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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-08-28 · Heft 35 (28.8.1903) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 35 (28.8.1903)
Date
1903-08-28
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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Gesterreich-Nnssrn. Q Wien, 25. August. Bekanntlich hat der Bürgermeister Dr. Lueger die bei der Tramwaykasse provisorisch angestellten Aerzte, die keinen Taufschein besitzen, entlassen, und sich auch nicht bewogen gefühlt, diese Maßregel auf das Ansuchen des Präsidiums der Wiener Aerztekannner rückgängig zu machen; ebenso erfolglos blieb ein in dieser Angelegenheit vom Vorstände des Verbands der Aerzte Wiens an den Gewaltigen nach Karlsbad gerichtetes Ansuchen! — Am 19. d. M. feiert der Bezirksrabbiner in Damboriz (Mähren), Herr Samuel Hahn, sein 40 jähriges Dienstjubiläum als Seelsorger der Damboritzer Kultusgemeinde. Der Jubilar, der sich große Verdienste um die Heranbildung der Jugend erworben, hat sich alle ihm zu-- gedachten Ovationen verbeten und diesen Tag in völliger Zurückgezogenheit verbracht. Der Finanzminister hat den Dr. Josef Raudnitz zum Ministerial-Sekretär und Dr. Berthold Pick zum Sekretär der Finanz-Prokuratur in Wien ernannt. — Der Kaiser hat dem Vertreter der Firma Thomas Cook in Wien, Herrn Arnold Keßler, den Titel eines kaiserlichen Rates verliehen. — Am 19. d. M. starb hier der kaiserliche Rat Max Schiss im 75. Lebensjahre. Er war im Jahre 1871 einer der Begründer des Kreditorenvereins und wurde dessen erster Präsident. Diese Stelle hatte er bis 1900 inne, worauf er für seine Verdienste nur den Verein zmn Ehrenpräsidenten gewählt, und sein Bild 311m bleibenden Gedächtnis im Sitzungssaale des Kreditorenvereins angebracht wurde. Der Verstorbene stand in der Wiener Geschäftswelt in hohem Ansehen. — Der Krakauer Nabbirrerkongreß ist ausgegangeu wie das Hornberger Schießen. Eine Erklärung über die ablehnende Haltung des Judentums gegenüber revolutionären Unitrieben —unnötig weil selbstverständlich — eine Debatte über Erziehung der Jugend, die kein Resultat brachte, dann endlose Zänkereien zwischen Orthodoxen und Chassidim — das war alles. Ueber die wichtigsten Punkte der Tagesordnung kam es zu keinem Beschluß. Das Reformelement war überhaupt nicht vertreten. Es hätte bei der Zusammensetzung dieses Kongresses auch nichts leiften können. Auf ein Huldigungstelegramm an den Kaiser kam folgende Depesche als Antwort: „Kabiuetskanzlei Sr. k. u. k. apostolischen Majestät. An Herrn Rabbiner Horowitz. Se. k. u. k. apostolische Majestät danken den Teilnehmern am Rabbiner-Kongreß allergnädigst für die dargebrachte Huldigung. Kabiuetskanzlei." Äuszlsnd. e. Warschau, 22. August. Hier ist es, wie bereits gemeldet, am vorigen Donnerstag zu schweren Krawallen gegen die Juden gekomlnen. Man schreibt uns hierüber unter dem 14. August: Die Berichte über den Ursprung der Krawalle lauten uodb sehr widersprechend. Ein Israelit soll einen orthodoxen Knaben ausgescholten haben, nach anderen hätte er denselben, den Sohn eines höheren Beamten, mit häßlichen Schimpfworten belegt. Um beide sammelte sich eine Volksmenge an, der Israelit wurde von einigen Herren geohrfeigt, Glaubensgenossen eilten ihm zu Hilfe und im Handumdrehen war eine allgemeine Schlägerei inmitten des Judenviertels im Gange. Die herbeigeeilte Polizei wurde verhöhnt, mit Steinen geworfen und mußte sich schließlich zurückziehen. In weniger als einer halben Stunde war die Franziskanskaja und die Genchaja — die beiden Hauptstraßen des Judenviertels — in vollen! Aufruhr, der sich bis zum Krasinski-Garten und dem Palaste im Süden und bis zur Wladimir-Kaserne rasch ausdehnte. Aus den volksreichen Nachbarstraßen drangen durch übertriebene Gerüchte erregte und erbitterte Volkshaufen in das Judenviertel, dessen Straßenzugänge die Polizei vergeblich abzusperren suchte. Die Polizisten wurden mit Flaschen, Steinen und allerhand Hausgerät beworfen, in einem Falle sogar siedendes Wasser aus den Fenstern auf sie gegossen. Jetzt eilten Kosaken vom Fort Alexej kommend, die Franziskanskaja hinunter und begannen diese rechts und links dreinhauend zu säubern. Bald fanden überall blutige Handgemenge statt. Die Zahl der hierbei Verwundeten wird sehr verschieden angegeben. In dem Krankenhause anl Nächstliegenden Breni-Platze wurden einige sechzig Verwundete eingeliefert. Die meisten Verletzten aber versteckten sich in ihren Häusern, um der Verhaftung und weiteren Mißhandlungen zu entgehen. Der Generalgouverneur erschien persönlich, gab die schärfsten Befehle zur sofortigen Wiederherstellung der Ordnung und ließ das Judenviertel sperren. Die Zahl der Verhafteten beträgt noch jetzt, nachdem schon viele Inhaftierte wieder entlassen worden, 582. Von Kah und Fern. ---- Unter den der Fürsorge-Erziehung Ueberwiesenen 7787 Minderjährigen in Preußen waren 1901 im ganzen 0,5 Prozent jüdische. — Oberlehrer Dr. M. Goldschmidt von der Samson-Schule zu Wolfenbüttel ist zum 1. Oktober zum Oberlehrer an der Oberrealschule in Kattowitz O.