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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-12-25 · Heft 52 (25.12.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 52 (25.12.1903)
Date
1903-12-25
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 sind die genannten Herren zugleich die beiden Vorstände, der dortigen Gemeinden und zwar der israelitischen und der altisraelitischen Kultusgemeinde. ----- Stuttgart, 16. Dezember. Der Verein zur Unterstützung von Witwen und Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs veröffentlicht seinen Rechenschaftsbericht über das Jahr 1902/1903. Wiederum enthält derselbe die Kunde, daß die auf die Erleichterung der Lage der Witwen und Waisen israelitischer Lehrer und Vorsänger des Landes gerichteten Bestrebungen der Teilnahme des Königs und der Unterstützung der Königin sich zu erfreuen hatten. Zahlreiche außerordentliche Mitglieder des Vereins trugen zur Förderung seiner Zwecke bei, und aus ernsten und freudigen Anlässen wurden ihm namhafte Spenden zugewendet. Die meisten israelitischen Gemeinden des Landes übergaben auch im abgelansenen Rechnungsjahre dem Verein Spenden oder feste Beiträge, wofür ihnen innigster Dank gesagt sei. Welche großes Verdienst sich die Gönner des Vereins durch die Förderung seiner Zwecke erwerben, mag daraus ersehen werden, daß im Berichtsjahre 17 Unterstützungsbedürftigen 2700 Mark zugewendet werden mußten, um ihr teilweise trauriges Los zu mildern und es hat nicht den Anschein, als ob die Ansprüche an den Verein in absehbarer Zeit sich vermindern dürften. Am 5. August d. I. tagte die satzungsmäßige Mitgliederversammlung des Vereins in Stuttgart und hatte sich des zahlreichen Besuches der Vereinsangehörigen zu erfreuen, wie denn überhaupt seit einer Reihe von Jahren die erfreuliche Wahrnehmung zu machen ist, daß die Vereinsmitglieder die Ueberzeugung haben, daß sie durch lebhafte Teilnahme an den Versammlungen und Beratungen den Verein fördern und heben. Zur Beratung standen verschiedene wichtige Punkte. Wie jedoch unschwer vorauszusehen war, nahm die Debatte über die Bestimmungen einer neuen Vereinssatzung, welche an die Stelle der seit 40 Jahren in Geltung gestandenen, in vielen Punkten nun aber veralteten Satzung, treten soll, den größten Teil der verfügbaren Zeit in Anspruch. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 21. Dezember. Im Verein „Christliche Familie" sprach Prior Gras Mels-Colloredo über die Berechtigung des Antisemitismus und führte u. a. ans: „Ich glaube, daß es nicht christlich wäre, den Antisemitismus in Gedanken, Worten und Handlungen so zu üben, daß es einem nur darum zu tun ist, den Juden zu erschlagen, zu malträtiren, ihn verhungern zu lassen und dergleichen. Ich halte nur vor Augen, daß die christliche Religion eine Religion der Liebe ist. und die Liebe zu Gott, zum Nächsten ist das erste Gebot. Der Nächste ist nicht nur der Christ, sondern auch der Jude. Wenn wir wahre Christen sein wollen, dürfen wir nicht unchristlich sein im Antisemitismus." Also den Antisemitismus findet der edle Graf vereinbar mit der Lehre von der Liebe zum Nächsten! Diese Leute legen sich eben die Gebote der Religion aus nach ihrem Gutdünken, mitunter aber auch — und das ist das schlimmste — nach ihren materiellen Interessen; ihre verblendeten Augen sehen immer nur die wenigen Reichen im Judentum, sie sehen nicht die erschreckende Zunahme des Elends, sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen die täglich wachsende Menge jener hilflosen, hungernden, hart um ihr Brot kämpfenden Inden, denen nur der Glaube an ihre Vergangenheit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunst Kraft gibt, das schwere zu ertragen, das die Gegenwart in ihrer grausamen Härte über sie verhängt! —Der Chef des Budapest er Großhandlungshauses Ignatz Deutsch & Sohn, Herr Alexan d er v. H atva n hl-D eutsch, wurde durch kaiserliche Entschließung zum lebenslänglichen Mitgliede des Maguatenhauses ernannt. Die allerhöchste Auszeichnung wurde einem Manne zu teil, der mit den Pflichten des Reichtums in erster Linie auch jene des Wohltuns vereinigt. — Eine Monstre-Deputation der Gemeinden und Seelsorger der orthodoxen Judenschaft Ungarns machte jüngst beim Ministerpräsidenten Grafen Stefan Tißa ihre Aufwartung. Auf die kurze Gratulationsrede des Führers der Deputation, des Bndapester Oberrabbiners Koppel Reich, dankte der Ministerpräsident in herzlicher Weise und erklärte, daß bei ihm jede Konfession das gleiche Wohlwollen vorfinde. Von Sah und Fern. ----Kommerzienrat Ferdinand Manheimer hat den russischen Stanislausorden