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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-07-24 · Heft 30 (24.7.1903) · p. Seite 360

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 30 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
Seite 360 (sequence 14)
Language
German
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360 „Wohl kenne ich sie, würdiger Richter," entgegnete mit ruhiger Festigkeit die junge Königin. „Doch erkenne ich sie nicht an." „Dn leugnest also, verbrecherischen Umgang gepflogen zu haben mit Josefus, dem Schwäher des Königs?" Tiefe Glut färbte die Wangen der Königin und eine Zorneswelle zuckte auf in ihrem Auge. „Du schweigst und bekennest Deine Schuld . . ." „Die Verachtung ist's, die mir die Kehle umklammert und mich schweigen läßt," rief zornflammend die Königin, „wer ist es und auf wessen Zeugnis hin wagt Ihr es, mich, Euere Königin, eines so schimpflichen Verbrechens zu beschuldigen?" „Das Grab umschließt den Zeugen Deiner Missetat, Mariamne." „O lebte jener Verächtliche, und hättet Ihr Euch nicht beeilt, ihn stumm zu machen, er müßte meine Unschuld sonnenklar beweisen!" „Die Lippen des Toten sind geschlossen, allein es lebt ein Zeuge Deiner Tat . . ." „Wer ist es? Bringt ihn vor mein Angesicht!" rief flammenden Auges die Königin. „Bringe Lhsippe her, die griechische Sklavin Salomes, der Schwester unseres Königs." Ein Schrei der Entrüstung entrang sich den Lippen Mariamnes. „Bleibe!" gebot sie dem davoueilenden Diener, und sich an die Richter wendend, rief sie in wilder, maßloser Empörung: „Wie? Täuscht mich nicht mein Ohr? Eine Sklavin ist^s, die gegen mich aussagen soll, eine Sklavin, wagst Du, erbärmlicher Richter, der Enkelin Hyrkans, der Tochter aus dem Makkabäer-Stamme gegenüber zu stellen? Habt Ihr so jedes Gefühl für Recht und Sitte verloren? Hat das Altev Euch so blöde gemacht, daß eine verworfene Leibeigene, der nichts zu eigen ist, nicht der eigene Leib und nicht das eigene Wort — wider die Königin, begreift Ihr wohl — noch bin ich Euere Königin! — zeugen soll? Wohlan, ich unterwerfe mich dem Urteil, das Du über mich verhängst — und wahrlich, ich erspate Dir die Schande, daß es nicht laut werde, die Königin der Juden hätte vor dem Zeugnis einer Sklavin gezittert, und die weisen Richter aus Judas Stamme hätten Mariamne, des Hyrkan Enkelkind, auf das Zeugnis einer Sklavin hin verurteilt!" Tiefe Stille folgte diesen im Tone tiefster Entrüstung hervorgestoßenen Worten der Königin. Mit zu Boden gesenktem Blicke verharrten die Richter, dann aber erhob sich rasch der älteste von seinem Sitze, und mit den hoch erhobenen Händen das Buch Mvsis umklammernd, rief er beschwörenden Tones der Königin zu: „Bei diesem heiligen Buche, o Mariamne, Tochter aus dem Stamme der Hasmonäer, das uns gegeben wurde in der Wüste, das unsere Vorfahren geleitete durch alle Schrecken und Gefahren, beschwöre ich Dich, bekenne Deine Schuld, bereu, auf daß Deine Strafe eine gelinde sei und Dein junges Leben vor dem Tode bewahrt werde!" „Ich habe nichts zu bekennen," entgegnete mit ruhiger Klarheit die Königin, „und ich fürchte den Tod nicht! Dort oben in jenen lichten Höhen, da erwartet mich die Seele meines geliebten Aristvbul, ich sehe sein leuchtendes Angesicht inmitten der Engelscharen — sehe seine glanzumflossene Gestalt bei den Stufen des Thrones des Allmächtigen. Euch aber, würdige Richter aus Judäa, Euch, die Ihr in blinder Furcht Eurem Könige dient, Euch sehe ich das Verderben nahe», — ich sehe diese Stadt in Trümmern, zerstört ihre Burgen und ihre Paläste, zertrümmert das Allerheiligste, mit Füßen getreten, in den Staub gezerrt alle