Orgelsynagoge) aus religiösen Bedenken nicht verwendet wissen möchten, hat der Vorstand folgenden Beschluß gefaßt: „Es soll der Steuerbetrug, welcher dem Anteil der von diesen Gemeindemitgliedern für die Synagoge Roonstraße aufzubringenden Steuerquote entspricht, nicht für die Synagoge Roonstraße ausgewendet werden, sondern zu einem besonderen Zwecke Verwendung finden und demgemäß im Budget als außerordentlicher Beitrag für hiesige jüdischeWohltätigkeitsanstalten cmfgesührt werden." Damit ist fernerer orthodoxer Agitation der Wind aus dem Segel genommen. Gesterreich-Nngarn. Wien, 14. Januar. Auf Grund des Statutes der Kultusge mein de hat in der öffentlichen Plenarsitzung vom 6. d. M. die Wahl des Präsidenten, der beiden Vizepräsidenten und der Mitglieder des Vertreterkollegiums stattgefunden. Es wurden gewählt: Zum Präsidenten: Herr Dr. Alfred Stern; zum ersten Vizepräsidenten: Dr. Gustav Kahn; zum zweiten Vizepräsidenten: k. k. Baurat Theodor- Ritter von Goldschmidt; zu Vertretern die Herren: Dr. Alfred Berger, Salo Kohn, Dr. Felix Katzau, Dr. Leopold Kohn, Wilhelm Kuffner, Bernhard Pollak, kais. Rat, Dr. Benjamin Rappaport, k. k. Oberfinanzrat, Dr. Maximilian Steiner. Der Präsident Dr. Alfred Stern wurde im Sinne des Statutes für eine dreijährige, die übrigen Herren wurden für eine einjährige Funktionsdauer gewählt. — In Prag wurde die Gründung eines jüdischen Schulvereins für Böhmen beschlossen. Derselbe soll den allgemeinen Volksschnlunterricht für jüdische Kinder auf ein höheres Niveau, als es die allgemeine Simultanschule bietet, stellen, und den Religionsunterricht an den Volks- und Bürgerschulen regeln. Der Schwerpunkt für die Lösung dieser Fragen liegt in der Lehrerfrage; deshalb wird es sich der Schulverein zur Aufgabe machen, jüdische Studenten durch Stipendien zu veranlassen, daß sie sich dem Lehrfache widmen. Der Schulverein wird ferner die Pensionen der Lehrer nach Möglichkeit verbessern, notleidende Gemeinden unterstützen und in den reichen Gemeinden Anregung und Beisteuer zur Errichtung jüdischer Schulen geben. Der Schulverein wird aber auch darüber wachen, daß die betreffenden Gesetze betreffs des Religionsunterrichtes genau beachtet und Mängel des Gesetzes abgestellt werden. Der Schulverein wird auf der breitesten Basis der allgemeinen Beteiligung der Juden in Böhmen angelegt sein, indem er nur eine Krone Jahresbeitrag fordern wird. Wenn alle 100 000 Juden in Böhmen diese Krone dem Schulverein bezahlen, dann könnte allerdings etwas Nennenswertes geleistet werden. — In Lemberg wurde behufs politischer Organisation eine Vertrauensmännerversammlung abgehalten, zu welcher Vertreter von mehr als tausend galizischen Städten sowie Reichstags- und Landtagsabgeordnete erschienen waren. Dieselbe beschloß einstimmig folgende Resolution: Der jüdische Vertrauensmännertag beschließt eine das ganze Reich umfassende jüdische Landesorganisation zur Wahrung der politischen, sozialen und ökonomischen Interessen der jüdischen Bevölkerung des Landes zu schaffen, in der Ueberzeugung, daß mit dieser Aktion am erfolgreichsten den allgemeinen galizischen und nationalpolnischen Interessen gedient sein wird. Die Versammlung wählt zu diesem Behufe ein Exekutivkomitee mit dem Sitze in Lemberg und nominiert in den Provinzstädten die Delegierten, welche im Einvernehmen mit dem Exekutivkomitee sich mit der Organisierung des Lokalwahlkomitees befassen werden. Das Exekutivkomitee wird ausgefordert, das Aktionsprogramm festzustellen, die Postulate der galizischen Judenschast zu formulieren, energisch sich für die Verwirklichung dieser Postulate einzusetzen und zu diesem Zwecke bei den staatlichen und autonomen Behörden sowie auch bei den öffentlichen Vereinigungen des Landes die geeigneten Schritte zu unternehmen. — Hier ist am 3. d. M. der k. k. Polizeiinspektor I. Klasse d. R. Markus Popper im 65. Lebensjahre gestorben. Durch mehr als 44 Jahre stand der Verblichene im Staatsdienste. Sein unerschöpflicher Pflichteifer, sein lauterer Charakter sowie seine Betätigung auf humanitärem Gebiete hatten ihm Sympathie und Wertschätzung in weiten Kreisen