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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-09-25 · Heft 39 (25.9.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 39 (25.9.1903)
Date
1903-09-25
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. No. 39. Allgemeine Berlin, 25. September 1903 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 ITC. Redakteur: Gustav rrarpeles. Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. 2llle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die-Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Der Verlöhmmgstsg. Berlin, 24. September, enn es eines Beiveises dafür bedürfte, das; das religiöse Leben in unserer Mitte durchaus nicht so erstorben ist, wie die frommen Zivnsivächter uns so gern glauben machen möchten, so könnte die Feier des Versöhnungstages in unserer Zeit das leuchtendste Beispiel hierfür abgeben. Mau kann nach tieferer geschichtlicher Einsicht es wohl behaupten, das; der große Tag der Versöhnung nach seiner vollen sittlichen und religiösen Bedeutung vielleicht zu keiner Zeit in Israel ernster erfaßt und würdiger gefeiert wurde als in der Gegenwart. Freilich werde»! jene behaupten, daß das ganze religiöse Leben unserer Zeit sich heute auf den einen Tag beschränke, aber selbst, wenn dem so >väre, so ivürde die einzigartige Feier des Versöhnungstages immer noch ein Zeichen tiefen religiösen Sinnes in unserer Mitte bleiben. Aber es ist dem nicht so, und es könnte wahrlich nicht schwer fallen, auch an vielen anderen Erscheinungen der Gegenwart, an denen »vir sonst achtlos vorübergehen, den Nachweis zn führen, daß in Israel noch iinmer der religiöse Sinn unserer Altvorderen lebt. Die Krone und der Mittelpunkt unseres religiösen Lebens bleibt aber der Versöhnungstag. Was seit uralten Zeiten als die heiligste Aufgabe dieses Tages galt: ein Tag der inneren Versöhnung, ein Tag der Selbstprüfung, ein Tag der Einkehr und der Ilmkehr zu sein, das ist der Versöhnungstag für den Juden der Gegenrvart in des Wortes vollstem und tiesstein Sinne. Wahrlich, »venn »vir diesen Tag nicht von jeher besäßen, »vir müßten uns einen solchen schaffen, um in» Getriebe der Gegeuivart, inmitten des atemlos pulsierenden Lebens und Strebens, Stoßens und Drängens einen Tag der Einkehr zn finden, an dem »vir unser besseres Selbst, das uns so oft in der Not des Daseins verloren gegangen, »viederfinden, an dem »vir mit uns zu Gerichte gehen, unsere Fehler und Jrrtümer erkennen und uns still geloben, an unserer sittlichen Vervollkonuunung zu arbeiten und alles zu »neiden, »vas uns hierin stören könnte. Wie falsch wird aber von unseren Gegnern die Idee des Versöhnungstages ausgelegt, und nicht nur von unseren Gegnern, sondern auch von solchen, die da behaupten »vollen, daß sie das Judentum kenne»»! Durch einen Zufall haben wir gerade in diesen Tagen die Schrift eines alten Judeninisstonars über den Versöhnungstag gelesen. Welche Verwirrung der Begriffe, »velche' Verdrehung der Tatsachen! Alles Schwergewicht wird aus die Sünde gelegt und auf das Opfer in jenem bekannten sinne, für den Gott sei Dank uns das Verständnis bisher nicht aufgegangen , ist »,nd wohl auch niemals aufgehen wird. Diese Idee des Opfers kennen »vir nicht und eines Mittlers zivischen uns und unseren» Gotte bedürfen »vir nicht. Diese große und heilige Idee ist die erste und höchste, die uns der Versöhnungstag iinmer wieder von neuem in Erinnerung ruft. An der Schwelle des Jorn Kipur empfängt uns die Synagoge mit dem Jubelruf: „Es sei verziehen der ganzen Gemeinde Israels und dein Fremden, der in ihrer Mitte »veilt, denn alles Volk sündigte im Irrtum!" Unmittelbar wendet sich Israel an seinen Gott und ebenso unmittelbar verkündet ihn» des Herren Stimme a»n Eingang des großen Tages den beglückenden Gedanken der Versöhnung. Da ist nichts zu hören von Seufzern, die nach Versöhnung schmachten, von Tränen, von banger Sorge, von Aechzen und Stöhnen, wie jener Missionar augibt. Die frohe Botschaft, die dieser Tag dem fron»n»en Geinüt entgegenbringt. lautet Versöhnung. Und darum ist es auch keine dumpfe Resignation, mit der uns die Feier des Tages erfüllt. Wir klagen nicht mehr über die versurikene Herrlichkeit. Wir zählen nicht die Opfer auf, in deren Darstellung der Judenmissionar so gefällig schwelgt; die Schatten der Vergangenheit sind versunken, der Spuk der Jrrtümer, der aber bei dem nahenden Morgen verschivindet, ist von uns geivichen, die Idee des Versöhnungstages, wie sie in nuserem Gebetbuche zum Ausdruck koinmt, ist eine so reine und von allem Bei»verk losgelöste, daß auch der größte Philosoph daran keinen Anstoß nehmen und diesen Tag mit uns feiern könnte, der mit der Idee der Versöhnung beginnt und mit dem hochheiligen Beke»ii»tnis abschließt, daß »vir am Ende des Tages mit aller Kraft des Geistes und des Herzens ausrufen: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist der Eine Gott! Gelobt sei sein Name, seine Herrlichkeit n»»d sein Walten immer und ewig!" Was dazivischeu liegt, ist, wie gesagt, nur der Einkehr und der Selbstprüfung geiveiht. Jedes dieser Gebete kann auch vor der strengsten Prüfung bestehen. Der Angstschrei der Synagoge ist nicht mehr darin zu vernehmen, aber eine Innigkeit und Tiefe spricht aus allen diesen Gebeten, eine Höhe der Weltanschauung, ei»» Vertrauen auf den Sieg des Gute»», eine Fülle von Hoffnungen auf die Zukunft der Menschheit, so daß es in» Hinblick allein ans das Gebetbuch des Versöhnlrngstages Vermessenheit »väre, einer religiösen Geineinschaft Bestand und Dauer abznsprechen, die an» heiligsten Tage ihres Jahres ein solches Bekenntnis ablegt solche Ueberzeugungeu ausspricht und solche Hoffn»»ngen imHerzen trägt. . Aber noch eine andere Bedeutung hat der Versöhnungstag für das Judentun» der Gege»»wart. Wie viele, die längst de»» Weg zur Synagoge verloren, finde»» ihn an diesem Tage »vieder, und »vie manches sturinverschlagene Herz kehrt zu seinen» Heilgtnme zurück und richtet sich in Treue u»»d Ergebung »vieder auf! Diese Bedeutung des Versöhnungstages ist infolge der Zeitverhältnisse eine größere und tiefere, als sie jemals sein konnte. Alle großen Gedanken, »velche die Männer

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