-S. ernannt worden. — In der Nach: auf Sonntag wurden die Synagoge und die oberste Stadtkirche in Iserlohn von Einbrechern heimgesncht. In diese stiegen sie durch ein zertrümmertes Turmfenster, durchsuchten alles, haben aber nichts Brauchbares gefunden. Schlimmer ging es in der Synagoge: hier erbrachen sie sämtliche Schubladen an den Sitzen und zerrissen bie darin gefundenen Bücher, ebenso die Teppiche und Vorhänge. Auch haben sie die schweren Oefen umgeworfen. Von den Tätern fehlt jede Spur. - InRandegg wurde Dr. M 0 s e s H 0 f m a n n vom Berliner Seminar zum Rabbiner gewählt. — Am 13. d. M. ist Dr. Lustgarten aus Krakau von der Lomnitzer Spitze abgestürzt und tot liegen geblieben; erst nach zweitägiger Anstrengung ist es gelungen, die Leiche zu bergen. — Der sechste Zionistenkongreß wurde am 23. d. M. in Basel mit einer Rede von Dr. Herzl eröffnet, in der er den Vorschlag machte, da die ägyptische Regierung den Landstrich El Arisch nicht verkaufen will, mit Hilfe Englands ein Territorium in — Ostafrika als autonome jüdische Ansiedlung anzukaufen. Dr. Herzl berichtete auch über seine Reise nach Rußland, wo er die Zusicherung erhielt, daß die Regierung dem Zionismus kein Hindernis in den Weg legen wolle, wenn er wie bisher einen ruhigen und gesetzlichen Charakter behält. Ausführlicher Bericht folgt. — Bei bei: Munizipalwahlen in Mantua wurde, zum erstenmal in Italien, eil: Geistlicher von der antisemitischen Partei gewählt. — Baron Alph onse Rothschild, Chef des Pariser Hauses Rothschild, ist bei Trouville mit seinem Automobil umgestürzt und hat sich dabei leichte Verletzungen am Kopf zugezogen. — In Marseille ist der Grandrabbiner Jonas Weyl am 8. d. M. nach langem Leiden gestorben. Ehre seinem Andenken! — I. H. von Hassels wurde zum Hauptmann in der holländischen Armee für den Truppendienst in Niederländisch-Ost indien ernannt. — Sir Samuel Montague gab dem Londoner Gemeinderat 10 000 Lstr. mit der Bestimmung, daß dafür ein Grund in Wood green (Londoner Vorstadt) erworben werde, worauf Wohnhäuser erbaut werden sollen, welche an Leute ohne Unterschied der Konfession und Rasse vermietet werden sollen, die in den letzten Jahren im Whitechapel gewohnt haben. — Ein Protest gegen die Vorschläge der Fremdenkommission wird auf Antrag der jüdischen Schneidergewerkschast zu Manchester auf dem bevorstehenden Kongreß der englischen Trades Union zur Verhandlung gelangen. — Arnold White, der englische Antisemit, hatte der russischen Regierung den Plan vorgelegt, durch eine Konferenz der beteiligten Mächte (Rußland, England und Amerika) die Judenfrage zu lösen. Die russische Regierung Hai nun nach „längerer ernster Beratung" den Plan dankend abgelehnt, da sie eine Konferenz, welche sich mit internen russischen Angelegenheiten befassen soll, unmöglich acceptieren könne. — Im Dorfe Stelowicchy im Kreise Masovien in Russisch- Polen wurde eine furchtbare Bluttat verübt. Die ganze Familie des Pächters Mordet Leifert wurde in der Nacht überfallen und im Schlafe niedergemetzelt. Mordek hatte fünf Söhne, von denen nur einer mit dem Leben davonkam, der sich in Amerika befand. — Bei Kiew starb der Jude Nuchim (Nachum) Falkowitz im Alter von 121 Jahren. Einzelne feiner Söhne und Töchter sind gegen 80 Jahre alt. Der Greis erinnerte sich, Napoleon I. und die Kaiserin Katharina II. gesehen zu haben. — Zur Verhütung neuer antisemitischer Ausschreitungen in Rußland hat der heilige Synod bestimmt, daß, falls eine Animosität der Bevölkerung sich gegen die Juden irgendwo bemerklich machen sollte, die örtliche Geistlichkeit alsbald durch Predigt und Kolloquien das Volk darauf Hinweisen soll, daß ein solches Gebühren eines orthodoxen Christen unwürdig sei, daß auch die Juden die Untertanen des'elben Zaren seien, wie die Orthodoxen, und daß Ausschreitungen gegen die Juden die öffentliche Ordnung stören und Handel und Wandel lähmen. Etwas spät! — Zahlreiche jüdische Bauern aus den südrussischen Kolonien haben erklärt, daß sie infolge großer Landknappheit nach Argentinien auswandern möchten. Die J. C. A. hat nun erklärt, daß sie diese tüchtigen jüdischen Bauern mit Freuden in Argentinien unterbringen werde, falls sie die Reisekosten selber bestreiten wollen.

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