Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 derselben Stelle: „daß wir uns bemühen werden, den Wunsch des Herrn Bürgermeisters, Münchweiler nicht mehr zu besuchen, unseren Glaubensgenossen soviel als möglich bekannt zu geben. Sollte indessen die aufblühende Industrie in Münchweiler darunter leiden, so würden wir es sehr bedauern, indessen hätten die Interessenten dann Gelegenheit, sich bei ihrem Ortsoberhanpte für seine väterliche Fürsorge zu bedanken. Der übrige Inhalt des gestrigen „Eingesandt" bewegt sich in eillem so schmutzig antisemitischen Fahrwasser, daß wir es unter unserer Würde halten müssen, daraus zu erwidern." Gesterreich-Anggrn. LH Wien, 10. Juli. In welch unerhörter Weise unser antisemitischer Magistrat gegenüber den Bürgern verfährt, das zeigten uns wieder einmal zwei Vorsälle in eklatanter Weise. Die Oberlehrerstelle an der städtischen Volksschule Untere Augartenstraße 3 wurde, trotzdem die Majorität der Schüler israelitischer Konfession ist, einem Katholiken übertragen, und zwar ohne Ausschreibung. Der betreffende Oberlehrer wurh§ „aus Dienstesrücksichten" in kurzem Wege auf diese Stelle versetzt. Die Ausschreibung hätte schon vor einem Jahre erfolgen sollen, unterblieb aber. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde hat nun diese Stellenbesetzung zum Gegenstand eines Rekurses gemacht. — Noch drastischer ist der zweite Fall! Anläßlich der Uebernahme einer hisher privaten Tramwaylinie durch die Kommune Wien wurden alle bisherigen jüdischen Beamten, darunter die meisten Familienväter, samt und sonders aufs Pflaster gesetzt. Die als dienstuntauglich vom Betrieb entfernten Christen wurden zu leichten Nemisearbeiten bestimmt. — Vor einigen Tagen ist hier Dr. Felix Edler von Mises im 57. Lebensjahre gestorben. Er war in Lemberg als der Sohn einer der angesehensten jüdischen Familien geboren, studierte in Wien, wo er auch längere Zeit als Assistent tätig war, Medizin als Jünger der Prosessoren Zeisel, Hebra und Dittel. Bis vor ungefähr zehn Jahren, seit welcher Zeit ihn Krankheit ans Zimmer fesselte und er sich gänzlich der Wissenschaft und ganz besonders der Erforschung der hebräischen Sprache widmete, übte der Verstorbene feinen Beruf abwechselnd in seiner Heimatstadt und in Wien aus. — Eine fünszehngliederige Deputation der orthodoxen Judenschaft Ungarns erschien unter Führung des orthodxen Rabbiners voll Budapest, Koppel Reich, beim Ministerpräsidellten Grafen Khuen-Hedervüry, um ihn anläßlich seines Amtsantrittes zu beglückwünschen. Der Sprecher der Abordnung, Dr. Jacob Schächter, verdolmetschte den Glückwunsch der Deputation und erbat den Schutz des Kabinetschefs für die orthodox-jüdischen konfessionellen Interessen. Hierauf dankte der Ministerpräsident für die Begrüßung. „Es freut mich", sagte er, „Ihre feste Anhänglichkeit an die Religion wahrzunehmen. Der religiöse Eifer ist mtr sehr sympathisch, sehr lieb. Er bildet eine Stühe im Kampfe des Lebens. Die strenge Einhaltuilg der Glaubenssatzungen seitens jeder Konfession schätze ich hoch. Der Glaubenseifer ist auch im Interesse des Vaterlandes erwünscht. Ich meillerseits versichere Sie meiner Unterstützung in Ihren patriotischen Bestrebungen." Lebhafte Eljenrufe begleiteten die Worte des Ministerpräsidenten, der sich dalin särntliche Deputationsmitglieder vorstellen ließ. — Vom Ministerpräsidenten begab sich die Deputation zum Unterrichtsnlinister Dr. Julius Wlassics, wo Daniel Weiß die Freude der orthodoxen Judenschaft darüber verdolmetschte, daß Minister Dr. Wlassics auch im neuen Ministerium sein Portefeuille behalten. Dr. Wlassics beantwortete die Ovation sehr liebenswürdig und wechselte mit jedem der Erschienenen einige Worte. — Dem Ministerialrat im ungarischen Justizministerium M i ch a e l Szüllt ö unb seinen gesetzlichen Nachkommen wurde in Anerkennung seiner lallgjührigen, eifrigen und erfolgreichen Dienste der ungarische Adel mit dem Prädikate „de Mmet-Keer" verliehen. Ministerialrat Szänto entfaltet seit mehr als drei Jahrzehnten auf dem Gebiete des Justizwesens eine überaus ersprießliche Tätigkeit und hat sich besonders als Leiter der Sektion für internationales Recht im Justizministerium große Verdienste erworben. Schweiz. ----- Basel, 17. Juli. Die Tagesordnung des VI. Zionisten- Kongresses (23. bis 28. August) lautet folgendermaßen: 1. Eröffnung des Kongresses durch Dr. Th. Herzl. 2. Bericht des LeAtimationsausschusses. 3. Wahl des Bureaus und der Ausschüsse- 4. Rechenschaftsbericht des A.