Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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67. Jahrgang. No. 49. Lsrlin, 4. Dezember 1903 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SWJerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.p reis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. „Krsn?lpenden verbeten." U Berlin, 30. November. nter den Beerdigungsanzeigen der Zeitungen finden sich bisweilen, allerdings immer seltener, die Worte ^Kranzspenden verbeten." Die junge Geileration lvird kaum noch die Bedeutung dieser Worte recht verstehen. Aus Befragen werden sie von ihren Eltern, falls auch diese es überhaupt wissen, oder von älteren Leuten die Antwort erhalten, daß früher bei den Leichenbegängnissen der Juden die äußerste Einfachheit strengste Vorschrift war. Totenkleider, Sarg u. a. m. waren von vorgeschriebener Gleichförmigkeit. Der Sinn war, daß die vor dem göttlichen Richter Erscheinenden ganz und gar gleich seien, daß im Tode alle äußerlichen Verschiedenheiten aufhören. Der Arme erhielt genau dieselben vier Bretter wie der Reiche — nur die Kohanim erhielten fünf — das Ritual lvar für alle gleich, und es ivar ebenso eine Mizwah, der Leiche des schlichtestell Mannes zu folgen als der des Reichen, Hochgestellten oder Gelehrten. Alles ivas irgendwie zur Entfaltung von Pomp und Luxus bei Leichenbegängnissen verleiten konnte, war verpönt. Natürlich durften auch keine Kränze und Blumenarrangements gespendet werden, weil dann durch die Zahl und Kostbarkeit der Blnmenspenden angezeigt worden wäre, daß ein Reicher und durch die Dürftigkeit oder gar gänzliche Abwesenheit aller Kranzspenden, daß ein armer oder einfacher Mensch zu Grabe getragen werde. Von dieser strengen Einfachheit ist man längst abgekommen. Man fand, das ein jüdisches Leichenbegängnis gar zu traurig sich ausnehme und gar zu unvorteilhaft sich von den andern unterscheide. Man meinte mit Recht, es könnte nicht schadeil, wenn man den Sarg durch Bluinenschnmck etwas freundlicher gestaltete, und man durch die Spendeil andeutete, wie lieb und teuer der Dahingegangene seinen Angehörigen und Freunden gewesen. Man tat dies aber schließlich in solchem Uebermaß, daß man heute ailsdrücklich bitten muß, keine Kränze zu spenden, und zwar in der Regel auch nur, weil man glaubt, daß es nicht den religiösen Empfindungeil der zu Bestattenden entsprechen würde, sonst hätte rilan nur noch in den seltensten Fällen etwas dagegen. Wir glauben wahrlich nicht dem Verdacht ausgesetzt zu sein, daß wir engherzig an überlieferten Sitten und Gebräuchen hängen, daß wir das alte ohlre weiteres für gut halten, bloß weil es alt ist, oder daß wir ängstlich alles vermeiden, was als eine Annäherung an die Sitten und Gebräuche Andersgläubiger angesehen werden könnte. Der Name des Begründers dieses Blattes, die ganze Haltung unserer Zeitung all die Jahre ihres Bestehens hindurch schützen uns ullbedingt vor einem solchen Verdachte. Gerade deshalb aber können wir daher unsere Ansicht aussprechen, daß man nicht gut getan hat, als mau in diesem Falle voil der Sitte abwich, und daß es vom Uebel ist, daß jetzt auch bei jüdischen Leichenbegängnissen ein Pomp entfaltet und mit Kranzspenden eine Verschwendung getrieben wird, die uns zur Pflicht machen, ernstlich zu mahnen, mindestens sich eine größere Beschränkung aufzuerlegen. Man wird den Juden wahrlich nicht vorwerfen können, daß sie nicht ihre Toten ehren und ihnen Pietät bewahren. Wir treiben allerdings nicht mit unseren Ahnen und ihren Gräbern abergläubischen Kultus wie die Chineseu. Aber von diesen abgesehen, wüßten wir keinen Volksstamm, keine Religionsgemeinschaft, keine Gesellschaftsschicht — kaum die der höchsten Aristokratie und dynastische Familien ausgenommen — denen Pietät gegen verstorbene Angehörige so zur heiligen Pflicht gemacht ist wie gerade den Juden. Wir erinnern an die sieben strengen, an die dreißig minder strengen Trauertage, an das Trauerjahr, in welchem tägliches Kadischsagen vorgeschriebeu ist; wir erinnern an das Halten der Jahrzeit, an die Pflicht, das Grab der Eltern zu besuchen, an die Totenfeier usw. usw. Wenn also die Juden nicht eine Unsumme Geldes auf allerlei Trauerpomp verschwendeten, das in mir allzu vielen Fällen besser für die Hinterbliebenen verwendet würde und in allen Fällen zu gunsten wohltätiger Zivecke unendlich viel nützlicher ausgegeben werden könnte, dann nuUbeii sie jedenfalls viel praktischer und im Grunde auch viel idealer, schöner und mehr im Sinne des währen Judentums handeln. Man könnte vielleicht damit anfangen, gewissermaßen rückwärts zu reformieren, daß man ebenso wie man vernünftigerweise das Herumschicken von Neujahrskarten „abgelöst" hat, nun auch anstatt Kränze und Blumen zu spenden, die Summe, die man für diese ausgegeben haben würde, einem beliebigen oder einem ganz bestimmten gemeinnützigen Institute überwiese. Man könnte dann immer noch, wenn man das Düstere des Sarges und Leichenwagens mildern zu sollen glaubt, Kränze von einer gewissen einfachen Gleichförmigkeit spenden. In England besteht bereits seit einiger Zeit auch eine christliche Gesellschaft, welche die Blumenverschwendung bei Leichenbegängnissen bekämpft, und es ist bekannt, daß in verschiedenen Ländern gegen die frühere Sitte des Leichenschmauses, durch welche zahlreiche Familien sich vollständig wirtschaftlich ruinierten, ganz abgesehen von den empörenden Orgien, die da gefeiert wurden, seitens der Regierungen mit aller Energie eingeschritten werden mußte. Ebensogut wie die Juden auf die Unsitte, anläßlich eines Leichenbegängnisses Schmausereien sich hinzugeben, stets verzichtet haben, hätten sie auch auf die vielen Kranzspenden verzichten sollen; und ebensogut wie im großen und ganzen wenigstens in den Kulturländern und in den gebildeteren Schichten die