Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1903)
- Date
- 1903-08-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228562--60062-3296624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jahrgang. No. 34. Allgemeine Berlin, 21, August 1903. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.? Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, j Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. . Redakteur: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner S>* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Nullilche Drohungen. U Berlin. 19. August, m wieviel bestürzter als vor zwanzig Jahren Baron Günzburg das Sprechzimmer jenes menschenfreundlichen Ministers Jgnatieff, der jetzt längst vom Schauplatze abgetreten -st. verließ, müssen kürzlich die Mienen der Deputation angesehener jüdischer Kaufleute aus Kifchinew ausgesehen haben, als ihnen bei der Audienz der Minister v. Plehwe wörtlich er- 'ffnete: „Wisset! Wenn es Euch nicht gelingen sollte, die üdische Jugend von der Teilnahme an der revolutionären Bewegung zurückzuhalten, werden wir Eure Lage in Rußland so unerträglich machen, daß die Juden bis auf den letzten Manu Rußland werden verlassen müssen." Diese drohendeil Worte sind doch sicher authentisch, ebenso lvie der Eingang der Ansprache des Ministers: „Die Juden in Rußland sind ein fremdes Volk, sie müssen daher bescheiden sein. In Südrußland bilden die Juden 90, im Innern Rußlands 40 Prozent der Revolutionäre . . . ." Nun hätte die Deputation (allerdings wohl unter Anwartschaft auf eineil Spaziergang liach Sibirien) dem Minister hierauf ailtwvrten können: „Im Süden Rußlands, speziell in den erst der Türkei, beziehentlich Rumänien, abgenommenen Provinzen, lvie bei uns in Bessarabien, wohnen die Juden weit länger als die Russen, welche dort mit dem Schwert in der Faust eingedrungen sind, - auch nennen wir hier eine alte Kultur unser, die es uns verbietet, uns vor den vom Militär nicht bedrohten, feigen Mordbrennern von Kischinew noch nachträglich zu ducken. Wenll wir unsere Söhne, wie Exzellenz drohend bemerken, voll der Teilnahme un den ganz Rußland und namentlich die russischen Universitäten durchziehenden Bewegungen mehr abhalten sollen, welche auf Erlangung einer Verfassung nach europäischem Muster abzielen, so haben wir das längst im Interesse unseres jöchsten Gutes, unserer Kinder und unseres Glaubens, ja der Selbsterhaltung getan. Denn wir wissen, ivieviel schwerer der Jude solche Teilnahme an den vorwärts drängenden Bestrebungen der übrigen Landeskinder, mit denen er zusammen doch dieselbe geistige Lust einatmet, büßen muß, falls man es, wie jetzt, für opportun hält, dem Zaren die Juden als die hauptsächlichen, ja alleinigen Schöpfer der russischen revolutionären Bewegung hinzustellen. Aber wirkönnen nichts dafür, wenn unsere Söhne die Teilnahme an den Bestrebungen ihrer Landesgenossen höher stellen, als die Ruhe und das Glück ihrer Eltern, als ihr eigenes Lebensglück, ihre Karriere, ja höher als alles, was des Lebens Notdurft selbst dem Aermsten vergönnt, denn der jüdische „Nihilist" — und fei er auch nur Mitläufer an einem harmlosen Gymnasiastenstreich — wird schlimmer gehetzt, als das wilde Tier des Waldes. Berichten Sie dem Zaren, daß unsere Religion uns stets die größte Hochachtung und Ehrfurcht vor seiner Regierung gebietet, daß aber die Herrschast der Lüge und Gewalttat ihm die Wahrheit vorenthält, und daß uns die Berichtigung der ihm über die Juden zugetragenen Unwahrheiten an allerhöchster Stelle selbst gestattet sein muß, endlich daß es jedenfalls moralische Erpressung ist, wenn Sie, Herr Minister, uns für die etwaigen politischen Verirrungen einzelner, die dafür mit ihren Landesgenossen bereits genugsam büßen, nur weil wir Juden sind, als Eltern ebenfalls noch besonders hart bestrasen wollen. Sie, Herr Minister, nennen uns Fremde, obwohl Sie selbst viel später eingewandert in Rußland sind, und wollen uns des Landes verweisen, weil unsere Kinder, um die wir, sobald sie die russische Universität besuchen, Angst genug ausstehen (weil dort jedes freie Wort der Spionage unterworfen ist), weil unsere Kinder dieses Land und seine Bürger mehr lieben als ihre und unsere Ruhe, ihr eigenes und unser Lebeusglück! Diesen Ihren Einschüchteruugsversnch müssen wir aber zurückweisen, Herr Minister, er bestätigt uns geradezu die längst in Europa und Ainerika bekannt gewordene Vermutung, daß Sie die Metzeleien in Kischinew nicht nur zugelassen, sondern indirekt angeordnet haben, um die Aufmerksamkeit von der tiefgehenden Gärung ini Lande abzulenken, für dessen Mißregierung wir nicht verantwortlich sind und sein können, denn unsere Söhne studieren schon jetzt häufig im Auslande und sie sind dort nicht die schlechtesten Jünger der Wissenschaft. . ." Zu dieser einst weilen dem Herrn v. Plehwe mündlich seitens der eingeschüchterten Deputation noch nicht erteilten Antwort möchten wir aber noch einen kleinen Kommentar geben. Der Minister macht bezüglich der größeren oder geringeren Teilnahme der Juden an der „Bewegung" einen bezeichnenden Unterschied zwischen Südrußland und dem Innern Rußlands. Gerade aus den Gouvernements des Ansiedlungsrayons ist uns ja bekannt, wie entsetzt die dort zumeist noch streng religiösen jüdischen Eltern sind, wenn ihre Söhne ihnen durch die au den Universitäten herrschende „Bewegung" geradezu geraubt werden. Oder soll sich, wenn an einer Universität 500 Studenten gegen einen mißliebigen servilen Professor z. B. demonstrieren, ein besonderes Wunder vom Himmel vollziehen und die jüdischen doch nur in einem geringen Prozentsatz zu den Universitäten zugelassenen Kameraden durch die Lust von Moskau etwa direkt zu ihren Eltern nach dem Wiluaer Gouvernement zurückführeu! Die dem Zaren von den Tschinowniks gemeldete Ausrede von der hauptsächlich jüdisch-revolutionären Propaganda könnte doch nur von der Regierung und nicht ausschließlich von den jüdischen Eltern zu Hause wieder reguliert werden, indem man die besonders schimpfliche Ausschließung gerade der befähigtsten Juden von der Wissenschaft, von der Landwirtschaft, Staatskarriere usw. aufhebt, den Juden eigene Gymnasien bewilligt und ihrer Jugend wieder Freude und Teilnahme am eigentlich jüdischen