Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228527-3228558--59981-3296539- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
352 behaupten. Wären die deutschen Antisemiten wirklich gute Protestanten, wie sie es zu sein vorgeben, so müßte ihnen diese Hetze doch etwas zu denken geben. * Die Aktion Amerikas in der Kischinew-Frage ist also beendet. Die Petition der amerikanischen Juden ist am 15. d. M. in Washington eingelangt. Staatssekretär Hay sandte dem amerikanischen Botschafter in Petersburg telegraphisch Weisungen betreffs der anzuwendenden Mittel, um die Petition zur Kenntnis des Kaisers Nikolaus zu bringen. Präsident Roosevelt, der tagsdarauf eine Deputation hervorragender Juden in Oysterbay empfing, teilte dieser mit, daß inzwischen die rnssische Regierung in der Strafverfolgung der Uebeltäter „eine bewunderungswürdige Energie" entwickelt habe. Die Deputation machte Einwendungen; sie erkannte jedoch, das; Roosevelt nichts weniger als eine Ablehnung der Petition kuudgeben wolle, und hielt es für angezeigt, einzuräumen, daß sich allerdings die Verhältnisse in letzter Zeit völlig geändert hätten. Dem „Globe" wird hierzu gemeldet, daß Hay vorige Woche mit seiner Opposition gegen die Erzwingung der buchstäblichen Ueberreichung der Petition durchdrang. Hay wurde durch das Anerbieten großer Zugeständnisse in der Mandschurei-Frage beeinflußt. Leo N. Levy, der die Deputation führte, bestreitet allerdings, daß der Präsident seine Haltung gegen die Petition verändert habe. Levy erklärt die Ansichten der Juden Amerikas für kongruent »nt jenen Roosevelts. Die Saimnluug von Unterschriften für die Petition werde ruhig weiter betrieben und es liefen von führenden Männern aller Klassen Unterschriften ein. Levy weist darauf hin, daß die Petition iveder ein Protest noch eine Vorstellung sei. Sie wolle sich nicht in russische Angelegenheiten einmischen. Schließlich sei sie keine jüdische Petition, sondern eine solche amerikanischer Bürger ohne Unterschied der Konfession. Inzwischen hat das Auswärtige Amt in Petersburg tatsächlich angefragt und umgehend erfolgte die Antwort der russischen Regierung, sie werde die Petition der Juden, betreffend die Vorgänge in Kischinew weder entgegennehmen noch in Erwägung ziehen. Die Antlvort ist dem Staatsdepartement durch den amerikanischen Geschäftsträger in Petersburg telegraphiert und sofort dem Präsidenten Roosevelt nach Oysterbay übermittelt worden. Man hält nunmehr die Angelegenheit für abgeschlossen. Zum Ueberfluß hat noch Staatssekretär Hay ausdrücklich erklärt, daß der Zwischenfall, der durch die Frage der Uebermittelung der jüdischen Petition betreffend die Vorgänge in Kischinew an die russische Regierung entstanden war, erledigt sei. Offenbar liegt in diesem Beschluß der amerikanischen Regierung eine Aenderung der Lage, denn er läßt erkennen, daß Präsident Roosevelt sich von der öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten nicht zu aggressiven Maßnahmen gegen Rußland drängen lassen will. Nun, das ist seine Sache. Nur sollte man sich auch in Amerika davor hüten, die Wahrheit zu verschleiern. Denn der Moskauer Korrespondent des „Mvrning Leader" erhält aus vorzüglich informierter Quelle die Nachricht, daß die Angeklagten in Kischinew nicht streng behandelt werden. Ganz unwahrscheinlich ist es, daß die Anklage wegen Mordes erhoben werden wird. Die Information bezeichnet« die amtlich e Untersuchung als eine Farce. Bekanntlich hat Rußland in der ganzen Welt bis nach Amerika hinein die Nachricht verbreiten lassen, daß jetzt mit äußerster Schärfe gegen die Exzedenten vorgegangeu werden wird; es geschah dies, um das Ausland von weiterer Eininischung abzuhalten. Die Ankunft des neuen Gouverneurs