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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1838-04-26 · Heft 50 (26.4.1838) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
2 (1838)
Issue
Heft 50 (26.4.1838)
Date
1838-04-26
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
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200 Gtadt bis auf wenige Punkte bedeckte, und am 14. Abends die Höhe von beinah 30 Schuh, also um beinah 5 Fuß höher als im Jahre 1774 erreichte. Das Wasser drang, trotz allen Verschanzungen, mit feindlicher Wuth in die Kaufladen, Waaren-und Produkten-Magazine, Keller u. s. w. Doch wie nachtheilig dieS auf den Wohlstand unserer, besonders im Handel blühenden Stadt auch wirkte, so ist diese Zerstörung nichts gegen die Verwüstung, welche die Wasserwüste in der meist auö niedcrn Häusern bestehenden Vorstädten anrichtete; — nichts gegen die Verzweiflung, zu welcher das immer steigende Wasser die Unglücklichen trieb. — Viele, die sich nicht anders retten konnten, stiegen, mit ihren Kindern auf den Armen, auf die Dächer auf die Giebel, und schrieen hier ängstlich um Rettung! — Doch umsonst! — Nicht überall konnten, die ohnehin nicht genug zahlreichen Kähne und Flöße gelangen; — nicht alle konnten die zahlreichen sich selbst aufopfernden Menschenfreunde retten. — Die Häuser stürzten, und Lausende fanden unter Lausenden von Schutthaufen ihr Grab. Viele Lausende von den Unglücklichen wurden, jedoch ohne etwas von ihren Habseligkeiten retten zu können, durch die muthvollen Anstrengungen der Militair- und Civil-Personen theilö in die Kaserne, in daö Ludovicaum, in die lutherische Kirche, die einzigen festen Plätze, theils auf den einzigen trockenen Markt-Platz untergebracht. — Mein diesmal um so heiligerer Beruf führte mich auf die verschiedenen Rettungs-Platze, um meine Kranken zu finden; aber unauslöschlich wird mir das jammervolle Bild dieser traurigen Scenen eingeprägt bleiben. — In den Kasernen sah ich die Soldaten zusammenrücken, um den verunglückten Bürgern Plätze einzuräumen, und hier mußte sich eine Frau bequemen, die noch 3 Lage zuvor eines von ihren sechszehn Hausern nach Belieben zur Schlafstätte wählen konnte. — In der Kirche — auch sonst, und umsomehr diesmal das Asyl der Bedrängten — lagen Jude und Christ, Katholik und Lutheraner, zwar elend, doch friedlich, wie Kinder Eines Vaters am Boden umher. — Auf dein Markt-Platz waren in den eben für die Messe aufgestellten Hütten alle Gattungen von Unglücklichen, Kranken, Greisen, Kindern u. s. w. hungernd und vor Kälte mit den Zähnen klappernd zu sehen. — Hier vereinte eine Hütte, die sonst durch kaufmännisches Interesse getrennt waren; — da theilten brüderlich, die sich früher bitter haßten, ein Stück Brod; — dort war eine zarte Dame froh, die Nachbarin eines Bettlers sein zu können. Es gab hier nur Freunde — Leidensgenossen — Menschen! — Allenthalben gab es nur einen Litel — Retter — nur eine Würde — Großmuth — nur eine Religion — Näch stenliebe — nur einen Stand — der Zustand der Unglücklichen — und nur ein Gebet— „Gott! sieh' uns bei!" — _ / Dank, höchsten Dank Sr. k. k. Hoheit dem Erzherzog' Joseph, seinen weisen und schleunigen Maßregeln danken wir Lebensmittel, Ordnung und Lrost. ~ Er öffnete gastfreundlich die zahlreichen Gemächer seiner Burg, um die nach Ofen Geflüchteten „so lang bis sie einen sichern Ort gefunden haben werden," zu beherbergen und zu bewirthen; er zeigte sich groß als Fürst wie als Mensch, er zeigte sich als Palatin -der edlen und gastfreien Ungarn, so wie sein Sohn der Erzherzog Stephan — uns ein schöner Morgenstern, indem er nicht nur die Gefahr mit uns theilte, sondern mit äußerster Lebensgefahr über den reißenden Donaustrom sich zu uns überfahreniieß, um durchsein Bestreben und seine Anciferung, Hilfe und Rettung zu bringen, — sich eines solchen Vaters würdig zeigte. Unerinüdel waren der Tavemikus Baron EötvöS — welcher noch täglich 120 Personen bewirthet — und der k. Commiffär Hofrath von Longai, derer Beider energischen und gewandten Anordnungen, nächst jener erlauchten Herren, wir das künftige zu hoffenstehende Emporblühen unserer unglücklichen Stadt zu verdanken haben werden. — Mit den