II. Klasse, der Direktorialassistent der königlichen Museen, Dr. Friedländer, das Ritterkreuz des belgischen Leopoldordens erhalten. Das Mitglied der Normalaichungskommission, Professor Dr. Weinstein ist zum Geheimen Regierungsrat ernannt worden. — In Frankfurt a. M. ist am 12. d. M. der allgemein geachtete Sanitätsrat Dr. Eman uel Marcus gestorben. Er war seit 1878 Mitglied der Versammlung der Stadtverordneten. Sein Wirken in allen hygienischen Fragen ist hervorzuheben. Er war im Jahr 1834 in Ortenberg in Hessen geboren und entschied sich, nachdem er vorher Kaufmann gewesen war, auf Anregung des öfters dort weilenden Justus v. Liebig für den ärztlichen Beruf. Er war auch vielfach literarisch tätig; seit 1889 redigierte er das „Korrespondenzblatt für die Aerzte der Provinz Hessen-Nassau." — Otto Hirschl, der hessische Landtagsabgeordnete und ehemalige Neichstagsabgeordnete, bringt in der von ihm herausgegebenen bauernbündlerisch - antisemitischen „Deutschen Volkswacht" zur Kenntnis, daß er den Vorsitz im Landesverband der Deutschen Reformpartei für S üd westd en t schland niedergelegt habe und gleichzeitig aus dem Verein ausgetreten sei. — Sonnabend gab aus einer von Zionisten veranstalteten Festlichkeit in Paris ein ärmlich gekleideter junger Mann zwei Revolverfchüsse auf Dr. Max. Nordau ab. Dieser blieb völlig unversehrt, während eine Kugel einen der Gäste namens Ossoweckski verletzte. Nach seiner Festnahme sagte der Täter, der sich Chaim Selig Luban nennt, ans, er sei russischer Revolutionär und durch das Los bestimmt worden, Nordau zu erschießen. Er erklärte, er habe Nordau deshalb töten wollen. weil dieser im Widerspruch zu dem ursprünglichen Programm der Zionisten auf dem Baseler Kongreß für das Anerbieten Chamberlains betreffend Gründung einer autonomen Judenkolonie in Englisch-Ostafrika eingetreten sei. Augenscheinlich handelt es sich um die Tat eines Geisteskrank. — Der Direktor der Kriminalabteilung und Berichterstatter der vorberatenden Kommission Mercier hat seinen Rapport über die Revision der Dreh sus-Asfäre beendet. Der Rapport, der ziemlich umfangreich ist, zählt die neuen Fakten auf und schließt auf Einleitung des Revisionsverfahren. Die Kommission dürfte am Mittwoch zur Beratung zusammentreten und Ende der nächsten Woche ihre Entscheidung fällen. — Ein englischer Agent ist in Warschau eingetroffen, welcher in Begleitung eines Dolmetsch die Bilder¬ und Autiquätenhändler besucht und ausschließlich nur solche Bilder ankauft, welche jüdische Scenen oder Typen behandeln. Derselbe hält den Namen seines Auftraggebers geheim. Es verlautet jedoch, daß es der Londoner Baron Rothschild ist, der diese Ankäufe besorgen läßt, da er sich eine jüdische Bildergalerie anlegen will. — In dem Prozeß von Kisch in ew wurde am 21. d. M. das Urteil gefällt. Die Angeklagten Gretschiu und Marosjuk, gegen die die Anklage auch auf Mord lautete, wurden zu sieben und fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Gegen 22 weitere Angeklagte wurde auf Einreihung in eine Arrestantenkompagnie für ein bis zwei Jahre, gegen einen Angeklagten auf sechs Monate Gefängnishaft erkannt, zwölf wurden sreigesprochen. Die anhängig gemachten 48 Zivilklagen wurden sämtlich unberücksichtigt gelassen. Die Gerichtskosten wurden den Verurteilten auferlegt. Und das ist alles? — In Moskau hat die Studentenschaft den einstimmigen Beschluß gefaßt, gegen die Judenexzeffe von Kischinew und Homel sowie gegen die Judenverfolgung in Rußland überhaupt Protest zu erheben. In der einstimmig gefaßten Resolution heißt es: „Die Studenten der Moskauer Universität sprechen ihre tiefe Entrüstung dem herrschenden Regime aus, welches diesen Antagonismus nährt und zu Katastrophen führt, gleich denen von Kischinew und Homel."—Zum Stadtrabbiner in Odessa wurde der bisherige Krönrabbiner in Eliiabethgrad, Ingenieur W. I. Temkin, gewählt. — Der spanische Generalkonsul CH. B. Rabinowitsch in Bobrisk, ein wegen seiner Frömmigkeit und Wohltätigkeit allgemein geschätzter Mann, ist im Alter von 56 Jahren am 6. d. M. gestorben. — Im polytechnischen Institut zu Kiew hielten trotz der zeitweiligen Schließung etwa 400 Studenten eine Versammlung ab aus Anlaß der Beschimpfung jüdischer Studenden durch russische, um dagegen zu protestieren. — Jacob H. Schiff hat der Talmud-Thora in Newyork ein Geschenk von 25 000 Dollar gemacht. — 100000 russische Juden als Minenarbeiter sollen von Berlin aus zur Arbeit für die Minen von Südafrika laut einer Johannisburger „Daily-Mail"-Meldung per Kabel angeboten worden sein.

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