von Bessarabien, Fürst U russo w, ist deshalb gerade zur rechten Zeit erfolgt. Derselbe hat bei seinem Eintreffen in Kischinew eine jüdische Deputation unter der Leitung des Dr. Mutschnik empfangen und ihr auf das bestimmteste versichert, er würde alle Maßnahmen treffen, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Er bat die Deputation, offen mit ihm zu reden und ihm in seiner Aufgabe zu helfen. Dasselbe sagte Fürst Urussow einer Deputation jüdischer Aerzte. Als der Gouverneur dem Dr. Mutschnik und dem Rechtsanwalt Königschanz, den Leitern der Deputation, am nächsten Tage ihren Besuch erwiderte, machte dieses in den Annalen Kischinews nie dagewesene Ereignis einen tiefen und beruhigenden Eindruck. Gleichzeitig liegt die Meldung vor, die Landpolizei des Kreises Kischinew solle dafür Sorge tragen, daß die nach dem Blutbad aus Kischinew aufs Land geflohenen Juden wieder in die Stadt zurückkehren, weil nicht die geringste Gefahr für sie mehr vorliege. Zum Schluffe noch die Meldring, daß in Dub ossary ein gewisser Michael Rybolenko unter dem erdrückenden Verdachte verhaftet wurde, seinen jungen Neffen ernrordet zu haben. Man erinnert sich, daß der Mord dieses Knaben dem „Bessarabetz" in Kischinerv zu der Ausstreuung Anlaß gab, daß die Juden den Knaben zu rituellen Zwecken ernrordet hätten. Dieses Märchen rvar alsdann einer der Faktoren, die den Anlaß zu den Judenmetzeleien in Kischinew geboten haben. für die Juden. Von Adeline Goldberg. em „Bericht über die Ethische Bewegung vom 15. März 1903, herausgegeben von Dr. Fr. W. Förster, Sekretär des Ethischen Bundes (Leipzig 1903), entnehmen wir folgende Mitteilung: In einer großen zionistischen Versammlung in Whitechapel- London hielt Dr. Coit, ein bekarrnter englischer Ethiker, einen Vortrag über die „Mission des Judaismus", dessen Gedankengang daselbst kurz wiedergegeben ist: „Dr. Coit sagt, er sei voi; allen Juden, die er kenne, der orthodoxeste (eine Beinerknug, die viel Heiterkeit erregte). Viele Juden hätten heute ihren Glauben verlassen, seien lveltlich und materialistisch geworden und drängten danach, cle-judaisiert zu werden, als ob sie sich ihrer Tradition zu schämen hätten. Er weiche von Felix Adler h ab, der es für nötig gehalten habe, eine ethische Bewegung unabhängig vom Judentum zu begründen. Nach Adler seien Moral und Gerechtigkeit universell und human und sollten urlabhängig von den Rassenunterschieden gepflegt werden. Nach dem gründlicheir Studium der jüdischen Tradition aber sei es ihm, dem Redner, klar geworden, daß Adler einen Fehler begangen habe, und daß er die ethische Beweguilg auf dem historischen Boden des Judaismus hätte beginnen lassen sollen. Biele Leute hätten neuerdings gesagt, die Juden sollten ihre Rassenidee aufgebeu n>ld sich mit der anderen Rasse vermischen. Das sei gerade so, als ob man sage, die Engländer sollten, weil sie den übrigen Nationen mißliebig seien, sich nicht mehr Engländer nennen. Ein anderer Vorschlag sei der zionistische Gedanke eitles neuen Judenstaates. Aber er glaube nicht daran, daß die Juden eine Nation werden könnten, wen» sie nicht zuvor in ihrer eigenen Mitte eine Bewegung zur Ausbreitung des Jdealisinns — eine ethische Bewegung begründeten. y Felix Adler ist eine bekannte Persönlichkeit in Newyork — er hat auch in Berlin studiert und u. a. auch die Vorlesungen in der Beitel Heine Ephraim'schen Lehranstalt gehört — jetzt Leiter einer Ethischen Schule und, wie wir aus derselben Quelle erfahren, vor kurzem zum Professor der sozialen und politischen Ethik an der Universität Columbia ernannt worden, eine Ernennung, um deren Zustaildekommen sich bedeutende Männer verschiedener Kreise, wie Karl Schurz, Bischof Potter u. a. bemüht haben.