-C. a) Allgemeiner Teil. Referent: Arch. O. Marmorek. b) Kassabericht. Referent: Dr. O. Kokesch. 5. Diskussion. 6. Berichte der Landeskomitees. 7. Politisches Referat. Referent: Dr. Max Nordau. 8. Anstedlung. Referent: Dr. Franz Oppenheimer. 9. Der Zionismus und die Wohltätigkeitsanstalten. Referenten: I. Zangwill und N. Sokolow. 10. Bericht über den Nationalfonds. Referent: I. Kremenetzkh. 11. Bericht der Nationalfondskommission. Referent: Doktor Farbstein. 12. Organisation und Agitation. Referent: Sir Francis Montefiore (allgemeiner Teil); Dr. Bodenheimer (Organisation); Dr. Klee (Agitation). 13. Bericht über die Jüdische Kolonialbank. Referent: D. Wolffsohn. 14. Bericht der ständigen Ausschüsse. 15. Wahlen des A.-C. und der ständigen Ausschüsse. 16. Initiativanträge und Eventualia. Von Kah und jfern. Die Antisemiten haben nach der eben erschienenen Wahlstatistik fast nur in Preußen Erfolge aufzuweisen; Hessen-Nassau hat deren 5, Brandenburg 2, Westpreußen, Pommern, Westfalen und das Königreich Sachsen je 1 Antisemiten in den Reichstag gewählt. Die Stimmen der Antisemiten wurden 1898 auf 284 250 angegeben; jetzt sollen sich 244 587 aus antisemitische Kandidaten vereinigt haben. - Graf Pü ckler-Kl ein Tschirne hat die Aufforderung erhalten, die Festungshaft, zu der er wegen Beleidigung des Sanitätsrat Dr. Neumann in Glogau verurteilt wurde, in Weichselmünde sofort anzutreten. Die Geldstrafe, zu welcher er wegen Zerstörung einer Feldbahn begnadigt wurde, hat er bereits bezahlt. —- In Sachen des Handlungskommis Hauptmann in Breslau hat nun auch der Kriegsminister gesprochen. In seinem Antwortschreiben auf die b«> treffende Beschwerde tadelt er das Verhalten des Kompagniechefs und teilt mit, daß er die Sache zur weiteren Veranlassung an das Generalkommando in Breslau abgegeben habe. — Der Vorstand der Synagogengemeinde Breslau wählte in seiner letzten Sitzung zum Gemeindesekretär an Stelle des Herrn H. Fuchs, der sein Amt niedergelegt hatte, um in seine frühere kaufmännische Stellung in Landeshut zurückzutreten, Herrn Stadtkämmerer Max Wollmann in Borek (Provinz Posen). — Die Meldung der „Freisinnigen Zeitung", daß in Kassel sogar ein Teil der Juden für den antisemitischen Reichstagskandidaten gestimmt hat, wird von beteiligter Seite entschieden dementiert. — Die heroische Tat eines Herrn S. Marcus in London, der ein christliches Mädchen aus dem dritten Stocke eines brennenden Hauses mit Selbstaufopferung gerettet hat, wird von den Zeitungen gerühmt. — Bei der jüngsten Truppenrevue in Longch a mps hat ein jüdischer General (Naquet - Laroque) die dritte Artilleriebrigade kommandiert; ferner nahmen teil der Artillerieober.t Valabr^gue, Direktor der Militärschttle, der Oberstleutnant der Artillerie Mayer, der das 12. Regiment führte und der Oberst Herrmai?, der das 84. Infanterieregiment führte. Das wäre ein Anblick für unsere Antisemiten gewesen! — Die Zahl der Juden in Serbien beträgt derzeit 8000. Sie leben meistens vom Handel, sind politisch den Serben gleichgestellt und stellen ein starkes Kontingent in die gelehrten Berufe. Ein Jude, der Bankier Oser, ist Mitglied der Skupschtina. — Das verkrachte Hetzblatt „Snamja", auf welches, wie berichtet, ein Od essaer Bankinstitut Beschlag gelegt hatte, ist gerichtsseitig versteigert und durch den Exkapitän Skott für den Preis von — 400 Rubel erstanden worden. Der Käufer war nur ein Strohmann des ehemaligen Besitzers Kruschewan, der das Blatt vom 1. August ab wieder herausgeben wird. — Im Laufe des ersten Monats seiner Tätigkeit hat das Hilfskomitee für Kischinew 736 476 Rubel gesammelt, von denen 192 443 Rubel aus Amerika. 16 001 aus England, 10 475 aus Oesterreich, 35 675 aus Deutschland, 5000 aus Italien, 1000 aus Hollend und 9248 aus Frankreich, der Rest aus Rußland stammten. Von dieser Summe wurden 464 462 Rubel verausgabe, darunter 50 000 Rubel zur Uebersiedelung von 50 jüdischen Familien nach Palästina. Dem Komitee waren bisher 2538 Gesuche um.Unterstützung zugegangen. — Der amerikanische Arzt Dr. Maurice Fishberg veröffentlicht eine statistische Zusammenstellung über die Sterblichkeit an Tuberkulose, die ergibt, daß in den letzten sechs Jahren zu Newhork von 100 000 Ausländern 646 Irländer und nur 98 russische Juden starben, und daß in Tunis aus 1000 Todesfälle an Tuberkulose 11 Araber und 5 Europäer, dagegen mix 1 Jude entfielen. Daraus leitet Fishberg ab, daß den Juden eine relative Immunität gegen Tuberkulose zukomme.