übrigen zahllosen Selbstaufopferungen könnte man Hunderte von Blattern füllen, die, zu einem Kranz geflochten, die Geschichte des menschlichen Hochgefühls ewig zieren' würden. Bürger wie Adelige wagten ihr Leben um die Erhaltung eines andern aus der geringsten Volköklaffe. Aber unter allen diesen Hochherzigen ragt der ebenso Körper - als Seelen-starke Baron Wesselengi am meisten hervor, welcher mit beispielloser Selbstaufopferung viele Familien rettete. — Aber nicht nur hiesige, sondern auch fremde eben auf den Markt hier angelangte, besonders Wiener Kaüfleute, theilten nicht nur die Gefahr, sondern auch deren Abhilfe, unter welchen der Hr. Feiler, mit Hintansetzung seines Geschäfts und Lebens, sowol persönlich als pekuniär dem Unglück am meisten zu steuern strebte. Glicht am Unrechten Platze dürfte sein, das, nicht sowol der Bedeutenheit alö der Zartheit der Leistung wegen, erwähneswerthe Betragen eines fremden Herrn hier anzuführen. In'S Bau ersehe Kaffeehaus kam ein Herr, und bat zwei Juden, etwas Geld zu übernehmen, um ihren verunglückten Glaubensgenossen — die sich nach den mosaischen Gesetzen deö Genusses der ausgetheilten Mittel enthielten — kafcher kochen zu Lassen. Er übergab ihnen, was er gerade noch bei sich hatte, 50 Fl. CM. — Derselbe Herr soll an mehren Orten Geld vertheilend gesehen worden sein — und erwiderte, auf die Frage nach seinem Namen: „ich habe keinen —Nach Verlauf einer Stunde war es den beiden Juden gelungen, den unbekannten Wohlthäter, — obgleich er sich als er sie erblickte in den Mantel hüllte — wieder zu finden; — sie übergaben ihm daher die vom Herrn Rabbi Schwab ^ausgestellte Quittung , der Unbekannte fiel ihnen um den Halö, küßte sie und dankte ihnen; auf ihre wiederholte Bitte antwortete er ihnen abermals „ich habe keinen Namen" und verschwand. Von allen Seiten strömen uns Lebensmittel in Fülle zu, die gleich an die Bedürftigen vertheilt werden. — e@e. Majestät der Kaiser F erd in a nd V., unser allergnädigster König, machte unter andern eine bedeutende Schenkung aus seiner Privat-Schatulle; diesem folgten die Freiherren von Rothschild, von Arnstein und von ESkeles mir bedeutenden Summen, wie auch andere Kaufherren. — Von allen Komi taten Ungarns, so wie auch von den Handelstädten Oesterreichs, haben wir Hoffnung Beiträge zu erhalten, aber was sind alle diese milden Gaben für den ungeheuren Mangel und das unsägliche Elend!? — Auch M. G. Saphir wird zu unserem Besten. Vorlesungen halten.— Die Schauspieldirectoren, Hr. Karl in Wien und Hr. Natzlin Ofen, gaben Vorstellunaen zum Vortheil unserer Armen. — Meö beeifert sich seine schönsten edelsten Kräfte zu unserem Wohl aufzübieten; und wahrend die Pariser Damen für die armen Polen tanzen, ^bewegen unsere Damen ihre zarten Hände, um durch die Ausstellung und den Verkauf ihrer zierlichen Arbeiten zur Unterstützung der armen Pesther beizutragen. Darum ihr Israeliten, in der Ferne, denen Wohlthun eine Religions-Pflicht, Unterstützung ein Gesetz ist, — die ihr euch täglich in diesen Lugenden übt, und die Mittel in Händen habt, ihr werdet auch in diesem edlen Wetteifer nicht! zurückbleiben wellen, Beistand zu leisten einer freien und gastfreien, vom Unglück heimgesuchten Stadt, deren Lhore stets jedem Fremden bergend und nährend offen standen, deren Loleranz euren Glaubensgenossen den noch herrschenden Druck der Nichtgleichstellu n g so wenig als möglich fühlen Läßt. — Ihr werdet nicht zurücktreten, den durch das furchtbare Element aufgeriffenen Abgrund, durch euren wohlthätigen Zufluß, zum erquickenden Brunnen, für so viele unschuldig Verunglückte, umstalten zu helfen! — Ich aber fühle zum erstenmale, daß ich nicht reich, daß rch unglücklich bin, nicht wenigstens einem kleinen LH eil dieses großen Unglücks abhelfen zu können; aber auch mich tröstet die Hoffnung durch meine schwache Feder die mächtige Lriebfeder so vieler schonen Handlungen bewegt zu haben. Drum Brüder! helft, und'der Herr wird Euch lohnen, und das Gebet so vieler dankbarer Unglücklichen Euch segnen. vr. B- Redacteur: Dr, L. Philippfon. - Verlag von Baumgävtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirfchfeld.

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