heiligen Geräte, in Schutt und Asche versunken Eure Wohnstätten und zerstampft, dem nackten Erdreich gleich gemacht Eure Gräber — ein fremdes Geschlecht wird Euch hinwegtreiben aus den Mauern der Gottesstadt, ruhelos werdet Ihr umherirren und die Luft wird erfüllt sein von Enreu Klagen, — verjagt, zerstoben in alle Teile der Erde, so sehe ich Dich, mein armes Volk, umherirren in der Wüste des Unglaubens und der Verwirrung. . . führt mich zum Tode!" Ein Schrei der Entrüstung dnrchzitterte die Stadt. Mariamne, die holde Königin, die Blume aus dem glorreichen Geschlecht der Makkabäer, gerichtet, zum Tode verurteilt gleich einer gemeinen Sünderin, sie, die rein war wie der Glanz der Morgenröte, — und einem Riesenschwarme gleich umlagerte laut murrend und wilde Flüche ausstoßend das Volk den königlichen Palast. Und als sie nun erschien, das bleiche Antlitz vom Hauche des Todes angeweht, den Blick der großen blauen Augen himmelwärts gerichtet, da erscholl lautes, herzzerreißendes Jammerir und Wehklagen — wie brandende Meereswogen, so wogte und wallte das empörte Volk, und mit wildein Fluche und drohenden Geberden erhoben sie ihre Hände gegen den Palast des Herrschers. Wie eine lvild tosende Flut, so umgab das trauernde Volk Israel seine junge Königin auf ihrem Todeswege. Der düstere Zug hatte sich jetzt vom Palaste entfernt, immer größer und gefahrdrohender schivoll die wutentbrannte Menge an, immer lauter und drohender erscholl die Klage und vermengte sich mit dem Schluchzen und Beten der Frauen und Kinder. Da durchbrach plötzlich eine im Sturmschritt dahineitende Gestalt die die Königin umgebenden Wachen. Mit fliegenden Gewändern, wild zerzausten Haaren, das Antlitz zu grauser Fratze verzerrt, stürzte Alexandra, die unselige Fürstin, dem Zuge nach, der ihre Tochter zum Tode führte. „Sieh doch einer das Püppchen!" rief sie mit grimmigem Spotte, „nun schreitet sie doch den Weg der Sünderin! Ha, ha, ha!" lachte sie wahnwitzig den Davonschreitenden nach. „Nun hast Du Deinen Lohn, was half Dir nur die Fratze? Konnte sie ja meinem Engelskinde nicht frommen und hätte Dich vor dem Verderben bewahren sollen? Mit Nichten, meine schöne Königin! Warum verstandest Du es nicht besser, Königin zu heißen? Weshalb wußtest Du die Gnade Gottes nicht zu schätzen, die Gattin des edlen Herodes zu sein?" Mit wilden Flüchen und drohenden Geberden suchte das erbitterte Volk die Rasende zu verscheuchen, selbst die die Königin umringende Wache konnte die Wütende nicht zurückdrängen; immer näher drängte sie sich an die Königin heran, immer lauter erscholl ihre Stimme, immer drohender wurden ihre Geberden. Ein wehmütiges Lächeln umspielte den bleichen Mund der jungen Königin; jetzt erhob sie den Blick und mit einem Ausdrucke unendlichen Mitleids umfaßte ihr Auge die Gestalt der rasenden Alexandra. Zwei große Tränen rannen auf ihre bleicheil Wangen herab. Tiefes, schneidendes Weh erfaßte der diesem Anblicke das Herz des Volkes und laut jammernd und wehklagend sankeil sie zur Erde hin. Die Königin aber, den Blick ihrer großen Augen in seliger Verzückung nach oben gerichtet, schritt weiter, dem Tode entgegen, begleitet von den Scheltworten ihrer Mutter und dem lauten Jammern und Wehklagen ihres Volkes, das die Stad! erfüllte mit unheimlichem Getöse und seinen Weg fand bis in die Mauern des Palastes, wo mit zerrissenen Gewändern und zerrauften Haaren, den stieren Blick in wahnwitzigem Entsetzen vor sich hin gerichtet, den Leib von wildem Krampfe verzerrt. Herodes, König der Juden, sein gemordetes Weib beweinte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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