erworben. Von MH und fmu ---- Dem Hauptkantor der jüdischen Gemeinde A. Fried mann ist der Titel „Königlicher Musikdirektor" verliehen worden. — Der Bankdirektor Paul Mankiewitz hier und der Konsul a. D. Julius Friedemann, sowie der Kaufmann Arthur Koppel haben den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Die Stadtverordnetenversammlung in Charlottenburg wählte abermals Justizrat Rosenberg zu ihrem Vorsitzenden. — In Luckenwalde hat die Stadtverordnetenversammlung den Antrag des Magistrats auf Verbot des Schächtens einstimmig abgelehnt. — Der Vorstand der Synagogengemeinde Breslau hat dem Kardinal-Fürstbischof Dr. Kopp zu seinem Jubiläum eine Glückwunsch-Adresse übersandt. — In M ühlhei m a. d. R. ist der älteste Bürger, Michael Hirsch, im Alter von fast 103 Jahren gestorben. Seitens des dortigen „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur" war er zum Ehrenmitglied ernannt worden. — Dr. Hugo Apolant, Mitglied des Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M., ist zum Professor ernannt worden. — Dem Oberlehrer Dr. Elias Fink an der Realschule der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Frankfurt a. M. ist der Titel Professor verliehen worden. — Dem Lehrer Werth an in Eschwege wurde anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand der Adler der Inhaber des Hausordens von Hohenzollern verliehen. — In Köln ist am 7. d. M. der Oberlandesgerichtsrat zu Düsseldorf Dr. Paul Rothschild nach kurzer Krankheit im 49. Lebensjahre gestorben. Derselbe war erst vor einigen Monaten zum Oberlaudesgerichtsrat befördert worden. Ehre seinem Andenken! — Lehrer I. Brader in JchenHausen ist anläßlich der diesmaligen Neujahrauszeichnungen zum Hauptlehrer ernannt worden. — Die Lehrer der von der jüdischen Gemeinde zu Warschau unterhaltenen „Talmud-Thora-Schulen" sind von der Schulbehörde unter Androhung der Entlassung aufgefordert worden, schriftlich zu erklären, daß sie keiner revolutionären Partei angehören und sich verpflichten, daß sie keinen Anteil an der revolutionären Bewegung nehmen werden. — Im Grodnoer Gouvernement stellen die -Zionisten für die Duma die Herren N. Sokolow, D. I. Brnz'kus aus Petersburg und Redakteur Syrkin aus Warschau als Kandidaten auf. — Die russischen reaktionären Blätter „Nowoje Wremja" und „Rußkoje Snamja" verbreiten an der Spitze ihrer Nummer die lügenhafte Nachricht, die Mörder an Launitz und Pawlow seien Juden. „Rußkoje Snamja" bringt heute fettgedruckt folgenden Aufruf: „General Pawlow ist von einem Juden ermordet, nachdem in der Reichsduma Kadetten und Juden ihm blutige Rache drohten. Russische Männer, nun wisset ihr, wer die Mörder eurer treuen Verteidiger sind." Das sind doch Aufforderungen zu neuen Pogroms! — Der „Jewish Chronicle" in London ist in den Besitz des bekannten Zionisten L. I. Greenberg übergegangen. — Sir Mathew Nathan, der englische Gouverneur von Hongkong, ist zum Oberstleutnant befördert worden. — Der Board of Deputies tu London hat beschlossen, dem Parlamente eine Petition einzureichen, in welcher um mildernde Abänderungen des Fremdengesetzes gebeten wird. — Drei jüdische Bankhäuser wendeten sich an den Pariser Munizipalrat mit dem Ansuchen, an Stelle der Sonntagsruhe die Sabbatruhe in ihren Geschäften halten zu dürfen. Ter Munizipalrat hat die Ansuchenden auf Grund einer jüngst erlassenen Entscheidung des Staatsrates abgewiesen. Dieselbe Erledigung erfuhr auch ein ähnliches Gesuch eines jüdischen Kaufmanns in Bordeaux. — Der akademische Rat der Königlichen Akadenlie der bildenden Künste in Mailand (Reale accademia di Belle arti in Milano) hat den Bildhauer Friedrich Beer in Florenz zum Ehrenmitglied (8ocio Onorario) dieser Akademie erwählt. — Wie in der letzten Sitzung der Jto mitgeteilt wurde, hat für die Expansion der in Amerika einwandernden Juden über Galveston ein anonymer Wohltäter (nicht Jakob H. Schiff, wie fälschlich mitgeteilt wurde) zwei Millionen Mark zur Verfügung gestellt, desgleichen Lord Rothschild und Sohn und das Pariser Haus Rothschild weitere je 200 000 Mark. Leopold von Rothschild hat die Verwaltung dieses speziellen Fonds übernommen.